Rumpelstilzchen – Vedana in Grimms Märchen

Śrīḥ
Śrīmathē śatakōpāya namaḥ
Śrīmathē rāmānujāya namaḥ
Śrīmath varavaramunayē namaḥ
Śrī vānāchala mahāmunayē namaḥ

Wie andere Kulturräume hatte auch der unserige Raum eine Tradition mündlicher Erzählungen, die über lange Zeiträume weiter gegeben wurden. Rechtzeitig, bevor diese mündlichen Erzähltraditionen abbrachen, wurden die Erzählungen gesammelt und sind heute als Sagen und Märchen bekannt.

Viele dieser Erzählungen sind für uns heute von geringer Bedeutung. Allzuoft atmen sie vor allem die bittere Armut unserer Vorfahren und den Traum, auf die eine oder andere Art zu Reichtum und Wohlstand oder zumindest zu Vorteilen zu kommen – und den Tücken dabei.

Manch ein Text bleibt aber rätselhaft. Der Inhalt der Erzählung erscheint bei genauer Überlegung absurd und unlogisch, Menschen tun ohne nachvollziehbaren Grund bizarre Dinge oder glauben Seltsames. Warum wurden diese Erzählungen dann müdlich überliefert? Es muss doch auch den Menschen vor 500 Jahren schon aufgefallen sein, wie unlogisch der Inhalt ist?

Psychoanalytiker haben zurecht darauf hingewiesen, dass Märchen mit Symbolen und Bilder arbeiten, der oberflächliche Inhalt der Erzählung ist nicht das, was zählt.

Ein Märchen, das bei oberflächlicher Betrachtung komplett unlogisch, aber bei rechter Betrachtung voll tiefer Weisheit ist, ist das Märchen von Rumpelstilzchen. Hier der Text des Märchens, wie man ihn z.B. auf grimmstories.com/de/grimm_maerchen/rumpelstilzchen finden kann:


Es war einmal ein Müller, der war arm, aber er hatte eine schöne Tochter. Nun traf es sich, daß er mit dem König zu sprechen kam, und um sich ein Ansehen zu geben, sagte er zu ihm: „Ich habe eine Tochter, die kann Stroh zu Gold spinnen.“ Der König sprach zum Müller: „Das ist eine Kunst, die mir wohl gefällt, wenn deine Tochter so geschickt ist, wie du sagst, so bring sie morgen in mein Schloß, da will ich sie auf die Probe stellen.“

Als nun das Mädchen zu ihm gebracht ward, führte er es in eine Kammer, die ganz voll Stroh lag, gab ihr Rad und Haspel und sprach: „Jetzt mache dich an die Arbeit, und wenn du diese Nacht durch bis morgen früh dieses Stroh nicht zu Gold versponnen hast, so mußt du sterben.“ Darauf schloß er die Kammer selbst zu, und sie blieb allein darin. Da saß nun die arme Müllerstochter und wußte um ihr Leben keinen Rat: sie verstand gar nichts davon, wie man Stroh zu Gold spinnen konnte, und ihre Angst ward immer größer, daß sie endlich zu weinen anfing. Da ging auf einmal die Türe auf, und trat ein kleines Männchen herein und sprach: „Guten Abend, Jungfer Müllerin, warum weint Sie so sehr?“

„Ach,“ antwortete das Mädchen, „ich soll Stroh zu Gold spinnen und verstehe das nicht.“ Sprach das Männchen: „Was gibst du mir, wenn ich dirs spinne?“ – „Mein Halsband,“ sagte das Mädchen. Das Männchen nahm das Halsband, setzte sich vor das Rädchen, und schnurr, schnurr, schnurr, dreimal gezogen, war die Spule voll. Dann steckte es eine andere auf, und schnurr, schnurr, schnurr, dreimal gezogen, war auch die zweite voll: und so gings fort bis zum Morgen, da war alles Stroh versponnen, und alle Spulen waren voll Gold.

Bei Sonnenaufgang kam schon der König, und als er das Gold erblickte, erstaunte er und freute sich, aber sein Herz ward nur noch geldgieriger. Er ließ die Müllerstochter in eine andere Kammer voll Stroh bringen, die noch viel größer war, und befahl ihr, das auch in einer Nacht zu spinnen, wenn ihr das Leben lieb wäre. Das Mädchen wußte sich nicht zu helfen und weinte, da ging abermals die Türe auf, und das kleine Männchen erschien und sprach: „Was gibst du mir, wenn ich dir das Stroh zu Gold spinne?“

„Meinen Ring von dem Finger,“ antwortete das Mädchen. Das Männchen nahm den Ring, fing wieder an zu schnurren mit dem Rade und hatte bis zum Morgen alles Stroh zu glänzendem Gold gesponnen. Der König freute sich über die Maßen bei dem Anblick, war aber noch immer nicht Goldes satt, sondern ließ die Müllerstochter in eine noch größere Kammer voll Stroh bringen und sprach: „Die mußt du noch in dieser Nacht verspinnen: gelingt dir’s aber, so sollst du meine Gemahlin werden.“ – „Wenn’s auch eine Müllerstochter ist,“ dachte er, „eine reichere Frau finde ich in der ganzen Welt nicht.“ Als das Mädchen allein war, kam das Männlein zum drittenmal wieder und sprach: „Was gibst du mir, wenn ich dir noch diesmal das Stroh spinne?“ – „Ich habe nichts mehr, das ich geben könnte,“ antwortete das Mädchen. „So versprich mir, wenn du Königin wirst, dein erstes Kind.“ – „Wer weiß, wie das noch geht,“ dachte die Müllerstochter und wußte sich auch in der Not nicht anders zu helfen; sie versprach also dem Männchen, was es verlangte, und das Männchen spann dafür noch einmal das Stroh zu Gold. Und als am Morgen der König kam und alles fand, wie er gewünscht hatte, so hielt er Hochzeit mit ihr, und die schöne Müllerstochter ward eine Königin.

Über ein Jahr brachte sie ein schönes Kind zur Welt und dachte gar nicht mehr an das Männchen: da trat es plötzlich in ihre Kammer und sprach: „Nun gib mir, was du versprochen hast.“ Die Königin erschrak und bot dem Männchen alle Reichtümer des Königreichs an, wenn es ihr das Kind lassen wollte: aber das Männchen sprach: „Nein, etwas Lebendes ist mir lieber als alle Schätze der Welt.“ Da fing die Königin so an zu jammern und zu weinen, daß das Männchen Mitleiden mit ihr hatte: „Drei Tage will ich dir Zeit lassen,“ sprach er, „wenn du bis dahin meinen Namen weißt, so sollst du dein Kind behalten.“

Nun besann sich die Königin die ganze Nacht über auf alle Namen, die sie jemals gehört hatte, und schickte einen Boten über Land, der sollte sich erkundigen weit und breit, was es sonst noch für Namen gäbe. Als am andern Tag das Männchen kam, fing sie an mit Kaspar, Melchior, Balzer, und sagte alle Namen, die sie wußte, nach der Reihe her, aber bei jedem sprach das Männlein: „So heiß ich nicht.“ Den zweiten Tag ließ sie in der Nachbarschaft herumfragen, wie die Leute da genannt würden, und sagte dem Männlein die ungewöhnlichsten und seltsamsten Namen vor „Heißt du vielleicht Rippenbiest oder Hammelswade oder Schnürbein?“ Aber es antwortete immer: „So heiß ich nicht.“

Den dritten Tag kam der Bote wieder zurück und erzählte: „Neue Namen habe ich keinen einzigen finden können, aber wie ich an einen hohen Berg um die Waldecke kam, wo Fuchs und Has sich gute Nacht sagen, so sah ich da ein kleines Haus, und vor dem Haus brannte ein Feuer, und um das Feuer sprang ein gar zu lächerliches Männchen, hüpfte auf einem Bein und schrie:

„Heute back ich,
Morgen brau ich,
Übermorgen hol ich der Königin ihr Kind;
Ach, wie gut ist, daß niemand weiß,
daß ich Rumpelstilzchen heiß!“

Da könnt ihr denken, wie die Königin froh war, als sie den Namen hörte, und als bald hernach das Männlein hereintrat und fragte: „Nun, Frau Königin, wie heiß ich?“ fragte sie erst: „Heißest du Kunz?“ – „Nein.“ – „Heißest du Heinz?“ – „Nein.“ – „Heißt du etwa Rumpelstilzchen?“

„Das hat dir der Teufel gesagt, das hat dir der Teufel gesagt,“ schrie das Männlein und stieß mit dem rechten Fuß vor Zorn so tief in die Erde, daß es bis an den Leib hineinfuhr, dann packte es in seiner Wut den linken Fuß mit beiden Händen und riß sich selbst mitten entzwei.


Das Märchen verstehen – die Oberfläche

Das Märchen lässt ratlos zurück. Das macht doch alles überhaupt keinen Sinn! Warum ist der König so dumm, dass er dem Müller glaubt? Warum droht er der Tochter mit dem Tod, anstatt den Vater zu bestrafen? Warum will Rumpelstilzchen ein Baby?

Das Problem mit vielen Märchen und allgemein alten Erzählungen ist, dass wir sie mit unserem heutigen Blick auf die Welt lesen und die Symbole, die das Märchen benutzt, nicht mehr verstehen. Wenn man die gängigen Interpretationen dieses Märchens liest, fällt schnell auf, dass oft gar nicht der Versuch unternommen wird, das Märchen so zu lesen, wie es ein Mensch in alter Zeit vermutlch verstehen würde – man ist vorschnell mit Interpretationen bei der Hand. Versuchen wir also zunächst, die Grundelemente im historischen Kontext zu verstehen.

Vater und Tochter

Für uns sind Wasser- und Windmühlen heute etwas Schönes und Nostaligisches. Aber in alter Zeit war eine Mühle etwas Unheimliches, nahezu Magisches, denn Mühlen waren praktisch die einzigen großen Maschinen, die es gab. Kraft wurde normalerweise durch Menschen oder Tiere erzeugt – dass so eine große Maschine wie von Geisterhand anfing zu drehen (und, durch die Mechanik aus Holz und durch Festlaufen / Reibungshitze leicht Feuer fangen konnte), das war den Menschen unheimlich. Müller war im Mittelalter folglich kein ehrbarer Beruf und Müller oder Müllersburschen sind in der Sagenwelt zuweilen zauberkundig – als Beispiel sei z.B. auf den zauberkundigen Müllersburschen Pumphut verwiesen.

Stroh zu Gold spinnen
Bis ins späte Mittelalter bestanden Legenden von Gelehrten, Alchemisten, die unedle Materialien zu Gold verwandeln können. Normalerweise wurde versucht, unedle Metalle wie Eisen in Gold zu verwandeln. Wie viel großer wäre der Alchemist, der Materialien, die damals allgegenwärtig waren (Stroh) in Gold verwandeln kann!

Die Tochter eines Müllers, die Stroh zu Gold spinnen kann
Setzen wir nun beide Elemente zusammen. Hier der Müller, Herr über für den normalen Menschen rätselhafte Maschinen, dort seine Tochter, von der dieser behauptet, dass sie die höchste denkbare Kunst beherrschen würde – nämlich ein Material, das in nahezu beliebigen Mengen vorhanden ist, zu Gold zu spinnen.

Deswegen droht der König, die Tochter zu töten, wenn sie die Aufgabe nicht erfüllt: Die Kunst, die die Tochter für diese Aufgabe anwenden muss, ist auf der ganzen Welt äußerst begehrt und er muss sie zwingen, ihm ihr Geheimnis auch wirklich preiszugeben – wenn sie es denn hat. Aus diesem Grund schließt er die Kammer selber zu – damit sie ihm nicht entwischt und jemand anderem das Geheimnis verrät.

Hermes Trismegistos, griechisch / ägyptischer Gott, der den Menschen verschiedene Lehren zu Alchemie und Mystik gab.

Die arme Tochter, die nun vor einer rational gesehen unlösbaren Aufgabe steht, ist zu Recht verzweifelt. Völlig überraschend taucht aber ein kleines Männchen auf, das für eine völlig lächerliche Gegenleistung bereit ist, diese unlösbare Aufgabe für sie zu lösen. Denn was ist ein Halsband als Lohn für jemanden, der Stroh zu Gold spinnen kann, also Gold in quasi beliebigen Mengen erschaffen kann?

Offensichtlich geht es hier nicht um den Wert, sondern um die initime Bindung, die die Tochter an dies Dinge hat. Das Halsband mag eins von mehreren sein, der Ring, das er als Nächstes angeboten bekommt, ist schon sehr viel persönlicher – und was kann persönlicher sein als das eigene Kind?

Rumpelstiltzchen

Warum aber will dieses Männchen etwas Persönliches? Diese Frage wird uns später zum Kern des Märchens führen, im Moment können wir sie noch nicht beantworten. Die zweite Frage zu Rumpelstilzchen ist einfacher. Warum zerstört sich dieses Männchen eigentlich selbst, wenn man seinen Namen kennt?

In der heutigen Zeit, der Postmoderne, in der die Wörter und Dinge zu nahezu beliebig austauschbaren Symbolen degeneriert sind, kann man leicht vergessen, welche Macht Sprache in alter Zeit gehabt hat. Ob man nun an die Veden und ihre exakt vorgeschriebene Rezitation denken will oder die Fragmente, die in unseren Sagen und Märchen über Bann- und Zaubersprüche erhalten sind und die immer wieder über die Gefahren berichten, die entstehen, wenn man sie falsch ausspricht. In alter Zeit war den Menschen klar, dass Sprache, dass Wörter, etwas Machtvolles sind, das man mit entsprechendem Respekt nutzen sollte.

„Etwas beim Namen nennen“, diese Redensart gibt es im Deutschen noch – etwas beim Namen nennen bedeutet immer auch, Macht über diese Sache zu gewinnen, sie ein- und abgrenzen zu können. Nicht umsonst hat Gott in der vedischen Tradition unzählige Namen, die Tausend Namen Viṣṇus sind ja nur die wichtigsten Tausend, es gibt noch viele weitere. Eine Bedeutungsebene dieser vielen Namen ist, dass man niemals alle seine Namen kennen kann und somals niemals auch nur definitorische Macht über ihn gewinnen kann.

Rumpelstilzchen ist nun ein Wesen aus der Anderswelt. Das ist daran zu sehen, dass er geschlossene Türen überwinden kann, zudem fasst er sich am Ende an seinen linken Fuß. Wie Wolf-Dieter Storl in seinen Büchern immer wieder hervorhebt, war die „falsche“ Seite, die Linke, die Richtige, wenn es um die Anderswelt ging. Heil- und Zauberkräuter durften z.B. nur mit der linken Hand geschnitten werden, sonst behielten sie ihre Kraft nicht.

Mit der Kenntnis seines Namens bekam die Tochter Macht über Rumpelstiltzchen. Der rechte Fuß wird in der Erde versenkt, es mag ein Verweis darauf sein, dass er damit die Verbindung zur Tiefe, zur Anderswelt öffnet. Dann greift er an den linken Fuß zerstört seine Existenz hier, vermutlich um in die Anderswelt zurück zu kehren.

Wir haben damit nun – zumindest in groben Zügen – das Verständnis bekommen, das ein Mensch in alter Zeit von diesem Märchen wohl hatte. Wir verstehen nun, warum der König dem Müller glaubt, warum er die Tochter mit dem Tode bedroht und was es mit Rumpelstilzchen und seinem Namen auf sich hat – all das war für einen Menschen in alter Zeit wohl klar und bedurfte keinerlei Erklärung. Aber warum wurde dieses Märchen in oraler Tradion bewahrt? Ist es nicht einfach die wundersame Rettung einer Tochter vor dem Unsinn, den ihr Vater erzählt hat? Warum wurde dies bewahrt?

Der Grund ist, dass das, was wir gerade mühsam entschlüsselt haben, wiederum nur ein Symbol ist.

Das Märchen verstehen – tiefere Symbolik

Beginnen wir mit einer einfachen Frage: hat der Vater in diesem Märchen eigentlich eine positive oder negative Rolle? Man ist geneigt, ihn negativ zu sehen, weil er seine Tochter in eine unmögliche Situation bringt. Aber wäre sie ohne ihn Königin geworden? Niemals! Dem Vater fällt also die Rolle zu, seine Tochter aus ihrer Komfortzone zu bringen, sie in eine Situation zu bringen, die außerhalb des Alltäglichen liegt, aus der sie zu etwas Größerem, als ihre eigene Herkunft eigentlich zulässt, werden kann.

So wie es ein guter Lehrer manchmal tut. Ein spirtueller Lehrer (Guru) gibt seinem Schüler zuweilen seltsame Aufgaben. Die Gurus vor Rāmānuja haben ihre Schüler durch vielerlei Aufgaben geprüft, bevor sie ihnen wertvolle Geheimisse preisgaben. Ramanuja musste z.B. 18 Mal eine Strecke von ca 100km zu einem Guru gehen, bis er die Bedeutung eines bestimmten Mantras erklärt bekam.

Aber auch im weltlichen Kontext gibt es solche Prüfungen. Jeder Mathe-Student kennt sie, die unlösbar scheinenden Aufgaben. Viele Stunden und Tage muss er investieren, um sie zu knacken und es ist gerade dieses Bohren, dieses Verzweifeln und immer wieder neu ansetzen, dass aus dem Studenten einen Mathematiker macht. Auch unter Handwerkern kennt man solche Prüfungen. Der Geselle, der sich auf den Weg zum Meister machen will, oft überlässt sein Meister ihm besonders kniffelige Aufgaben, um ihn auf die Probe zu stellen und sein Ego etwas abzukühlen.

In einem weiteren Kontext lässt sich unser Leben auf analoge Weise lesen. Jeder muss in seinem Leben durch vielerlei große und kleine Schwierigkeiten gehen. Die Überwindung jeder Schwierigkeit lässt uns reifen und wachsen. Und gibt es nicht im Leben von fast jedem nicht diese Momente, in denen man sich fühlt wie die Tochter im Märchen? Man steht vor einer unlösbaren Schwieigkeit und es geht weder vor zu noch zurück?

Die Schwierigkeiten, die wir meistern müssen, sind nach indischer Denktradition bei unserer Geburt bereits zu großen Teilen festgelegt, sie ergeben sich aus den Nachwirkungen unserer Handlungen in vergangenen Leben – unserem Karma. Entgegen dem landläufigen Verständnis ist Karma übrigens kein dezidierter Strafmechanismus, wie wir in diesem Artikel erläutern.

Vater und Tochter lassen sich also wahlweise als Lehrer / Schüler oder als das Leben / wir lesen. Aber wen symbolisiert dann der König? Der König steht für die Gesetzmäßigkeiten dieser Welt, in der indischen Denktradition nennt man sie Dharma. Der König definiert die Regeln, belohnt und straft. Man könnte diese Funktion als Gott personifizieren, aber zumindest in der indischen Denktradition ist diese Funktion zu trocken und gering für die höchste Persönlichkeit Gottes, die man Viṣṇu oder Nārāyana nennt. Mit der Kontrolle und Umsetzung der Gesetzmäßigkeiten der Welt werden geringeren Wesen beauftragt. In der indischen Denktradition ist dies Dharmadeva, was ein Name für Yama, den Totengott ist. Yama trägt die Insignien eines Königs:

Yama, indische Darstellung

Da der König recht drastisch ist und der Tochter mit den Tode droht, wenn sie die Aufgabe nicht erfüllt, sehen wir beiderseitige Referenzen zwischen der Figur des Königs im Märchen und Yama. Wie in diesem Artikel erläutert, finden wir allgemein vielerlei Bezüge zwischen dem Kosmos der indischen Religionen und den noch sichtbaren Fragmenten der alten, vorchristlichen Religion unserer Vorfahren. Es erscheint uns daher nicht abwegig, dass die Figur des Königs im Märchen in der vorchristlichen Zeit vielleicht noch näher an Yama war.

Rumpelstilzchen II

Damit bleibt nur noch die Frage: für wen oder was steht Rumpelstilzchen? Diese Frage führt uns zur Essenz des Märchens. Wer hilft uns hier und heute, nahezu unüberwindliche Schwierigkeiten zu überwinden? Unser Geist. In der indischen Denktradition unterscheidet man zwischen Buddhi, das ist die Denkkapazität, unsere Fähigkeit abstrakt zu denken und zu planen, Ahamkāra, der Ich-Konstruktion sowie Chit, unserem Bewusstsein. Im Gegensatz zur europäischen Denktradtion wird Bewusstsein nämlich als unabhängig von Denken und Ich-Konstruktion gesehen. Jedes Wesen, auch Pflanzen und Tiere, haben Bewusstsein, aber Buddi und Ahamkāra sind unterschiedlich ausgeprägt.

Chit ist nun ein ganz wesentlicher Ausdruck einer bewussten Einheit, eines Āthmās. Das Āthmā wird in den Veden als jenseits allen Reichtums, allen Verlangens, jenseits all dessen, was wir in unserer Existenz hier erreichen können, beschrieben. In der Katha Upanishade wird die Geschichte eines jungen Mannes namens Nachiketas erzählt, der zum Totengott Yama reist. Er möchte von ihm das Wissen über die letzten Dinge erhalten. Yama prüft seinen Willen durch allerlei Verlockungen, denen Nachiketas widersteht. Im 2. Abschnitt, Vers 11 und 12 spricht Yama:

Du hast das Ziel des Verlangens, die Substanz des Universums, die Unendlichkeit, die Verehrung, das andere Ufer, den weiten Raum, dem Ehre gebührt, und das große Sein gesehen und mit Geduld und Weisheit allem entsagt, was ich Dir anbot.

Durch die Kontemplation über Es, das Uralte, immerwährende Selbst, schwer zu erkennen, tief verborgen im Geist, in der Mitte des Leids, hast Du es realisiert. Den Geist auf das Selbst gerichtet, wird der Weise frei von Glück und Leid.

Die Erkenntnis des Selbst, des Āthmā, ist somit äußerst schwer zu erreichen, sie ist der größe Schatz – wie ein Kind für eine Mutter.

Das, was uns beim Überwinden der Schwierigkeiten hilft, ist aber nicht das Āthmā. Es sind Buddhi und Ahamkāra. Ahamkāra ist die Ich-Konstruktion. Diese ergibt sich quasi von alleine, wenn ein Āthmā in einem handelnden Wesen verkörpert ist. Ohne Buddhi und Ahamkāra könnte wir im physischen Sinn hier nicht existieren – denn ohne Planung und Überlegung können wir Menschen hier in Nordeuropa mit Wintern, wo kaum etwas wächst, das wir essen können, kaum überleben.

Rumpelstilzchen steht also nach unserer Lesart des Märchens für Buddhi und Ahamkāra – also unsere Ich-Konstruktion (ich bin XYZ geboren da und da, mit den Eltern, den Wünschen, Träumen und Bedürfnissen usw) und unser Verstand (wenn ich das tue, kommt das heraus, was mit dabei nützt, das jenes erreicht wird usw).

Rumpelstilzchens Lohn

Beide haben unseren Vorfahren geholfen, vielerorts zurecht zu kommen, Land zu kultivieren, genug zu Essen an ehemals unwirtlichen Teilen der Welt zu haben – kurz, das Unmögliche zu schaffen. Aber was hat es dann mit den Gegenleistungen, die die Tochter anbietet, auf sich? Sie stehen für den Preis des bewussten Denkens. Viele Menschen fühlen sich zu Tieren hingezogen, weil Tiere viel mehr im Moment sind, ihre Äußerungen sind unverstellt, sie verfolgen keine Agenda. Diese Leichtigkeit, sie ist der Preis, den wir dafür zahlen mussten, das Unmögliche zu tun. Wer gewohnt ist zu denken, zu planen, der kann damit meist nicht mehr damit aufhören. Immer arbeitet der Kopf, sorgt sich, überlegt, ob nicht der Nachbar eigentlich das gemeint hat bei dem, was er neulich sagte. Dies sind Kette und Ring der Tochter.

Unser Leben hier setzt vielerlei Überlegungen und technische Vorkehrungen voraus

Die Tochter gibt beides gern, denn der Wohlstand als Königin lässt es unwichtig erscheinen. Unsere Vorfahren haben das Grübeln sicher gerne in Kauf genommen, wenn sie dafür Essen auf dem Tisch und ein warmes Haus hatten. Und kann man nicht, wenn die aktuen Bedürfnisse gestillt sind, durch Kontemplation das Grübeln in den Griff bekommen?

Kann man. Aber es besteht Gefahr. Die letzte Gabe, für das letze Zimmer voll Stroh, dass die Tochter zu Gold verspinnt, ist ihr zukünftiges Kind. Die ersten beiden Nächte, hätte der König nach ihnen die Tochter gehen lassen, es wäre nichts weiter passiert. Aber die dritte Aufgabe, groß genug, um aus der Tochter des Müllers die neue Königin zu machen, für ihre Lösung gibt es keine einfache Gegenleistung mehr.

Die Tochter gewinnt durch das Bestehen der letzten Prüfung Herrschaft. Nachdem unsere Vorfahren es geschafft hatten, zu überleben, musste das Erreichte gegen andere Stämme und Gruppen gesichtert werden. Dies erfordert ein höheres Niveau von Denken und Planung. Der Jäger und Sammler, der Selbstversorger, der eine Waldlichtung urbar machte, sie können die Erfahrung langer Zeit nutzen und in dem Takt der Planzen und Tiere leben. Damit sind sie in einen gewissen Sinne noch „ganz“. Doch die Verteidigung gegen fremde Stämme und umherziehende Gauner, sie erfordert Wir/Sie Denken, Strategie, Durchspielen verschiedener Handlungsalternativen – kurzum unser modernes Denken.

Die Herrschaft, sie kostete also einen größeren Preis, den größten Schatz, jenseits aller Reichtümer – das Kind, das Āthmā. Wir haben die Bemerkungen von Yama zu Āthmā oben gelesen. Warum ist es versteckt, äußerst schwierig zu erkennen? Weil Bewusstsein, eigentlich ungetrübt und strahlend, überdeckt wird von unermesslichen Lagen an Idee, Konzepten, Sehnsüchten und eingefahrenen Denkfiguren. Diese sind das Ergebnise des Denkens von uns als entwickelten Menschen – es lässt sich nicht vermeiden, dass das Āthmā für uns schwer zu finden ist.

Eine erfolgreiche materiellen Existenz impliziert also, dass Buddhi und Ahamkāra, personifiziert als Rumpelstilzchen, so viel Eigenleben entwickeln, dass sie das Āthmā völlig überdecken – also, dass Rumpelstilzchen das Kind der Königin nimmt.

Und warum kann die Königin diesem Schicksal dann durch die Kenntnis des Namens von Rumpelstilzchen entgehen? Buddhi und Ahamkāra können nur dann so viel Eigenleben entwickeln, wenn man sie nicht als solche erkennt. Wenn wir denken „Dass ich den ganzen Tag darüber nachgrübele, wer mich wie findet, das ist doch ein Teil von mir!“ – dann hat Rumpelstilzchen das Kind. Wenn wir erkennen, dass Denken erst einmal nur Sprechen im Kopf ist und man durchaus auch mal im Kopf „die Klappe halten“ kann, weil es nicht immer etwas zu sagen gibt, dann hat man Buddhi in die Schranken gewiesen. Wenn man erkennt, dass das Ich im alltäglichen Sinne eine Konstruktion ist, die i.W. an diesen Körper gebunden ist und dass es ohne den Beobachter, der alle Gedanken, Gefühle usw wahrnimmt, nicht existieren kann, dann hat Ahamkāra keine unbeschränkte Macht mehr. Denn dann weiß man, dass „Ich“ temporär bin, „Ich“ werde verschwinden – nur der Beobachter in mir, der das „Ich“ mit Leben füllt, der ist unsterblich.

Man muss diese Dinge erkennen, beim Namen nennen, um seine eigene Konstitution zu erkennen. Kṛṣṇa spricht in Bhagavad Gītā, Kapitel 4, Vers 36-38 zu seinem Freund Arjuna:

Selbst wenn du von allen Schuften der größte Übeltäter bist, wirst du alle Schlechtigkeit mit dem Boot der Erkenntnis überwinden.

Wie entflammtes Feuer Brennholz zu Asche macht, Arjuna, so verzehrt das Feuer der Erkenntnis alle Taten.

In dieser Welt findet sich nämlich kein Läuterungsmittel, das der Erkenntnis vergleichbar wäre. Diese findet der im Yoga Vollendete mit der Zeit spontan in sich selbst.

Der letzte Vers verweist uns darauf, dass die Erkenntnis nicht aus intellektueller Überlegung stammt, sondern spontan kommt. Das „Ich“, das Ahamkāra, ist das Zentrum von Buddhi, der Denkarbeit – es kann sich nicht durch Denkarbeit selbst erkennen. Wir können über die Struktur unseres Geistes lesen und lernen, aber nur die ruhige Betrachtung dessen, was sich in uns abspielt, führt uns zu einer echten Erkenntnis der Lehre. Das Märchen scheint diesen Umstand dadurch anzudeuten, dass der Name von Rumpelstilzchen nicht durch das systematische Suche, sondern durch Zufall in einer äußerst abgelegenen Ecke des Königreiches gefunden wird.

Schlussfolgerung

Egal wie lange wir über ein Märchen grübeln, es wird seine Botschaften niemals ganz preis geben. Aber uns scheint, dass die gerade dargelegte Interpretation des Märchens als eine Botschaft über unsere eigene Konstitution recht schlüssig ist und in der Lage ist, Dinge die im Märchen seltsam erscheinen (v.a. die Selbstzerstörung von Rumpelstilzchen) mit Sinn zu erfüllen.

Im Laufe der nächsten Jahre werden wir sicher noch das eine oder andere Märchen „unter die Vedanta-Lupe“ nehmen und hoffen, dass noch die eine oder andere Überraschung auf uns wartet.

Jai Srimannarayana!

Erste Ausgabe von Grimms Märchen

Adiyen Mādhava Rāmānuja Dāsan

Amalanādhipirān

Einführung

Das Amalanādhipirān wurde vom Heiligen Thiruppānāḻvār verfasst. Thiruppānāḻvār gehörte zu den sogeannten Pāṇars, einer Linie von Musikern, die nicht zu den vier Kasten gehörten, aber wegen ihrer musikalischen Fähigkeiten wohl doch eine gewisse Achtung genossen.

Beim Thema Kaste gibt es viele Missverständnisse. Unser verehrter Gottbruder Venkatesh Rāmānuja Dāsan aus den USA hat in diesem englischen Artikel die Hintergründe des Konzepts Kaste beleuchtet und damit Missverständnisse aus dem Weg geräumt.

Unser Bild im Westen ist geprägt von dem Eindruck, dass Mitglieder unteren Kasten von den oberen Kasten underdrückt und ausgebeutet werden. Auch wenn dies zumindest teilweise zutrifft, gibt es doch auch eine zweite, im Westen kaum beachtete Seite des Kastensystems. Jemand mag zwar als Kind von Brahmanen (der höchsten Kaste) geboren worden sein, aber nur die Ausbildung in der Rezitation der Veden und die Befolgung der vorgeschriebenen Riten und Vorschriften macht ihn auch zum Brahmanen. Ein Inder, den man in einer Bar in Delhi mit einem Glas Whiskey antrifft, ist somit kein Brahmane, egal was er behautet und was seine Eltern waren – denn der Genuss von Alkohol ist für Brahmanen strikt untersagt. Falls seine Eltern Brahmanen waren, ist er nur noch Verwandter von Brahmanen – aber er ist selbst nicht mehr qualifiziert, die rituellen Tätigkeiten eines Brahmanen auszuführen. Es gibt nämlich eine Symmetrie: je höher der Status im Kastensystem, umso mehr Pflichten und Regeln. Eine Verletzung dieser Plichten lässt ihn – zumindest in orthodoxer Lesart – auf den selben Status wie einen Śūdrā (Mitglied der untersten Kaste, nicht autorisiert die Veden zu rezitieren) fallen.

Wenn also der oben genannte Inder sich von Nicht-Brahmanen fern hält und auf sie herab schaut, muss man ihm vorwerfen, mit zweierei Maß zu messen. Er kann sich erst dann auf die Regeln um Umgang mit Brahmanen berufen, wenn er die Regeln selbst auch befolgt. Denn: Höherer Status bedeutet immer auch mehr Pflichten und einen strengeren Maßstab für das Handeln einer Person.

Unsere Āchāryas haben daher immer wieder hervorgehoben, dass die Geburt in einer niederigen Kasten oder sogar außerhalb des Kastensystems (wie für uns Westler) eine große Gnade ist. Während Menschen höherer Kasten diverse Pflichten haben, sind wir Kastenlosen frei, wir haben keine religösen Pflichten und können doch genau die selbe Befreiung erlangen wie jemand aus der höchten Kaste. Wir können unser Zeit frei zur Verehrung des Herrn einsetzen, ganz so wie Thiruppānāḻvār es getan hat.

In einem wunderschönen tamilischen Film über das Leben von Rāmānuja wird die entscheidene Szene aus dem Leben des Āḻvārs dargestellt (ab Minute 7:30):

Eines Tages war Āḻvār wie so oft versunken in Lieder an Viṣṇu und versperrte dabei einem Brahmanen names Lokasārangamunivar, der gerade Wasser für Riten im Śrīraṅgam Tempel holen wollte, den Weg. Aufgrund der strikten Reinheitsvorschriften fühlte der Brahmane sich nicht in der Lage, den Āḻvār zu berühren oder eng an ihm vorbei gehen. So warf er einen Stein und verletzte den Āḻvār am Kopf. Der Āḻvār erwachte aus seiner Extase, bat den Brahmanen um Vergebung und machte ihm den Weg frei. Doch Lokasārangamunivar begann (manche sagen im Traum, andere tätsächlich), das Augenlicht zu verlieren und fand die Tempeltüren fest verschlossen vor – denn er hatte einen erhabenen Verehrer des Herrn verletzt. Erst als er die Reinheitsvorschriften ignorierte und den Āḻvār umarmte und um Vergebung bat, erhielt er sein Augenlicht wieder.

Es wird erzählt, dass Lokasārangamunivar im Traum von Ranganātha, der großen Haupt-Bildgestalt in Śrīraṅgam, dazu aufgefordert wurde, den Āḻvār zu ihm, d.h. zu Ranganātha zu tragen. Man muss dazu wissen, dass vor Rāmānuja den Kastenlosen der Zutritt zu den Tempeln i.d.R. verboten war, da man fürchtete, dass ihre bloße Berührung den Tempel verunreinigen würde. Aus diesem Grund trug er den Āḻvār zu Ranganātha und es wird erzählt, dass dieser das Amalanādhipirān bei dieser allerersten Begegnung mit Ranganātha gedichtet hat.

Es ist in seinen Versen sehr schön zu sehen, dass Thiruppānāḻvār trotz seines geringen gesellschaftlichen Status in vielen Texten bewandert war. Wir finden stets eine Zweiteilung: zunächst rühmt der Āḻvār Inkarnationen oder Taten des Herren, doch sein Fokus geht immer wieder zurück auf die Form von Ranganātha, der vor ihm liegt. Die Bedeutungen dieses Wechselspiels aus einer eher formalen und einer intimen Stimmung des Āḻvār lassen sich auf vielfältige Weise entfalten und unsere Āchāryas, beginnend mit Manavāḷa Māmunigaḷ (einem bedeutenden Āchārya, siehe unsere Tradition) haben diesen Text immer wieder unterrichtet und kommentiert.

Da die tiefen esoterischen Bedeutungen für Einsteiger größteils unverständlich sind, beschränken wir uns hier auf eine Übersetzung mit einigen wenigen Erläuterungen.

Würdigungsverse (Thaniyans)

Ich verehre Thiruppānāḻvār, der Periya Perumāl (Ranganātha) voller Wonne von seinen heiligen Füßen bis zu seiner Krone genoss. Zu ihm wurde er von Lokasārangamunivar gebracht und er schwor, nur noch Periya Perumāl zu schauen.

Lasst uns Thiruppānāḻvār feiern, der, von Lokasārangamunivar gebracht, allein das Sanndihi (dem heiligsten Bereich des Tempels, in dem die Bildgestalt residiert) betrat, der die heiligen Füße, den heiligen Nabel, den unvergleichlichen heiligen Bauch, die heilige Brust, den heiligen Hals, den heiligen, rötlichen Mund und die heiligen Augen, die frisch erblühten Lotus gleichen – die ganze heilige Form des Herren – und für den der Lobpreis des Herrn der ganze Sinn seines Lebens war.

Śrī Ranganātha – Periya Perumāl

Vers 1

Oh Herr, Du ruhst in Śrīraṅgam, umgeben von hohen, schützenden Mauern.
Du bist unvergleichlich rein, doch von mir erwartest Du nichts.
Du hast die Kraft und Reinheit, mich nicht nur zu Deinem Diener zu machen, sondern auch zum Diener Deiner Anhänger.
Stets residierst Du in Thiruvenkata Hügeln (der Umgebung des Thirumala Venkateshvara Tempels in Thirupati, neben Śrīraṅgam der zweite wichtige Tempel unserer Tradition), umgeben von duftenden Gärten.
Deine Kraft und Reinheit ziehen Deine Anhänger an,
Deine Kraft und Reinheit vergibt ihre Vergehen.
Du herrscht über Vaikuntha (Achtung, der deutsche Wikipedia Artikel dazu ist fehlerhaft), Ort des ewigen Dienstes an Dir.
Oh, welch Wunder! Deine heiligen Füße haben meine Augen von selbst betreten!

Vers 2

Als der Herr voller Freude als Trivikrama die Welt umschritt, stieß seine Krone an die Grenze des Universums.
Śrī Rāmā, der die feindseligen Dämonen mit seinen scharfe Pfeilen zerstörte, residiert als Ranganātha in Śrīraṅgam, das von duftenden Gärten umgeben ist.
Meine Gedanken ruhen auf den erhabenen Gewändern, die um seine heilige Hüfte geschlungen sind.

Vers 3

Der Herr steht in den Thiruvenkata Hügeln, im Norden des Tamil-Landes, wo die Affen springen und spielen und wo die Nityasūris kommen und ihn als Śrīnivāsa (ein andere Name für Venkateshvara) verehren.
Er ruht auch auf dem weichen Bett der Ādiśeṣa in Śrīraṅgam. (Dieser Punkt ilustriert sehr schön einen Aspekt der Theologie der Śrī Vaiṣṇavas, nämlich dass zwischen den Formen Gottes in den verschiedenen Tempeln und auch den Avataren kein Unterschied gemacht wird. Śrīnivāsa und Ranganātha sind ein und der selbe, aber in verschiedenen Formen.)
Ruht mein Āthmā (grob: Seele, Kern des Bewusstseins), das in meinem Herzen wohnt, nicht auf seinen Gewändern, die rot sind wie der Abendhimmel, und auf seinem Nabel über den Gewändern, er, der noch schöner dadurch ist, dass ihm Brahmā entsprang?

Der letzte Punkt erklärt sich aus der Beschreibung des höchsten Herrn Nārāyana:

Nārāyana auf Ādiśeṣa, aus seinem Nabel kommt der Demiurge Brahmā, Lakṣmī massiert ihm die Füße

Brahmā ist der Schöpfer des Universums (es gibt viele Universen und viele Brahmās). Die obige Darstellung ist – wie praktisch alle Darstellungen im Hinduismus – zutiefst symbolisch. Die Dekodierung der vielen Symbole ist äußerst komplex und vielschichtig, wir unterlassen daher hier jegliche Versuche, dieses Bild zu erklären.

Vers 4

Der Herr ruht als Ranganātha in Śrīraṅgam, wo das Summen der Bienen wie Musik ist und die Pfauen tanzen.
Trotz der vier Mauern, die ihn schützen sollten, fegte dieser Herr Rāvaṇa, den Herrn von Lanka, vom Schlachtfeld. Der Herr, der die Farbe des Ozeans hat, trennte die zehn Köpfe Rāvaṇas vom Rumpf mit grausamen Pfeilen.
Das Band, dass den göttlichen die Bauch des Herren ziert, oh es ist fest in meinem Geist und durchströmt ihn.

Vers 5

Der Herr zerschnitt meine Verbindung zu den Vergehen, die auf mir lasten seit uralter Zeit.
Meine Hingabe zu ihm entzündete er und nicht genug, er betrat mein Herz.
Welch Bußen habe ich wohl auf mich genommen in früheren Leben, dass mir dieses Glück vergönnt ist? (In den Schriften wird immer wieder von Yogis berichtet, die schwere Tapasyas (grob: Bußen) auf sich nehmen, um besondere Fähigkeiten zu erlangen oder besondere Geschenke als Lohn zu empfangen. Auf so etwas spielt der Āḻvār hier an.)
Die heilige Brust des Herrn von Śrīraṅgam, geschmückt durch Thiru (Mahālākṣmī) und göttlichen Schmuck, oh ich bin ihr Diener, ihr Sklave.

Vers 6

Der Herr ließ die Sorgen von Rudra (ein anderer Name von Śiva), der den Halbmond am Kopf trägt, verschwinden. (Dies könnte eine Anspielung auf die Begebenheit, in der ein Totenschädel an Śivas Hand gewachsen ist und nur durch den Rat Viṣṇus wieder entfernt werden kann.)
Er ist Periya Perumāl, der Herr von Śrīraṅgam, umgeben von fruchtbaren Gärten voller Bienen, deren Summen wie Gesänge schallt.
Sein heiliger Hals (durch den am Ende des Schöpfungszyklus das gesamte Universum und alle anderen Universen zu einer Phase der Inaktivität und Ruhe eingezogen werden), er erhob mich aus Samsāra.

Vers 7

Periya Perumāl hat das geschwungene Muschelhorn, das feuerspeiende Chakra, seine göttliche Form ist wie ein riesiger Berg und seine majestätische Krone duftet nach Tulsi.
Er ist mein Herr, ruhend auf dem Schlangenbett (Ādiśeṣa) in erhabenen Śrīraṅgam, erstaunliche Dinge tut er.
Sein roter, wundersamer Mund, er zog mich an.

Vers 8

Der Herr, in starker Form (nämlich in seiner From als Narasimha) zerriss den Dämon Hiraṇyakaśipu, er ist selbst für die höchsten Devas wie Bramhā schwer zu erreichen.
Er ist der Grund der Gründe, alle Gaben stammen von ihm, er ruht in Śrīraṅgam.
Seine großen, dunklen Augen, geziert durch rote Linien, ich verlor mich in ihnen.

Vers 9

Er, der die Welten verschlang und auf dem Blatt eines Banyan Baumes ruhte (als göttliches Kind, das mit dem Saugen an seinem eigenen Zeh vollkommen zurfrieden ist, – diese Form Gottes wird auch Vaṭa patra śāyī genannt) ruht in Śrīraṅgam auf Ādiśeṣa als weichem Bett. Die schwarze, göttliche Form des Herrn, unvergleichlich, geschmückt mit vielerlei Schmuck, die mein Herz erfüllt. Oh, was kann ich für ihn tun?

Vaṭa patra śāyī Skulptur an einem Tempel

Vers 10

Der von der Farbe und der Qualität der Wolken,
geboren im Clan der Kuhirten, dessen Mund die Butter stahl (eine Anspielung auf Kṛṣṇa),
er, der meinen Geist anzieht und der Herr der Nityasūris ist, er liegt in Śrīraṅgam.
Meine Augen, die ihn verehren, nichts außer ihm wollen sie mehr sehen.


Adiyēn Mādhava Rāmānuja Dāsan
Übersetzung Englisch – Deutsch
Adiyēn Krishna Rāmānuja Dāsan
Übersetzung einer Zusammenstellung tamilischer Kommentare auf Englisch

Thiruppallāṇdu

Śrīḥ
Śrīmathē śatakōpāya namaḥ
Śrīmathē rāmānujāya namaḥ
Śrīmath varavaramunayē namaḥ
Śrī vānāchala mahāmunayē namaḥ

Einführung

Das Thiruppallāṇdu wurde vom Heiligen Periyāḻvār verfasst und nimmt unter den Texten der Āḻvārs einen hervorgehobenen Platz ein. Das besondere an diesem Werk ist, dass es ein „Mangalasasanam“ ist, ein Segen. Dieser Segen gilt – für Menschen aus unserer Kultur vermutlich überraschend – Śrīman Nārāyaṇa, Viṣṇu, also der erhabensten Form Gottes. Im Lichte der abendländischen Religionstradition mag das wiedersinnig erscheinen. Warum sollte ein Mensch Gott segnen? Wie kann er das überhaupt, angesichts der Größe Gottes und seiner eigenen Schwäche?

Doch solche Gedanken scheren Periyāḻvār nicht. Ein Aspekt der lebendigen Erfahrung des Göttlichen durch die Āḻvārs ist die Erfahrung einer unendlich zarten Schönheit, die vom höchsten Herren ausstrahlt. Periyāḻvār erblickt Gott, Viṣṇu, über eine Gruppe Menschen, die ihn (Periyāḻvār) nach dem Sieg in einer Debatte bejubeln. Und angesichts der unendlich zarten Schönheit Viṣṇus und den groben Menschen in seiner Nähe ist er besorgt. Sein Segen ist also kein Ausdruck eines intellektuellen oder theologischen Vorgangs, es ist ein Ausdruck der Erhabenheit von Periyāḻvār, der – im Gegensatz zu den anderen Āḻvārs – von Gott nichts erbittet, sondern für Gott bittet. Periya bedeutet denn auch auf tamilisch groß, Periyāḻvār bedeutet also „der große Āḻvār“.

Das Thiruppallāṇdu wird fast jedem „Goshti“, dem Zusammenkommen von Śrī Vaiṣṇavas zur Verehrung Gottes, rezitiert.

Śrī Vaiṣṇavas rezitieren gemeinsam Thiruppallāṇdu bei einem Utsavam (Tempelfest mit Prozession)

Wie viele Werke der Āḻvārs ist auch Dieses zuweilen nicht ohne weiteres zu verstehen, oft deuten die Āḻvārs nur Dinge mit wenigen Silben an oder kombinieren mehrere Wörter mit Sandhi, so dass die resultierende Buchstabenkombination auf mehrere Arten verstanden werden kann. Wir raten daher dringend davon ab, ohne die Unterstützung eines kenntnisreichen Muttersprachlers die tamilischen Originaltexte, die man auf koyil.org finden kann, zu analyieren. Oft gehen Übersetzungen aus Google Translate / dem Wörterbuch in die völlig falsche Richtung…


Übersetzung

Würdigungsvers I

Er, der ohne Unterweisung durch einen Guru antrat und aus allen Veden rezitierte.
Er, der (dadurch) den Wunsch erfüllte und den Sack Goldmünzen gewann, den der König (Vallabha) als Preis gesetzt hatte.
Er, der der Schwiegervater von Śrī Raṅganatha und die Zier des Brahmanenstandes ist.
Ihm, Viṣṇuchitta, gebührt meine Ehrerbietung.

Dieser Würdigungsvers (Thaniyan) spielt auf die beiden wichtigsten Begebenheiten im Leben von Periyāḻvār an. Wie alle Āḻvārs hat Periyāḻvār diverse Namen auf Tamil und Sanskrit. Sein wichtigster Name auf Sanskrit ist Viṣṇuchitta – der, dessen Geist von Gedanken an Viṣṇu erfüllt ist.

Periyāḻvār war Tempelgärtner in Srivilliputhur, eine Funktion, die traditionell nur Brahmanen ausüben können. Periyāḻvār war mit seinem Dienst im Garten vollkommen zufrieden und hatte daher nach den Unterweisungen seiner Jugend keine weiteren Unterweisungen gesucht, war also kein Gelehrter.

Als nun der lokale König einen Preis dafür auslobte, dass ein Gelehrter zweifelsfrei (gemäß den klassischen Regeln für Diskurs und Logik) beweisen kann, welche Form Gottes die höchste ist, beachtete er dies nicht weiter. Im Traum erschien ihm jedoch Viṣṇu und ersuchte ihn, an diesem Wettbewerb teilzunehmen und zu beweisen, dass Viṣṇu die höchste Form ist. Auf Periyāḻvārs Einwand, dass er nicht für einen solchen Diskurs qualifiziert sei, versprach Viṣṇu, dass er ihm helfen würde.

Als Periyāḻvār sich bei den Gelehrten zum Diskurs meldete, wurde er mit Belustigung empfangen, die anderen Gelehrten waren sicher, dass er gegen sie nicht den Hauch einer Chance hat. Doch zum allgemeinen Erstaunen gewann Periyāḻvār durch die perfekte Beherrschung des gesamten vedischen Schriftkanons. Auf jeden Einwand konnte er vielfältige Textstellen zitieren, die diesen Einwand entkräfteten.

Dass ein schlichter Tempelgärtner gegen die größten Gelehrten seines Landes gewann, wurde mit einem Umzug und großer Verehrung für Periyāḻvār gefeiert – bei dieser Gelegenheit erschien ihm Viṣṇu und der Āḻvār dichtete die vorliegenden Verse.

Später fand er bei seiner Gartenarbeit im Erdreich ein Baby – Āndāl, Avatar der Erdgöttin, ihrerseits einer der drei Aspekte der göttlichen Mutter. Das Bild zu diesem Artikel zeigt den Schrein an dem Ort, wo Āndāl gefunden wurde. Er nahm das Mädchen als seine Tochter an. Später heiratete Āndāl Śrī Raṅganatha, die Bildgestalt des Śrīraṅgam Tempels, und verschwand gleich daraufhin im heiligsten Bereich des Tempels. Daher ist Periyāḻvār der Schwiegervater von Śrī Raṅganatha.

Würdigungsvers II

Srivilliputhur, umgeben von leuchtenden, großen Mauern,
die, die diesen Namen sprechen, möge unsere Stirn zu ihren Füßen sein.
Einst (als der Ruhm von Viṣṇu als höchste Form Gottes zu beweisen war, s.o., gewann er und) fiel ihm der Sack Goldmünzen zu.
Oh Geist, denke daran und vermeide so die unangemessenen (nicht-vedischen) Wege.

Würdigungsvers III

Der König der Pandians (Vallabha) feierte ihn, den König der Vaiṣṇavas,
der König kam und lies die Muschelhörner blasen,
er (Periyāḻvār) erläuterte die letzte Bedeutung der Veden und gewann den Preis,
mögen seine Lotusfüße unser Schutz sein.


Vers 1

Viele Jahre der Menschen, der Devas und des Brahmā*.
Viele Brahmās lang.
Der mit starken Schultern, der die stärksten Ringer besiegt, blau wie ein Saphir,seine wunderbaren roten Füße, mögen sie beschützt sein.


*Demiurge des jeweiligen Universums, für Brahmā sind gemäß der Schriften 1000 Folgen der 4 Yugas wie ein Tag, seine Lebenspanne ist daher etwa 313.528.320.000.000 Menschenjahre. Mit der Schaffung eines Universums wird ein Brahmā geschaffen, wenn er stirbt wird dieses Universum zerstört und später mit einem neuen Brahmā erneut geschaffen

Nach seinem Segenswunsch lässt der Āḻvār uns wissen, dass er sehr wohl versteht, dass sich Gott selber schützen kann. „Der mit starken Schultern, der die stärksten Ringer besiegt“ spielt auf eine Kindheitsgeschichte von Kṛṣṇa an, in der er dutzende Ringer, die den Auftrag hatten, ihn in einem Schaukampf zu töten, seinerseits tötet. Als Kind!

Vers 2

Wir, Deine Diener und Du, unser Herr, mögen wir immer zusammen sein!
Wunderschön und mit Juwelen geschmückt, ruhen sie stets auf der rechten Seite Deiner Brust, Deine Gefährtinnen (die Gefährtin Viṣṇus, Lākṣmī, wird zuweilsen durch drei Göttinen repräsentiert: Śrī Devi, Bhudevi und Niladevi) – mögen sie sets mit Dir sein!
Leuchtend, so dass Deine Form erstrahlt, immer in Deiner rechten Hand, das Chakra (eine Art feuriger Diskus, die liebste Waffe Viṣṇus) – möge es immer bei Dir sein.
Jenes, dessen Klang auf dem Schlachtfeld erklingt, gleich einer Waffe (das Muschelhorn, neben dem Chakra die zweite Insignie Viṣṇus) – möge es immer bei Dir sein.

Nachdem der Āḻvār im ersten Vers die Lotusfüße des Herrn gesegnet hat, segnet er nun seine gesamte transzendentale Erscheinung mit all seiner Fülle.

Kṛṣṇa tötet Śiśupāla, nachdem Kṛṣṇa 100 Beleidigungen durch Śiśupāla ungesühnt gelassen hat – bei der 101. nutzt er das Chakra um Śiśupāla zu töten.

Vers 3

Wenn Du im Dienst am Herren gefestigt bist, komm mit uns und nimm die heilige Erde für das Fest (Śrī Vaiṣṇavas markieren ihre Stirn mit „Urdhva Pundram“, dem Symbol für Viṣṇu und Lakṣmī aus heiliger weißer Erde und rotem Kurkuma).
Doch dienst Du anderen Herren für Dein Essen, so lassen wir Dich nicht zu uns.
Ohne Vergehen sind wir seit 21 Generationen,
Lanka (Sri Lanka) war gefüllt mit Dämonen, sie wurden alle zerstört,
ihm, der gegen sie in die Schlacht zog, singen wir nun Thiruppallāṇdu (segnen ihn).

Der zweite Satz („Doch dienst Du anderen Herren…“) klingt zunächst einmal hart. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass der Āḻvār hier Vaiṣṇavas zu einem Utsavam, zu einem religiösen Fest, zusammen ruft. Wäre in der Gruppe derer, die Gott durch Gesänge und Gebete verehren jemand, dem es dabei nicht um Gott, sondern um seinen eigenen Wohlstand geht, würde die Verehrung an Kraft und Würde verlieren.

Vers 4

Bevor ihr auf dem Friedhof* landet, kommt zu uns.
Wenn Du erwägst, Kaivalya aufzugeben, schnell, komm zu uns!**
Ihr, Menschen in Land und Stadt die ihr wisst, was gut für euch ist und das Thirumantra chantet,
wenn eure Hingabe für das Thirumantra reicht, kommt und singt mit uns Thiruppallāṇdu!

* Eigentlich bedeutet das Wort natürlich „Verbrennungsort für Leichen“, Friedhöfe, in denen Leichen beerdigt werden, kannte man zu Zeites des Āḻvārs nicht – die Toten wurden verbrannt.
** aus Sicht des Āḻvārs ist höchste Eile geboten, aus Kaivalya, dem alleinigen Genuss der glückseligen Aspekte des Āthmās, gibt es keine Wiederkehr.

Vers 5

Der Herr der Sinne, Herr über die unzähligen Welten,
er sammelte und zerstörte Dämonen und Asuras.
Ihr aus der Grupper der, die ihm dienen wollen,
kommt zu uns, zu den Lotusfüßen des Herrn,
und singt seine tausend Namen!
Doch gehörtst Du zu denen, die den Herren für Anderes als den Dienst an ihm ersuchen,
gib es auf und singt mit uns Thiruppallāṇdu!

In diesem Vers spricht der Āḻvār die an, die Gott wegen seiner Macht verehren, also sich Hilfe / Vorteile von ihm versprechen. Das ist nicht illegitim, wie wir in Kapitel 7 Vers 16 der Gīta (Englisch, Deutsch in wörtlicher Übersetzung) lesen. Aber es ist eben auch nicht das Ende, es gilt dieses Motiv zu transzendieren und (wie der Āḻvār) Gott um seiner Selbst willen zu verehren.

Vers 6

Mein Vater und ich, sein Vater und sein Vater und sein Vater und dessen Vorfahren, sieben Generationen zurück,
wir kommen zur gegebenen Zeit und Dienen,
wir werden ihn immer segnen,
bei Sonnenuntergang erschien er als Mensch-Löwe (Nārāsimha) und tötete Hiranyakashipu,
davon ist er müde – wir singen ihm Thiruppallāṇdu.

Vers 7

Größer als das Feuer der Sonne, rund und rötlich scheinend,
so leuchtet das Sudarshana Chakras;
Generation für Generation kamen wir, um dem zu dienen,
der es führt (Viṣṇu).
Es drehte sich und trennte die tausenden (Köpfe von den) Schultern von Banasura, dessen Armee mit Hinterlist kämpfte.
Ihm singen wir Thiruppallāṇdu!

Vers 8

Reis mit Ghee, mit reinem Herzen geopfert und von wunderbarem Geschmack,
im immerwährenden Dienst reicht seine Hand uns Betelblätter und -nüsse, Schmuck für den Hals und duftende, unvergleichliche Sandelholzpaste für den Körper,
so erhob er mich tief Gefallenen auf die Ebene des Sattva (Reinheit).
Er, auf dessen Flagge Garuda, Feind der Schlage ist,
ihm singen wir Thiruppallāṇdu.

Im 5. Vers sprach der Āḻvār zu Menschen, die sich vor allem für Wohlstand und den Schutz durch Gott interessieren. In diesem Vers sprecht ein solcher Mensch über das, was er erfahren hat, als er das Streben nach Schutz und Wohlstand aufgab und begann, Gott zu segnen.

Vers 9

Wir tragen die heiligen gelben Stoffe, die um Deinen Körper lagen,
wir essen das Essen, das Du gekostet hast,
wir tragen die Tulsi Girlanden die Du getragen hast,
all die Dinge, die all den verschiedenen Bereichen getan werden müssen, sind getan,
Dir, ruhend auf dem Bett das Adiṣesa (die Weltenschlange) ist, mit geblähten Hauben, an Sravanam (ein Tag Ende März, an dem Vaiṣṇavas traditionell fasten und der für die Verehrung von Viṣṇu besonders geeignet ist),
ihm singen wir Thiruppallāṇdu.

Vers 10

Oh Herr, egal wann wir unterschrieben Deine Diener zu sein,
an diesem Tag wurde unser Haushalt zum Hort Deiner Diener.
Wir wurden befreit von Kaivalya und von Dir erhoben.
Du, aus der schönen und göttlichen Stadt Mathura,
zerbrachst den Bogen (von Kamsa, dem König, der Kṛṣṇa – um den geht es hier – töten wollte),
sprangst auf den Kopf der Schlange Kaliya, sie mit ihren fünf Köpfen und Hauben,
Dir singen wir Thiruppallāṇdu.

Vers 11

Oh Herr, die, die ohne schlechte Gewohnheiten (Bewusstsein, den Ausdruck für die Existenz des Āthmā, für ein rein körperliches Phänomen halten, das Āthmā für unabhängig von Allem halten usw) sind, sie sind der Schmuck der Welt,
Den Bewohnern von Thirukostiyur (einer Divya Deśams, also der 108 Tempel, die von den Āḻvārs gepriesen wurden, in Thirukoshtiyur soll ein Treffen der großen Seher und Götter statt gefunden haben – Thiru = heilig, kosti = goshti, Treffen einer Gruppe) bist Du der Herr.
Die, deren Größe nur darin besteht, sich als als Deine Diener zu betrachten so wie Selva Nambi (der Überlieferung nach der Verwalter des Tempels von Thirukkottiyur, er wies des König an, die Debatte auszurufen, die Periyāḻvār gewann), ich bin einer von ihnen, ewiger Diener von Dir, unserem Herren.
Du, der Du alle Vergehen so wunderbar entfernen kannst,
wir rezitieren das Thirumantra,
wir singen Deine Namen ohne auf Formales zu achten,
Dir singen wir Thiruppallāṇdu.

Vers 12

Er, der einen Bogen names Sārngam trägt,
er der absolut rein ist und in Vaikuntha residiert,
ihm sang Viṣṇuchitta (Periyāḻvār) aus Srivilliputhur seinen Segen.
Mit großem Verlangen danach gab er diesen heiligen Gesang,
die, die ihn stets wiederholen und über das Thirumantra meditieren,
sie werden Paramāthmā (die Überseele, Śrīman Nārāyaṇa) umgeben und Thiruppallāṇdu.


Adiyen Mādhava Rāmānuja Dāsan
Übersetzung auf Deutsch
Adiyen Sarathy Rāmānuja Dāsan
Adiyen Sudarshana Rāmānuja Dāsan
Übersetzung ins Englische

Tempel in Srivilliputhur, Quelle: Wikipedia

Thirumālai

Śrīḥ
Śrīmathē śatakōpāya namaḥ
Śrīmathē rāmānujāya namaḥ
Śrīmath varavaramunayē namaḥ
Śrī vānāchala mahāmunayē namaḥ

Das Thirumālai (திருமாலை) wurde vom Heiligen Thondarippodi Āḻvār verfasst. „Thiru“ (திரு) ist im Tamilischen ein Prefix für etwas Heiliges oder sehr Erhabenes und „mālai“ bedeutet u.a. Girlande. Beides zusammen bedeutet also „heilige Girlande (aus Versen)“. Eine zweite, eher informelle Bedeutung von „mālai“ ist Nārāyaṇa, Gott. Der Name sagt damit zugleich aus, für wen diese Girlande bestimmt ist.

Dieser Artikel ist die erste Übersetzung eines Werkes unserer Āḻvārs in Schriften-Reihe. Wir möchten in unseren Übersetzungen in erster Linie die spirituelle Strahlkraft und Vielfältigkeit der Werke der Āḻvārs mit relativ freien Übersetzungen der Texte von koyil.org ins Deutsche bringen. Ausführliche Übersetzungen und Kommentierungen des Textes, wie sie für das Thirumālai auf koyil.org in Englisch verfügbar sind, sind vorerst nicht geplant.


Wie viele Werke der Āḻvārs ist auch dieses zuweilen nicht ohne weiteres zu verstehen, oft deuten die Āḻvārs nur Dinge mit wenigen Silben an oder kombinieren mehrere Wörter mit Sandhi, so dass die resultierende Buchstabenkombination auf mehrere Arten verstanden werden kann. Wir raten daher dringend davon ab, ohne die Unterstützung eines kenntnisreichen Muttersprachlers die tamilischen Originaltexte, die man auf koyil.org finden kann, zu analyieren. Oft gehen Übersetzungen aus Google Translate / dem Wörterbuch in die völlig falsche Richtung…


Würdigungsvers (Thanian), verfasst durch einen Lehrer von Rāmānuja

Oh, Du mein Geist, preise und wiederhole immerzu die Verse des Thirumālai.
Der, der in Śrīraṅgam weilt (Śrī Raṅganatha) ist niemand anderes als Krṣṇa, zu dessen erhabenen Füßen die Kühe weiden.
Thondaradhipodi Āḻvār war ihm hingegeben und verheißt uns Glück. Er ist unser Herr, lasst uns immerzu über ihn sprechen.
Mehr als das ist nicht nötig.

Śrī Raṅganatha. Hinten die unbewegliche Haupt-Bildgestalt (Mulavar Murti) im Śrīraṅgam Tempel, die auch „Periya Perumal“ genannt wird. Vorne „Namperumal“, die bewegliche Bildgestalt Raṅganathas (Utsava Murti), die in Prozessionen aus dem heiligsten Bereich des Tempels bis in die Außenbereiche getragen wird, damit alle Menschen sie sehen können.

Verse 1-10

Der, der all die Welten aufnimmt und wieder freigibt, der, der all die Welten erschafft,
Deine heiligen Namen haben wir gelernt und so wir werden siegreich sein über Yama (Deva, der über den Tod herrscht) und seine Gesellen.
Obwohl unsere fünf Sinne ohne Zügel wanderten, auf Verbotenes und Erlaubtes.
Denn all unsere vielen Vergehen haben Deine Namen zerstört, es bleibt keine Spur. So wandern wir über Yama und seine Gesellen, sieh‘ selbst!

Oh Herr von Śrīraṅgam,
Du hast die Form eines Bergs von Smaragd,
Deine Lippen sind wie Korallen so leuchtend,
Deine Ohren wie Lotusblüten, nie lässt Du Deine Anhänger los,
Herr der Nityasuris, (erhabene Wesen, weitaus mächtiger als Devas, die in Vaikuntha, dem spirituellen Reich des Herrn, leben – grob mit Erzengeln in der Christlichen Mythologie vergleichbar)
Herr der schlichten Kuhirten (Verweis auf die Inkarnation Gottes als Kṛṣṇa),
die immer sein wollten, wo Kṛṣṇa war.
So will ich hier (in Śrīraṅgam) deine heiligen Namen singen,
und böte man mir die Herrschaft über Vaikuntha mit unermesslichem Reichtum, ich wollte sie nicht, wärst Du nicht zugegen.

Oh Herr von Śrīraṅgam! Doch die Geburt hier in Samsāra (dem Kreislauf aus Tod und Wiedergeburt in der materiellen Welt) verabscheue ich,
denn die Samsāris, (Wesen, die durch Samsāra wandern) oh, sie leben zwar 100 Jahre, doch schlafen sie fünfzig und die anderen fünfzig verbringen sie im Unwissen der Kindheit, in Jugend, in Sucht nach Sinnesreizen,
gefangen durch Krankheit, verwenden sie ihre Zeit, um Sinne zu befriedigen. Und im Alter sorgen sie sich, denn ihr Leben wurde nutzlos vergeudet.

Hatte nicht der böse Königssohn (Kshathrabandhu, ein misratener Königssohn, der in den Wald verbannt wurde) durch den heiligen Namen „Govinda“ das Glück, nach Vaikuntha zu kommen?
Selbst mit so „guten“ Menschen hat der Gnädige in Śrīraṅgam Mitleid und Großmut.
Sie (die Samsāris, die den Āḻvār umgeben) sind mitten im Ozean schlimmer Vergehen, und selbst mit ihm als Meister verfangen sie sich in neuen Geburten.
Oh, wir verzweifeln daran!

Er denkt, dass er genießt,
die Sinne und die Frauen,
doch beläd er sich nur mit Schwierigkeit.
Er arbeitet hart und isst erst bei Nacht,
ermattet fällt er zu Bett doch findet er keine Ruhe,
denn stets sorgt er sich um diesen materiellen Körper.
Der Herr der Welt, geschmückt mit kühlem Tulsi (indisches Basilikum),
dessen Anhänger tanzen und singen,
er wird nicht sein Diener, kostet nicht den göttlichen Nektar,
solch niedere Menschen, ein Wunder dass ihnen ihr Essen schmeckt.

Einen Schutzwall aus Härte und Grausamkeit habt ihr um euch gebaut,
schütze Dich besser mit Armut und Dienst an ihm,
denn die Armut des Körpers vergeht, wenn dieser verfällt und stirbt,
während eure Armut im Āthmā (grob: Seele) bleibt.
Der sich nur durch Rechtschaffenheit schützt,
anstatt Raṅganatha zu dienen,
sein Körper ist sein Schutzwall,
er schmückt ihn,
doch nicht einmal die Geier fressen ihn,
so liegt er dort, nutzlos.

Die Menschen, die die Tiefen der Śāstra (maßgeblichen Texte) durchdrungen haben,
all die geringen Gruppen wie Buddhisten oder Jains,
werden sie sie mit dem Herzen prüfen?
werden sie sie mit den Ohren hören? (die Anhänger Bhagavāns (Bhagavatas) sind bereits durch die Existenz dieser Gruppen, die die Veden nicht akzeptieren, beunruhigt. Hören Bhagavatas ihnen zu oder öffenen sich ihren Lehren, ist dies umsomehr Grund zur Besorgnis!
Um zu zeigen, dass man der Śāstra voll vertrauen kann, greift der Āḻvār nun zu drastischen Mitteln:)
Selbst wenn man mich enthauptet,
werde ich nicht sterben.
Ich zeige es euch, es ist ein Fakt,
der, der Lankā zerstört hat (Rāmā, ein Avatar Gottes),
und Ruhm erlangte,
er ist der, nach dem wir streben müssen.

Oh Herr von Śrīraṅgam,
voller Hass sprachen die Jains, die Shaivas,
und die unglückseligen Buddisten.
Unvorstellbare Dinge haben sie über Dich und Deine Angelegenheiten gesagt.
Solche Vergehen werden zu einer Krankheit,
die zum Untergang führt.
Oh, wenn sie so in meiner Gegenwart sprechen,
gleich dort werde ich sie enthaupten,
denn sie müssen vor sich selbst geschützt werden (Der Āḻvār findet, dass es besser so ist, als wenn sie sich mit weiteren Vergehen gegen Raṅganatha noch mehr Vergehen aufladen. Hier ist es wichtig festzuhalten, dass sein Zorn den Āḻvār relativ weit weg von der normalen vedischen Verhaltensnorm bringt. In der Yajur Veda lesen wir: „na himsyat sarvabhutanam“, „töte kein lebendes Wesen.“ Diese Aussage ist also ein Ausdruck seiner Wut aufgrund der Vergehen gegen Raṅganatha, keine Anweisung für Zuhörer / Leser.)

Oh Menschen, gibt es irgend einen anderen Herrn, bei dem wir Zuflucht nehmen können in schwieriger Zeit?
Er ist der Eine, der Höchste.
Ihr wisst nicht mehr als dies aus den Schriften,
denn er ist versteckt, ihr könnt ihn nicht erkennen.
Doch außer ihm gibt es keinen Herrn.
Deswegen nehmt Zuflucht beim Hirten der Kühe, meinem Herrn,
haltet seine Füße und ergebt euch ihm.
(Der Hirte der Kühe ist Kṛṣṇa. Unter all den Formen, die Gott angenommen hat, ist Kṛṣṇa die nahbarste – daher sollen die Menschen bei ihm Zuflucht suchen)

An allen Orten wurden (geringe) Devas zur Verehrung eingeführt.
Doch die, die ein exaltiertes Leben führen wollen, finden die Mittel in der unvergleichlichen Güte, die in Śrīraṅgam zugegen ist.
So sage ich es euch, doch ihr, die ihr euch anderen Dingen als Śrīman Nārāyaṇa hingebt, habt ihr es verstanden?
Selbst wenn er prachtvoll, auf seinem Gefährt Garuda, zugegen ist, wartet ihr doch am Schrein des Devas der Armut und bettelt um Geld.

Śrīraṇgam vom anderen Fussufer aus gesehen

Verse 11-20

Der, der mit seinem Bogen einen Damm durch den tosenden Ozean baut (nachdem der Deva, der über die Meere herrscht, auf das Bitten Rāmas nicht erschienen war, nahm dieser seinen Bogen und drohte ihn zu erschießen. Darauf hin kam er und ermöglichte den Bau des heute noch sichtbaren Damms nach Sri Lanka, Rama Setu ),
Zum Schutz der Welten zerstörte er im Kriege Rāvaṇa, den König der Dämonen.
Der, der stets in Śrīraṅgam weilt, dem berühmten Tempel mit seinen vielen Mauern – ihr sagt seine Namen nicht, obwohl es so leicht ist.
Wohl wurdet ihr nicht im Mutterbauch gesegnet und so verschwendet ihr eure Zeit.

Als Yama (Deva des Todes) und Murkalanum sprachen,
und die in Narakam (höllische Unterwelt) diese Worte hörten,
wurde Narakam für sie wie Svargam (die himmlich Welt),
die Namen Gottes machten Narakam zu einem wunderbaren Ort. (Murkalanum hatte viele schwere Vergehen auf sich geladen, doch gab er zur Vergebung eine großzügige Spende und widmete sie Kṛṣṇa mit den Worten „Kṛṣṇārpaṇam“. Nach seinem Tod wird er von den Gehilfen Yamas nach Narakam gebracht, Yama empfängt ihn jedoch freundlich. Murkalanum ist verwirrt und Yama erklärt ihm, dass dies durch die Macht der Namen Gottes, selbst wenn sie nur einmal ausgesprochen werden, geschieht. Darauf hin sprechen Murkalanum und Yama ausführlicher über den Ruhm der Namen Gottes. Diejenigen, die ebenfalls in den höllischen Unterwelten sind und nicht so gut behandelt wurden, fühlten sich in diesem Moment, als wäre sie in Svargam)
Da sie Deinen Namen nicht sprachen, ihn vergaßen,
fielen schon so viele große, aber materialistische Menschen.
Sie vielen in den Sumpf aus Sorgen,
dies sorgt mich zutiefst.

Die Wellen des übel riechenden Ozeans umspülen dieses Land und seine Wesen (diese Ozean ist Saṃsāra, der Kreislauf aus Tod und Wiedergeburt),
Der Herr der Nityasuris, geschmückt mit einer süß duftenden Girlande aus Tulsi, nur ihn verehrt!
Wenn diese Menschen ohne Wissen, die als Sklaven ihrer Sinne leben, doch nur „Śrīraṇgam“ sagen würden,
auf diesem Land und in Narakam würde niemand mehr wandeln (da alle Samsāra verlassen), nur noch Gras würde wachsen.

Gärten, wo Schwärme von Bienen summen,
Gärten, wo schöne Pfauen tanzen,
Gärten, die die Wolken küssen,
Gärten, wo Scharen von Wachteln sich rufen,
Gärten, wo der Herr der Nityasuris wohnt,
sie sind der Schmuck (von Samsāra).
Die, die nicht einmal das Wort Śrīraṅgam aussprechen,
sie sind undankbare Dummköpfe.
Sie fallen übereinander her um zu essen,
so nehmt ihnen das Essen weg
und gebt es den Hunden! (Denn sie sind dankbar, diese Menschen nicht.)

So lange war ich auf dem falschen Weg;
Der Herr, dessen Flagge Garuda zeigt, zeigt seine wahre Natur all denen, die ihn nicht hassen. (so wenig ist nötig)
Die, die sich für andere Dinge als ihn interessieren,
er wird ihnen Unwahres zeigen.
Die, die wissen, sollten wissen, wie sie sich aus Samsāra erheben,
nachdem sie verstanden haben, wer der Herr aller Herren ist,
wird er sich ihnen offenbaren und ihre letzten Zweifel verfliegen.
Der Herr, der die Welt durch seine Schönheit versklavt,
seine Stadt ist Śrīraṅgam.

In der Zeit, als ich mich in weltlichen Dingen versenkte
täuschte ich, stahl,
war verfangen in den Augen der Frauen,
rund und große wie die von Fischen,
war gefangen im Netz (von Samsāra)
Ich sank, ich schrie und er betrat mein Herz,
der höchste Herr, der in mir eine Flut der Hingabe steigen ließ,
ist sein Ort nicht Śrīraṅgam?

Ich stand, ihm hingegeben,
doch ich konnte ihn nicht preisen,
konnte ihm keinen Dienst verrichten,
verstand seine Güte nicht.
Der Geist war hart wie Eisen,
doch er wurde weicher.
In Śrīraṅgam, umgeben von Gärten, umwimmelt von Bienen,
Śrī Raṅganatha, Periya Perumāl, unser geliebter Herr, weilt dort,
ihn genossen meine Augen, und wie sie ihn genossen!

Vom Kāveri Fluss, wehen feine, süße Tropfen zu ihm,
er (Śrī Raṅganatha) ruht allein, und herrscht,
er ist Kṛṣna mit roten Augen wie Lotus.
Mein Herr, Kṛṣna, mit Lippen rot wie reife Früchte,
Aus den Augen die ihn sahen,
fließen viele kühle Tränen der Freude.
Ein Sünder wie ich, was soll ich tun?

Kṛṣna, gefunden auf https://srimadkrsna.tumblr.com

Für alle die, die in dieser Welt weilen,
der Herr von allem, mit der Farbe des Ozeans,
mein Herr, der seinen Kopf nach Westen streckt,
und seine Füße nach Osten,
den Menschen im Norden zeigt er seinen wunderbaren Rücken,
und schaut in den Süden nach Lankā (Sri Lanka),
so liegt er auf dem Schlangenbett (die Weltenschlange Ādiśeṣa ist sein Bett).
Nachdem ich ihn so ruhen sah,
schmolz mein Körper.
Oh, was sollte ich tun?

Umflossen vom Kāveri liegt Śrīraṅgam,
auf dem Schlangenbett schläft er, mein Herr, wundersam.
Auf seiner Brust weilt Mutter Lakṣmī,
sein Körper hat die Farbe von Smaragd,
seine Schultern, seine roten Lippen, sein Mund wie Koralle,
so herrscht er, seit langer Zeit.
Die, die seine Herrlichkeit erfahren, können sie (in Samsāra wieder) verlorengehen?

Der Tempelgarten von Śrīraṅgam, Quelle: C.P.R. Environmental Research Centre

Verse 21-30

Wir sind bescheiden und halten unseren Geist klar,
in den Dingen von dem, dessen Mund wie Korallen scheint.
Großartig und mit starkem Willen, doch unfähig zu leben,
denn seit Aeonen bin ich getrennt von Bhagavān.
Oh Herz, von perfekter Schönheit, schimmernd wie rotes Gold, schimmernd wie Meru (ein mystischer Berg, der die Mitte des Universums markiert).
Im Tempel liegt der Herr, scheinend wie ein blauer Diamand,
die Schönheit wie er dort liegt und ruht,
kann der Geist es fassen? Sag es mir!

Oh stumpfer Geist, jenes, was über Bhagavān gesagt werden soll – spreche nur das.
Nichts über seine Größe können wir selbst sagen, denn nur die Makellosen können ihn sehen wie er ist.
Stets weilt er im Geist der Makellosen, wir können nur über das sprechen, was wir erfahren haben.
Können wir Hymnen über ihn dichten? Sag es mir!

Unstet, so bin ich, so wenig edel, als wäre der Ganges in der Mitte des Kāveri (der Kāveri wird auch Ganges des Südens genannt. Er wird in unserer Tradition als weitaus heiliger als der Ganges gesehen, seit dem er den Śrīraṅgam Tempel, der auf einer Flussinsel liegt, umfließt. Raṅganatha soll etwa zur Zeit Rāmas auf diese Insel gekommen sein, der erste Tempel wurde kurz darauf errichtet.)
Schäumend fließt er, mir großer Kraft zu all den Orten, (heute ist der Kāveri durch die Übernutzung seines Wassers bei der Kaffeeproduktion nur ein Schatten seiner selbst)
süße Haine umgeben ihn, zu ihm,
dem Herrn, dem Gebieter aller.
Er ruht in unvergleichlicher Pose,
nach dem ich dies sah, kann ich es vergessen, kann ich weiter leben?
Ich stehe, gebannt, unfähig zu handeln.

Die Fluten des Kāveri reißen, fließen zu allen Seiten und die Gärten,
im Tempel liegt er, der stiehlt (die Herzen seiner Anhänger),
er ruht, göttlich, mit einem Gesicht wie Lotus.
Oh Herz, selbst nachdem Du ihn verehrt hast,
bleibst Du hart. Merkst Du nicht, dass er ohne Gleichen ist?
Du gibst nur vor ihn zu lieben! Du verschwendest Deine Zeit in gespielter Geschäftigkeit!

Oh Raṅganatha,
ich ging fehl in den Pflichten des Brāmānen,
ich nahm nicht einmal das Bad,
das Vorrausetzung ist um das Karma der drei Arten des Feuers zu tun
und so Vergebung zu erreichen (damit ist vermutlich Sandhyāvandhanam, das Ritual der drei Übergänge der Sonne (Aufgang, Höchststand, Untergang) gemeint, was von allen Brāmānen und anderen, die „Dvijas“, also in die Veden Eingeweihten, täglich ausgeführt werden muss).
Ich ging fehl und habe es nicht, (es, die unmittelbare Erkenntnis des Āthmās, die Jñāna Yoga ermöglich, durch die Verpflichtungen zu Karmas, rituellen Handlungen, transzendiert werden können) ich fühle keine Liebe zu Dir (was Bhakti Yoga ermöglichen würde, durch das Jñāna Yoga transzendiert wird).
Oh, wie glücklich ist es! Ich rufe den, der Fülle ist,
der die Form des Ozeans hat, in meiner Sache.
Du musst mich segnen, gib mir alles (Karma, Jñāna und Bhakti), bereinige meine Vergehen gegen die Pflichten!

Wenn ich mit Blumen zu Deinen Füßen stehe,
keine Kraft, voller Fehler, das bin ich,
ich finde keine Worte, Dich zu preisen,
unfähig Gelerntes zu rezitieren.
Mein Herz findet keine Liebe zur Dir,
doch so kann Raṅganatha durch mich keine Freunde erfahren.
Oh, für was wurde ich geboren?!

Die Affenkrieger schoben Berge ins Wasser,
sie gingen ins Wasser und verschoben Sand,
sie rannten in den schäumenden Ozean,
sie blockierten ihn, ohne Fehl und Täuschung.
Oh, ich bin nicht wie sie, wie die Eichhörnchen,
mein Geist ist hart wie die Bäume und verstrickt in Täuschung,
ich, der hohes Ansehen hat und und von Herzen dienen sollte,
doch ich diene nicht,
dort stehe ich, vergesse.

Die himmlischen Wesen, sie kennen ihn nicht,
den strahlenden Herrn von Vaikuṇtha,
für Gajendra, dessen rotes Fleisch das Krokodil fressen wollte, kam er und zürnte dem Krokodil.
Doch wird er uns Hunde schützen,
wird er unsere Vergehen ignorieren?
Für was wurde ich geboren, wenn nicht als sein Diener?

Ich wurde nicht an einem Divya Deśam (heiliger Ort) geboren,
besitze dort kein Land, keine Verwandten, niemand.
Niemanden habe ich auf dieser Erde.
Und Deine heiligen Füße, ich umarmte sie nicht.
Herr von Allem, mit der Farbe dunkler Wolken,
mein Kṛṣṇa, ich rufe zu Dir, mein Herr,
der, der in Śrīraṅgam weilt, wer sonst kann mich schützen?

Es ist keine Reinheit in meinem Geist,
in meinen Worten keine Freundlichkeit,
in Zorn, feindlich blickend, ich spreche Worte von Feuer,
Er ruht in Śrīraṅgam, seine Girlande aus Tulsi, Blätter prall, als würden die Pflanzen (noch) im Boden stehen.
Für mich (der so voller Fehler ist), nach meiner Kapitulation vor Dir,
Zuflucht musst Du geben mein Herr, dessen Diener ich wurde.

Brahmanenschüler bei den täglichen Ritualen – vom Āḻvār unterlassen.

Verse 31-40

Die, die Bußen praktizieren, ich bin keiner von ihnen.
Die, die wohltätig sind, ich bin keiner von ihnen.
So wie salziges Wasser bin ich, meinen Verwandten ohne Nutzen.
Selbst die Frauen mit roten Lippen, ich zerbrach die Verbindung, ich war wie ein Dieb.
Der, der in Śrīraṅgam lebt, er verschwendete eine Geburt mit mit mir.

Es summt in den Hainen,
Insekten schwirren und zieren,
im Tempel, mit einem Körper wie dunkle Wolken, Kṛṣṇa!
Keinen Pfad kannte ich, der zu Dir führt,
unter den Menschen wie ein Narr, so stand ich.
Ein Narr, ein Narr bin ich.

Alles Wahre gab ich auf, gefangen im Netz von Frauen mit wallendem Haar.
Viele Lügen hielten mich am Rand, keinen Ort hatte ich, an den ich gehen konnte. So kam ich, so stand ich.
Oh Herr, der in Śrīraṅgam weilt, durch den Wunsch, der durch Deine Gnade kam,
Als Lügner kam ich, stehe ich, als Lügner, als Lügner.

In meinem Herzen weilt er, der Allwissende.
Kein Wissen hatte ich über dies,
ich, der Dieb, diente, nahm dienene Haltung von anderen an,
nahm die Gedanken derer, die wussten,
ich schäme mich, ich gehe von Dir und lache, dass mir die Rippen brechen.

Oh Herr, an dem Tag, als Du die Welten überschritten hast (als Trivikrama),
ich werde niemand anderen als Dich verehren,
der mit roten Augen, seinen Anhängern geneigt,
mein Lebenshauch, mein Nektar, mein Herr, Seele meines Lebens, wie Nektar.
Meine vielen Vergehen, ich werde an niemand denken als an Dich, oh meine vielen Vergehen!

Er stoppte den Regen einst, mit dem Berg (ein Verweis auf die Begebenheit, wo Kṛṣṇa den Govadhan Hügel hochhielt, um die Menschen vor dem Regen und Sturm zu schützen, den Indra geschickt hat) zum Schutz und ohne Mühe
Der, dessen Stärke unermesslich ist.
Er, der ist wie der wunderschöner Fluss.
Frauen mit Augen wie Rehe, sie fangen im Netz ihrer Augen und Menschen wie ich erbeben daran,
kann Dein Blick mich nicht schützen (so wie er den Berg zum Schutz erhob)?
Du, der Urgrund, der in Śrīraṅgam weilt, nur Dich, ich rufe Dich!

Kṛṣṇa hält den Govadhan Hügel

Der Fluss (Kāveri), er reißt, ist trüb, umspült den Tempel.
Im Tempel scheint er, Periya Perumal (die unbewegliche Haupt-Bildgestalt von Raṅganatha), ist wie Vater und Mutter.
In meinen Dingen, oh er schaut auf mich mit freundlichem Blick,
er tut mir Gefallen, aber er spricht kein Wort der Vergebung zu mir!
Oh, sein Herz ist so hart.

Oh, Dinge der Welt, sie scheinen so groß, überdecken die Natur des Āthmā, doch ich erkenne es.
Erkenne den Dienst an Bhagavān als letztes Ziel,
weiß, dass ich die Sinne kontrollieren muss (und nicht die Sinne mich), löse die Anhaftung.
Mein Haupt wird leicht, ich stehe an Deiner Türschwelle (wie ein Wächter).
Die, die leben und sich selbst vernachlässigen, genießt Du sie nicht, Du, der im Tempel ruht, um den der Kāveri fließt?

Der Dienst für Dich, mit Tulsi gekrönt, auch die, die nicht dienen, sie sollten es;
Die Vaidikas (Menschen, die die vier Veden rezitieren können), sind sie nicht am Dienst an Dir interessiert, gebührt dieser Rang ihnen nicht.
Die, deren Geburt nicht tiefer sein kann, sind sie Deinen Füßen hingegeben, genießt Du sie nicht, dort, im Śrīraṅgam Tempel?

Der, dessen Brust  Śrī Mahālakṣmī und das Mal (Śrīvatsa) schmücken,
Die, die Dich als einziges Mittel im Herzen haben, sie haben unbegrenztes Vertrauen in Dich!
Alle Wesen dieser Welt fürchten gewaltsamen Tod und Leid durch Feuer. Selbst die, die sich (in vergangenen Leben) solche Taten aufgeladen haben, die Wirkungen dieser Taten werden sie nicht mehr treffen (wenn sie vor Dir kapitulieren und Dich als einziges Mittel akzeptieren).

Ein Eindruck des Kāveri Flusses in der Nähe von Śrīraṅgam

Verse 41-45

Der, der in Vaikuntha lebt, den Brahmā (der Demiurge des jeweiligen Universums) und die anderen himmlischen Wesen (Devas, Gandharvas usw) nicht kennen, wenn sie es sagen. (Der letzte Einschub ist rätselhaft. Unsere Āchāryas deuten ihn so, dass diese Wesen sagen, dass „es“, das ist, worum es dem Āḻvār in diesem Abschnitt geht: Die Kapitulation vor- und den alleinigen Schutz durch Bhagavān. Sie, die himmlischen Wesen, sagen also, dass die den Schutz Bhagavāns suchen.)
Er, dessen Krone mit Tulsi geschmückt ist, tropfend von Honig, wenn sie es sagen. (Auch dieser wiederhole Einschub von „என்பராகில்“, verstanden als „wenn sie es sagen“, ist rätselhaft. Unsere Āchāryas kommentiere hier, dass der Āḻvār hiermit sagt, dass die vorherige Beschreibung von Bhagavān nicht von ihm, sondern von den himmlischen Wesen stammt, deren Ersuchen nach Schutz erhört wurde).
Selbst wenn sie niederste Dinge tun (unsere Āchāryas merken in den Kommentaren hier insbesondere das Töten von Wesen an, um sie zu essen),
für sich selbst oder für andere, die Reste von Bhagavāt Prasadam (Essen, dass Bhagavān geweiht wurde) werden sie reinigen.

Sie (Brahmanen) kommen aus einer der von Brahmā, fehlerlos von Anfang, die, die die vier Veden kennen.
Doch auch die, die in einem Stand (d.h. Kaste) geboren wurden, unter der es keine mehr gibt (Kastenlose / Dalits, Ausländer wie wir, deren Familien keine Kaste haben),
haben sie die Beziehungen zur Dir realisiert, verherrlicht sie, lehrt sie, verehrt sie wie den Herrn, der in Śrīraṅgam weilt, dort, hinter hohen Mauern.

Die sechs Teile der Veden, einzigartig (Jede der vier Veden hat neben den Kernteil aus Hymnen und Philosophie Vedāṅgas, Hilfstexte zu prakischen Themen in sechs Kategorien: Aussprache, Verslehre, Grammatik & Wortbedeutungen, Anweisungen für die Durchführung von Ritualen sowie der Wahl von Zeitpunken.),
die vier Veden, einzigartig, in ihren Herzen verankert durch Übung und Rezitation.
Sie führen Deine Anhänger an, große Brahmanen sind sie,
doch wenn sie auf Deine Anhänger (die mit niederer Geburt) herabschauen,
im selben Moment sind sie selbst auf die Stufe der untersten Kaste gefallen.
Oh, (durch den), der in Śrīraṅgam weilt.

Śiva, mit langem verfilztem Haar, und Brahmā,
sie taten Bußübungen für unvorstellbare Zeit, um Dich zu sehen,
sie ließen ihre Köpfe hängen, als Du für Gajendra aus Gnade ans Ufer des Teiches kamst – selbst die Nityasuris waren darüber erstaunt! Du ist blind (siehst meine Vergehen nicht, bist trotzdem gnädig) – wie kann man denken, dass Du die Zuflucht aller bist? (Nur für die, die nicht versuchen, ihn durch eigene Anstrengung erreichen.)

In der großen Stadt Mathura (Stadt im Norden Indiens, zu der Vrindavan, der Kindheitort Kṛṣṇas gehört) mit ihren wunderschönen, silbrig-weiß dekorierten Häusern,
der große Elefant, im Wahn durch Kavaḷam (ein bestimmtes Futter), Kṛṣṇa tötete ihn (im Gegensatz zu Ganjendra im vorigen Vers, die Geschichte dazu wird u.a. im Kṛṣṇa Buch der „Hare Krishnas“ erzählt),
Raṅganatha, stets in Liebe zu seinen Anhängern, er schützt mich,
Thondaradhipodi, vertieft in den Dienst an den Anhängern von Bhagavān,
diese Verse, selbst wenn sie fehlerhaft in Wörtern und Versenkunst sind,
sie sind für meinen Herren, sind sie nicht voller Süße?

Śrī Raṅganatha, Quelle: Wikipedia

Adiyēn Mādhava Rāmānuja Dāsan
Übersetzung Englisch – Deutsch
Adiyēn Krishna Rāmānuja Dāsan
Übersetzung des tamilischen Kommentars von Periyavāccan Piḷḷai ins Englische.

Chatuḥślōkī – vier Strophen an die Göttin

Śrīḥ
Śrīmathē śatakōpāya namaḥ
Śrīmathē rāmānujāya namaḥ
Śrīmath varavaramunayē namaḥ
Śrī vānāchala mahāmunayē namaḥ

Einführung

Der Name unserer Tradition (Śrī Vaiṣṇavam) deutet bereits darauf hin, dass wir die göttliche Mutter Lakṣmī, deren Kurzname Śrī ist, sehr verehren. Auch die anderen Linien der Vaiṣṇavas verehren eine mütterliche Mittlerin zwischen Gott und den Āthmās (in der Hare Krishna Linie z.B. Rādha), doch man kann wohl sagen, dass die Theologie der Göttin in unserer Line an Detaillierung und Ausarbeitung kaum zu übertreffen ist.

Dies ist der akademischen Indologie nicht entgangen und so finden wir bei Oberhammer [1] eine Untersuchung der ältesten erhaltenen Textfragmente zur Lehre von Lakṣmī in unserer Tradition. In dieser Untersuchung wird die Chatuḥślōkī von Yāmunāchārya als ältester vollständig erhaltener Text zur Verehrung von Lakṣmī genannt und bemerkt, dass dieser bereits eine voll ausgearbeitete Theologie der Göttin vermittelt. Bei Dhavamoney [2] finden wir eine akademische Analyse des Inhalts der Chatuḥślōkī. Darüber hinaus gibt es natürlich eine Kommentierung und Interpretation innerhalb unserer Tradition, z.B. von Periyavāccan Piḷḷai.

In der Linie unserer Lehrer ist Yāmunāchārya (tamilischer Name Āḷvandhār) der 4. Āchārya nach dem Beginn der „neueren“ Lehrtradition mit Nāthamuni. Letzterer lebte wohl um das 9. Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Yāmunāchārya (Anfang 10. Jahrhundert) hat Rāmānuja aus der Ferne gesehen, aber er starb just an dem Tag, als Rāmānuja zu ihm kam, um sein Schüler zu werden.

Während Yāmunāchārya uns wichtige Stotren, also Hymnen, und einige kleinere wissenschaftliche Arbeiten hinterlassen hat, liegt der Schwerpunkt von Rāmānujas Arbeit bei wissenschaftlichen Texten – also Texte zu Fragen des Vedanta in der klassischen wissenschaftlichen Form der indischen Geistestradition: These – Kritiken an These – Antwort auf Kritiken – Schlussfolgerung. Es wird erzählt, dass Rāmānuja damit dem Wunsch von Yāmunāchārya folgte, der mehr solcher Werke schreiben wollte, es aber wegen seiner schwachen Gesundheit und seinem fortgeschrittenen Alter nicht mehr konnte. Indologen wie Oberhammer finden, dass Rāmānuja die von Yāmuna angesetzten Denklinien mit hoher Genauigkeit fortführt, fast so wie ein Āchārya in zwei Körpern.

Tauchen wir also ein in einen ca 1000 Jahre alten Text, der den Ruhm der göttlichen Mutter so wunderbar zum Glänzen bringt, dass in dieser langen Zeit kein vergleichbarer Text mehr geschrieben wurde. Wir präsentieren hier eine Synthese der koyil.org Übersetzung [3] mit der akademischen Übersetzung aus [1], S.120 sowie [2].

Würdigungsvers (Thaniyan)

Gedichtet von Rāmānuja, dieser Vers führt die meisten Werke von Rāmānuja an.

yat padāmbhōruhadhyāna vidhvasthāśēṣa kalmaṣaḥ
vastutāmupayā thō’haṃ yāmunēyaṃ namāmi tam

Ich verehre Yāmunāchārya, durch dessen Lotusfüße all meine Defekte entfernt wurden und ich meine wahre Natur als Sat, als ewiges Āthmā, erkannte.

Vers 1

kāntaste puruṣottamaḥ paṇipatiḥ śayyāsanṃ vāhanaṃ
vedhāthmā vihageśvaro yavnikā māyā jaganmohinī |
brahmeśādisuravrajaḥ sadyitas tvaddāsadāsīgaṇaḥ
śrīrityeva ca nāma te bhagavati brūmaḥ kathaṃ tvām vayam ||

Dein Geliebter ist Puruṣottamaḥ, das höchste Wesen (und wie er ist) Dein Ruhebett der Herr der Schlagen (Adiśeṣa),
Dein Gefährt ist der Herr der Vögel, der Hüter der Veden (Garuḍa), Dein Schleier ist Māyā, die die Welt verblendet.
Brahmā, Īśa (Śiva) und ihre Gefährtinnen sind wie die anderen Götter Deine Diener,
Śrī ist Dein Name, oh Erhabene, aber wie können Wörter Deine Erhabenheit preisen?

Die göttliche Mutter teilt somit die entscheidenen Insignien des Höchsten Wesens, das wir gemeinhin Nārāyaṇa (Nāra* = Mensch, *ayaṇa = Zuflucht) nennen.

Vers 2

yasyāste mahimānamātman iva tvadvallabho’pi prabhuḥ
nālam mātumiyattayā niravadhiṃ nityānukūlam svathaḥ |
tām tvām dāsa iti prapanna iti cha stoṣyāmyahaṃ nirbhayaḥ
lokaikeśvari lokanāthadayithe dānte dayām te vidan ||

Deine Größe übersteigt selbst das, was von Deinem Geliebten (Nārāyaṇa) ermessen werden kann, ganz so wie seine eigene Größe.
Stets bist Du uns wohlgesonnen und so preise ich Dich ohne Furcht!
Dein Diener bin ich, meine Zuflucht bist Du; Ich weiß, Deine Liebe gilt nur dem Einen (Nārāyaṇa),
Mutter der Welt, Geliebte des Weltenherrschers, so spreche ich, denn ich kenne Deinen Güte.

Während der Weltenherrscher Nārāyana zumeist die Rolle des gestrengen Vaters übernimmt, der nach Verdiensten und Vergehen belohnt und richtet, übernimmt die Weltenmutter Śrī zumeist die Rolle der gütigen Mutter, die in den Wesen immer nur das Gute sieht und für Milde plädiert. Während wir also Nārāyana durchaus mit Respekt und Furcht begegnen sollten, ist Furcht bei der göttlichen Mutter unangebracht.

Vers 3

īṣat tvatkaruṇānirīkṣaṇsudhā sandhukṣaṇādrakṣayate
naṣtaṃ prāk tadhalābhatastribhuvanaṃ saṃpratyanantodayam |
śryo na hyaravinda locanamanaḥ kāntāprasādādṛte
saṃsṛtyakṣaravaiṣṇavādhvasu nṛṇāṃ saṃbhāvyate karhichit ||

Durch eine Spur des Nektars Deines mitleidvollen Blickes werden die drei Welten bewahrt.
Ohne ihn waren sie in vernichtet, durch Deinen Blick erblühen sie nun erneut und ohne Grenzen.
Ohne Deine Gnade, die dem Lotusäugigen (Nārāyaṇa) so lieb ist, ist kein Glück zu finden, weder in den materiellen Freunden von Saṃsāra, noch die Meditation auf das Unmanifeste (die Erfahrung der glückseligen Aspekte des Āthmās, wie z.B. im Buddhismus und in vielen Yoga-Wegen praktiziert) noch im Weg der Vaiṣṇavas (das Erstreben des ewigen Dienstes an Śrīman Nārāyaṇa).

Vers 4

śāntānantamahavibhūthi paramaṃ yadhbrahma rūpam hareḥ
mūrtam brahma thathopi tatpriyataraṃ rūpam yadatydbhutam |
yānyanyāni yathāsukaṃ viharato rūpāṇi sarvāṇi tāni
āhuḥ svairanurūparūpavibhavair gāḍopagūḍhani te ||

Die Form von Hari (Nārāyaṇa) ist das höchst Brahman, unendlich, friedvoll und weit entfaltet,
auch das verkörperte Brahman, seine liebenswerte, wunderbare Gestalt (also die Avatare, die er für seine göttlichen Aktivitäten annimmt)
und all die anderen Formen seiner selbst, die er nach Belieben annimmt,
all diese sind zutiefst verwoben mit Deinen eigenen Entfaltungen.

Konklusion

ākāratrayasampannām aravindanivāsinīm |
aśeṣajagadīśitrīm vande varadavallabhām ||

Ich verehre sie, die Geliebte von Varadha Perumal, geschmückt durch liebenden Dienst und vollkommene Abhängigkeit von ihm. Nur er genießt ihre Qualitäten, er, aus dem alle Dinge ruhen und sich entwickeln.

Literatur

[1] Gerhard Oberhammer: Materialien zur Geschichte der Rāmānuja Schule VI; die Lehre von der Göttin vor Veṇkaṭanātha. Österreichische Akademie der Wissenschaften, Wien, 2002.

[2] Mariasusai Dhavamoney: Yāmuna’s Catusślokī: an analysis and interpretation. Indologica Taurinensia VOLUME III-IV (1975-1976), Proceedings of the „Second World Sanskrit Conference“ (Torino, 9-15 June 1975)

[3] koyil.org Sri Vaishnava portal: chathu: SlOkI, basierend auf der tamilischen Übersetzung des Originaltextes von U. VE. Pārthasārathy Aiyengār Swamy. http://divyaprabandham.koyil.org/index.php/2015/12/chathu-sloki/

Adiyen Mādhava Rāmānuja Dāsan
Übersetzung Englisch – Deutsch unter Berücksichtigung weiterer Übersetzungen, Edition für westliches Publikum
Adiyen Sarathy Rāmānuja Dāsan
Adiyen Vangīpuram Satakōpa Rāmānuja Dāsan
Übersetzung der tamilischen Übersetzung ins Englische

Lakṣhmī, gemalt von Birgit Shakunthala Schnebel

Gītārtha Saṅgrahaḥ – Zusammenfassung der Bhagavad Gītā

Śrīḥ
Śrīmathē śatakōpāya namaḥ
Śrīmathē rāmānujāya namaḥ
Śrīmath varavaramunayē namaḥ
Śrī vānāchala mahāmunayē namaḥ

Die Bhagavad Gītā ist ohne Zweifel einer der wichtigsten Texte im Hinduismus. Aus folgendem Grund:

Hindus betrachten die Lehren der Bhagavad-Gita traditionell als Quintessenz der Veden. Beim Studium ergeben sich oft scheinbare Widersprüche: Während einige Stellen anscheinend einen Dualismus lehren – die Zweiheit von Natur und Geist, von Gott und Mensch –, lehren andere die Einheit. Durch diese unterschiedlichen Auslegungsmöglichkeiten ist das Gedicht Mittelpunkt für die verschiedensten Glaubensrichtungen.

Wikipeda Artikel zur Bhagavad Gītā Stand Dezember 2019

Die Bhagavad Gītā, oft kurz Gītā genannt, hat die Form eines Gesprächs zwischen Gott, verkörpert als Kṛṣṇa, und seinem Freund Arjuna. Dieses Gespräch ist in Versform und kann gesungen werden. Gītā bedeutet auch Gesang, Bhagavān ist ein Name Gottes – Bhagavad Gītā heißt also Gesang Gottes.

Hier kann man sich eine Rezitation des 12. Kapitels der Bhagavad Gītā anhören:

Das Gespräch zwischen Kṛṣṇa und Arjuna findet kurz vor dem Beginn einer gewaltigen Schlacht statt, an deren Kommen Arjuna verzweifelt. Er hat einen Zusammenbruch und bittet seinen Freund Kṛṣṇa um Rat und Hilfe. Kṛṣṇa erläutert ihm seine wahre Natur und verschiedene Systeme (Yogas), um seine Agonie zu durchbrechen, seine wahre Natur zu realisieren und zu einem höheren Bewusstseinzustand zu kommen. Am Ende kämpft Arjuna und ist letzlich auch siegreich.

Auch wenn die Bhagavad Gītā mit ca 700 Versen für indische Verhältnisse relativ kurz ist, kann man doch angesichts der viele besprochenen Themen leicht die Übersicht verlieren. Yāmunāchārya, einer der wichtigsten frühen Āchāryas (Lehrer) unserer Linie, hat vielleicht aus diesem Grund einen Text namens Gītārtha Saṅgrahaḥ, (Zusammenfassung des Sinns der Gītā) verfasst. In unserem Artikel zur ebenfalls von Yāmunāchārya verfassten Chatuḥ Ślōkī finden sich noch einige weitere Information zu ihm. Wer gut Englisch kann, kann auch die Info-Seite zu Yāmunāchārya bei koyil.org besuchen.


Diese Übersetzung basiert auf einer Erläuterung der Wörter durch Puthūr Krishṇamāchārya (tamilisch), deren englische Übersetzung bei koyil.org verfügbar ist.


Würdigungsvers (Thaniyan)

Gedichtet von Rāmānuja, dieser Vers führt die meisten Werke von Rāmānuja an.

yat padāmbhōruhadhyāna vidhvasthāśēṣa kalmaṣaḥ
vastutāmupayā thō’haṃ yāmunēyaṃ namāmi tam

Ich verehre Yāmunāchārya, durch dessen Lotusfüße all meine Defekte entfernt wurden und ich meine wahre Natur als Sat, als ewiges Āthmā, erkannte.

Vers 1 – Zweck des Textes

svadharma jñāna vairāgya sādhya bhakthyeka gocharaḥ |
nārāyaṇa paraṃ brahma gītā śāstre samīritaḥ ||

Er, der nur durch die Pfade des Wissen (Jñāna Yoga), Losgelöstheit von weltlichen Dingen (Vairāgya, Karma Yoga), die zu Bhakti führen und uns (bei der Ausprägung unserer wahren Natur) nutzen und helfen, erkannt wird,
Nārāyaṇa, das höchste Brahma, lehrte dies (die Pfade) in einer Schrift, die Gītā genannt wird.

Verse 2 – 4, die drei Abschnitte der Gītā

Vers 2

jñānakarmāthmike niṣṭe yogalakṣye susaṃskrte |
āthmānubhūti siddhyarthe pūrva ṣaṭkena chodite ||

Jñāna Yoga (der Weg des Wissens) und Karma Yoga (der Weg der losgelösten Handlung gemäß den Vorgaben der Schriften) führen wohldekoriert (mit dem richtigen Selbstverständnis des Praktizierenden) zu Yoga (im spirituellen Sinn der Vereinigung mit höheren Ebenen des Seins),
und zur glückseligen Erfahrung des Āthmās (des Selbst). Dies wird in der ersten Hexade (sechs Kapiteln) vorgestellt.

Vers 3

madyame bhagavattattva yāthāthmyāvāpti siddaye |
jñānakarmābhi nirvartyo bhaktiyogaḥ prakīrtitaḥ ||

In der Mitte (der mittleren Hexade) wird Bhakti Yoga (der Pfad der Hingabe), das sich aus Karma Yoga und Jñāna Yoga entwickelt und das die Erfahrung des Höchsten ermöglicht, erklärt.

Vers 4

pradhāna puruṣa vyakta sarveśvara vivechanam |
karma dhīr bhaktirityādiḥ pūrvaśeṣo’ntimoditaḥ  ||

Erklärungen zum bewussten Einheiten (Āthmās), archetypischer Materie (mūla prakṛti, hier umschreiben als „das Manifeste“, vyakta) und sarveśvara, dem höchsten Herrn,
Karma Yoga, Weisheit (Jñāna Yoga), Bhakti Yoga und Prozesse / Details, die in den vorigen Kapiteln nicht erklärt wurden, befinden sich in der letzten Hexade.

Kṛṣṇa spricht die Bhagavad Gītā. Indien, Wasserfarben mit Gold, frühes 19. Jahrhundert, Quelle Wikipedia

Verse 5 – 22, der Inhalt der 18 Kapitel

Vers 5 – Kapitel 1 und Anfang Kapitel 2

asthāna sneha kāruṇya dharmādharmadhiyākulam |
pārthaṃ prapannamuddiśya śāstrāvataraṇaṃ kṛtam ||

Er (Arjuna) war durch Anhaftung, durch Mitleid mit schlechten Verwandten und durch gestörte Intelligenz, durch die er einen dharmischen Krieg nicht von einen a-dharmischen unterscheiden konnte, zerrissen, aber er ergab sich (Kṛṣṇa).
Hierdurch wurde die Schrift (Śastra) begonnen.

Vers 6 – Kapitel 2, 2. Teil

nithyāthmasaṅgakarmehāgocharā sāṅkyayogadhīḥ |
dvitīye sthithadhīlakṣā prktā tan mohaśāntaye ||

Das ewige Āthmā, (angemessene) Handlungen ohne Anhaftungen, als Ziel stetiges Urteilsvermögen und Weisheit, Sānkhya-Yoga, (das Yoga des Unterscheidungsvermögens – bestehend aus dem Wissen über das Selbst und über Karma Yoga) um die Verwirrung (von Arjuna) zu beenden, dies wird im zweiten Teil des zweiten Kapitels unterrichtet.

Vers 7 – Kapitel 3

asaktyā lokarakṣāyai guṇeṣvāropya kartṛtām |
sarveśvare vānyasyoktā tṛtīye karmakāryatā ||

Ohne ein Ziel (außer der Befreiung aus Tod und Wiedergeburt, Mokṣa), zum Schutz der Menschen (denen die Qualifikation für die Ausübung von Jñāna Yoga fehlt),
meditierend über die Guṇas, der Position des Selbst-Tätig-Seins,
der Aufgabe des Selbst-Tätig-Seins unter dem höchsten Herrn, so sollte man seine Pflichten erfüllen. (Das Vorgenannte ist Karma Yoga) Dies lehrt das dritte Kapitel.

Vers 8 – Kapitel 4

prasaṅgāt svasvabhāvoktiḥ: karmaṇo’karmatāsya cha  |
bhedā:, jñānasya māhātmyaṃ chaturthādhyāya uchyate  ||

In diesem Kontext werden am Anfang (des Kapitels) seine (Kṛṣṇas) Qualitäten erläutert. Karma Yoga wird als Jñāna Yoga etabliert und die Natur und Unterteilungen (von Karma Yoga) erläutert. Auch der Ruhm wahren Wissens wird im vierten Kapitel erläuert.

Vers 9 – Kapitel 5

karmayogasya saukaryam śaigryam kāśchana tadvidhāḥ |
brahmajñāna prakāraścha pañchamādhyāya uchyate ||

Die Durchführbarkeit von Karma Yoga, Aspekte zur Erreichung des Ziels (der Befreiung aus dem Kreislauf aus Tod und Wiedergeburt), diese Zusätze zu Karma Yoga und den Zustand des Brahma Jñāna (Zustand, in dem alle reinen Āthmās als geich angesehen werden, unabhängig in welchen Körpern sie sich befinden) werden im 5. Kapitel besprochen.

Vers 10 – Kapitel 6

yogābhyāsavidhir yogī chaturdhā yogasādhanam |
yogasiddisvayogasya pāramyaṃ ṣaṣtha uchyate ||

Die Methoden der Yoga Praxis, die vier Arten von Yogis, Yoga Sādhana (die Übungen, die Geisteshaltung usw, die zum Yoga führen), Yoga Siddhi (die Resultate des Yoga) und die Vorzüge von Bhakti Yoga mit Kṛṣṇa als Ziel (svayogasya pāramyaṃ – das eigene / natürliche höchste Yoga, in die Situation in der die Bhagavad Gītā gesprochen wurde und angesichts des letzten Verses des 6. Kapitels, ist das plausiblerweise das Yoga der Hingabe an Kṛṣṇa) wird im 6. Kapitel besprochen.

Kurz nach dem Sprechen der Gītā, die beiden Seiten ziehen in die Schlacht. Links Kṛṣṇa als Wagenlenker, hinter ihm Arjuna. Rechts auf dem Streitwagen der wichtigster Gegenspieler, Karṇa. Indien, Wasserfarben, ca 1800, Quelle Wikipedia.

Vers 11 – Kapitel 7

svayātātmyam prakṛtyāsya thirodhiśśaraṇāgatiḥ |
bhakta bhedaḥ prabuddasya śraiṣtyaṃ saptama uchyate ||

Die Natur des höchsten Person (Bhagavān), verhüllt durch Prakṛti (archetypische Materie, diese verhüllt die Allgegenwart Bhagavāns), Śaraṇāgati (Kapitulation vor Gott, diese durchbricht die Verhüllung Gottes), die unterschiedlichen Arten der Gottessucher und die Größe des Jñānis werden im siebten Kapitel besprochen.

Vers 12 – Kapitel 8

aiśvaryākṣarayāthātmya bhagavaccharaṇārarthinām |
vedyopādeyabhāvānām ashtame bheda uchyate ||

(drei Arten der Gottsucher:) Der, der Reichtum sucht, der, der die Erfahrung des Āthmās sucht und der Jñāni, der die Lotusfüße des Herrn sucht, die Prinzipien, die verstanden und praktiziert werden müssen, diese Dinge werden im 8. Kapitel besprochen.

Vers 13 – Kapitel 9

svamāhātmyam manuṣyatve paratvaṃ cha mahātmānām |
viśeṣo navame yogo bhaktirūpaḥ prakīrtitaḥ ||

Seine eigene Größe, seine Erhabenheit selbst in menschlicher Form, die verschiedenen Arten von Mahāthmās (großen Gottgeweihten) und der Weg des Bhakti Yogas werden im neunten Kapitel erklärt.

Vers 14 – Kapitel 10

svakalyāṇa guṇānantya kṛtsna svādhīnatā matiḥ |
bhaktyutpatti vivruddhyarthā vistīrṇā daśamoditā ||

Die Unbegrenztheit seiner glorreichen Qualitäten und das Wissen über Ihn als Kontrollierender hinter allem, diese, die die Hingabe an ihn schaffen und nähren, werden im 10. Kapitel detailliert erklärt.

Vers 15 – Kapitel 11

ekādaśe sva yāthātmya sākṣātkārāvalokanam |
dattamuktaṃ vidiprāptyoḥ bhaktyekopāyatā tathā ||

Im elften Kapitel wird beschrieben wie (Arjuna) göttliche Augen gegeben werden, um ihn (Kṛṣṇa) zu sehen, wie er ist. Auf diese Art erkannte er ihn, begriff ihn. Es wir auch gesagt, dass Bhakti das einzige (geeignete) Mittel ist (um Kṛṣṇa zu erreichen).

Vers 16 – Kapitel 12

bhakteśśraiṣthyam upāyoktiḥ aśaktasyātmaniṣṭatā |
tatprakārāstvatiprītḥ bhakte dvādaśa uchyate ||

Die Erhabenheit des Bhakti Yoga, die Mittel, Hingabe an Bhagavān zu entwickeln, die Erkenntnis des Selbst (unseres Āthmās und seiner wahren Natur als abhängig von Bhagavān) für die, die nicht zu Bhakti fähig sind und die verschiedenen Qualitäten, die für Karma Yoga usw nötig sind, sowie die große Zuneigung, die Bhagavān zu seinen Geweihten empfindet, werden im 12. Kapitel erklärt.

Ramses II mit weiteren Kriegern auf einem Streitwagen. Vermutlich muss man sich den historischen Streitwagen Kṛṣṇas / Arjunas ähnlich minimalistisch vorstellen. Relief aus Abu Simbel Tempel, Quelle: Wikipedia

Vers 17 – Kapitel 13

dehasvarūpaṃ āthmāptihetuḥ āthmaviśodhanam |
bandhaheturvivekaścha trayodaśa udīryate ||

Die Natur des Körpers, die Mittel zur Vereinigung mit dem Āthmā (Kaivalya, Ziel der Hatha Yoga und Kundalini Yoga Pfande), die Erforschung und Erkenntnis des Āthmās, die Gründe der Gefangenschaft (in der materiellen Welt) und die Methode zur Unterscheidung (zwischen Āthmā / Chit und Achit, unbelebter Materie) werden im dreizehnten Kapitel besprochen.

Vers 18 – Kapitel 14

guṇabandhavidhā teṣām kartṛtvaṃ tannivartanam |
gati thrayasva mūlatvaṃ chathurdaśa udīryate ||

Die drei Guṇas und ihre Verbindungen mit dem materiellen Universum, ihre Wirkung als Grund von Handlungen, wie sie zu überwinden sind und er, die Wurzel der drei Ergebnisse (weltlicher Wohlstand, Verwirklichung des Āthmās und der Dienst an Bhagavān)* werden im vierzehnten Kapitel besprochen.

* Die Übersetzung von gati thrayasva als „drei Ergebnisse“ ist nicht sehr intuitiv. Zum Einen bedeutet gati gemäß Wörterbuch eher Bewegung oder Zuflucht (als Quell und Ende der Bewegung). Zum Anderen finden wir keinerlei Verweise auf diese drei Ergebnisse im 14. Kapitel der Gītā. Das liegt daran, dass Yāmuna hier auf eine vertrauliche Interpretation des gesamten 14. Kapitels (und der vorang gegangenen Kapitel) anspielt.

Wir finden in Vers 14:27 der Bhahgavad Gītā:

brahmaṇo hi pratiṣṭhāham amṛtasyāvyayasya ca |
śāśvatasya ca dharmasya sukhasyaikāntikasya ca
||

Ich bin in der Tat die Basis von Brahman (der All-heit, hier wohl in erster Line die All-heit der Āthmās), des Ewigen, des Unendlichen, des ewigen Dharmas, und der absoluten Wonne.

Rāmānuja kommentiert zu diesem Vers, dass die Essenz der Gītā von Mitte des 12. Kapitels bis zum 14 Kapitel die Überwindung der Eigenschaften der materiellen Natur ist, die in den oben genannten drei Arten von Ergebnissen mündet. Dieser Gedanke von Rāmānuja steht hinter der nicht ganz intutiven Übersetzung bei koyil.org.

Im Kommentar von Puthūr Krishṇamāchārya, der ebenfalls bei koyil.org zur Verfügung steht, werden in der Erläuterung von Rāmānujas Kommentar zu 14:27 die drei klassischen Zufluchten aus dem Kreislauf aus Tod und Wiedergeburt genannt: Karma Yoga, Jñāna Yoga und Bhakti Yoga (vor 1000 Jahren wurde Aṣṭāṅga yoga, also Āsanas usw, noch nicht als separater Pfad, sondern als Fundament der anderen Pfade gesehen). Es scheint also, als ob das intutive Verständnis von gati thrayasva als drei Zufluchen somit ebenfalls sinnvoll ist.

Vers 19 – Kapitel 15

acin miśrāt viśuddhācca cetanāt puruṣottamaḥ |
vyāpanāt bharaṇāt swāmyāt anyaḥ pañcadaśoditaḥ ||

Höher als die (im Kreislauf aus Tod und Wiedergeburt / an materiellen Dingen) verhafteten Āthmās und höher als die reinen (befreiten) Āthmās, sie durchströmend, sie tragend, er ist ihr Herr ist, er ist von ihnen verschieden, Puruṣottamaḥ (das höchste Wesen) – über ihn spricht das 15. Kapitel.

Vers 20 – Kapitel 16

devāsura vibhāgktipūrvikā śāstravaśyatā |
tattvānuṣthāna vijñānasthemne ṣhoḍaśa uchyate ||

Die Einteilung (der Menschen) in deva (heilig) und asura (grausam) und die Führung durch die Schriften bei der Bestimmung der Wahrheit (was unser Ziel ist) und im Prozess (mit dem man das Ziel erreicht), dies wird im 16. Kapitel besprochen.

Vers 21 – Kapitel 17

aśāstram āsuraṃ kṛtsnaṃ śāstrīyaṃ guṇataḥ prutak |
lakṣaṇaṃ śāstra siddasya tridhā saptadaśoditam ||

Die Handlungen, die die Schrift nicht empfiehlt, sie sind für die Asuras (die Grausamen). Die Handlungen, die die Schrift empfiehlt, durch die Guṇas gibt es sie in drei verschiedenen Qualitäten. Die drei Wortzeichen (Oṃ tat sat) bezeichnen solche Handlungen. Dies wird im 17. Kapitel besprochen.

Vers 22 – Kapitel 18

īśvar kartṛtā buddhiḥ sattvopādyatāntime |
sva karma pariṇāmaścha śāstrasārārta uchyate ||

Dass alle Dinge (letztlich) von Bhagavān selbst getan (werden), dass alle Dinge in Sattva, der Qualität der Balance und Reinheit, getan werden sollten, dass das Ende des Karmas (die Befreiung aus dem Kreislauf aus Tod und Wiedergeburt) hieraus erwächst und dass Bhakti und Prapatti (die Kapitulation vor Gott) die Essenz der Schrift sind, dies wird im 18. Kapitel gelehrt.

Vier Āchāryas unserer Linie: zweiter von links HH Kaliyan Vanamamalai Jeeyar Swami, der aktuelle Āchārya in der Linie von Manavala Māmunigal (siehe unsere Tradition), in der viele im koyil.org Team Schüler sind. In der Mitte dann HH Appan Parākala Embar Jeeyar Swami, der Āchārya von Mādhava. Zweiter von rechts ist Dr. M.A. Venkatakrishnan, ein bedeutender Experte und Redner zu den Schriften unserer Tradition.

Verse 23-28: Defintion der drei Yogas

Vers 23

karmayogastapastīrthadāna yajñādisevanam |
jñānayogo jitasvāntaiḥ pariśuddātmani stitiḥ ||

Karma Yoga ist die permanten Ausübung von Askese*, Pilgerreisen, Wohltätigkeit und Opfern. Jñāna Yoga wird von denen getan, die das eigene Gemüt besiegt haben, die in ihrem Selbst ruhen und sich nicht für materielle Dinge interessieren.

* Das Wort Tapasya ist etwas schwierig zu übersetzen, weil es ein Konzept ist, dass es in unserem Kulturraum so nicht gibt. Früher wurde es oft mit Buße übersetzt, aber das Konzept Buße impliziert, dass man für etwas büßt – so etwas fehlt bei Tapasya, mangels einer Schuld- und Sünde-Theologie. Man unterwirft sich bei Tapasyas freiwillig bestimmten Auflagen / Regeln, um die Festigkeit des Geistes zu schulen oder gutes Karma aufzubauen / die Gunst bestimmter Devas zu gewinnen.

Vers 24

bhakthiyogaḥ paraikāntaprītyā dhyānādiṣu stitiḥ |
thrayāṇāmapi yogānāṃ tribhiranyonya saṅgamaḥ ||

Bhakti Yoga ist die Hingabe zum Höchsten, stets ruht der Geist auf ihm (man meditiert über ihn, man verehrt in mit Puja und Ritualen usw). Bei der Ausführung jedes der drei Yogas sind die anderen beiden mit enthalten.

Vers 25

nitya naimittikānām parārādhana rūpiṇām |
ātmadṛṣtes trayo’pyete yogadhvāreṇa sādhakāḥ ||

Nitya Karma und Naimittika Karma**, die im Rahmen der drei Yogas als Verehrung des höchsten Wesens praktiziert werden (anstatt als reine Pflichterfüllung aus Angst vor schlechtem Karma), sind Mittel zur Erkenntnis des Selbst und zur Eintritt in den Yoga- Zustand (Samādhi).

** Das sind Riten die „Zweimal Geborene“, also Menschen, die in die Rezitation der Veden eingeweiht worden sind, ausführen müssen. Permanent (täglich, monatlich, jährlich) im Falle von Nitya Karma und zu bestimmten Anlässen wie Geburt, erste feste Nahrung usw im Falle von Naimittika Karma.

Wenn der Übersetzer Westlern erzählt, dass er aus Respekt vor den Varna Regeln (landläufig und grob: Kasten Regeln) keinerlei Verse aus den Veden rezitiert, (denn er ist nicht Zweimal-Geboren) führt dies oft zu großer Verwunderung. „Aber warum hältst Du Dich denn an solche bescheuerten Regeln, wie kommen die dazu, sowas zu verbieten? Wir sind doch freie Menschen!“ Solcherlei Äußerungen sind zu hören. Was hier und auch von vielen „modernen“ Indern vergessen wird ist, dass das Varna System symmetrisch ist: Ja, ohne Einweihung in die Veden darf man keine Verse aus den Veden rezitieren – sie lesen und alles andere wie z.B. die Bhagavad Gītā rezitieren übrigens schon. Aber die, die es dürfen, sind gleichzeitig zu den Nitya und Naimittika Karmas verpflichtet, die der Übersetzer gar nicht ausführen darf.

Besondere Rechte gehen bei korrekter Befolgung des Varna Systems also stets mit zusätzlichen Pflichten und der Gefahr eines tiefen Falls einher. Dies wird gerne vergessen. Aus diesem Grund sind viele orthodoxe Zweimal-Geborene gar nicht besonderns glücklich mit dieser ehrenhaften Rolle, da Menschen wie der Übersetzer durch die Gnade Rāmānujas genau so Befreiung erlagen werden wie sie – aber mit weniger Pflichten! Unsere Āchāryas haben daher mehrfach betont, dass eine „niederige“ Geburt (als Ausländer, Kastenloser, Śudra oder als Frau jeglicher Kaste – auch sie erhalten keine Einweihung in die Rezitation der Veden) ein Vorteil und kein Nachteil ist!

Vers 26

nirasta nikilājño dṛuṣṭvāthmānam parānugam |
prathilabhya parāṃ bhaktiṃ thayaivāpnoti tatpadam ||

Die Unwissenheit zerstört, dem höchsten Wesen zu Dienst, das Selbst erkannt, so erreicht man die höchste, reinste Stufe der Hingabe. Durch diese reine Hingabe erreicht man seine Lotusfüße.

Vers 27

bhakti yogas thadartī chet samagraiśvarya sādhakaḥ |
āthmārthī chettrayo’pyete tatkaivalyasya sādhakāḥ ||

Falls man nach Wohlstand strebt, durch Bhakti Yoga wird man in erreichen. Alle drei Yogas führen zu Kaivalya, für die, die Wonne des Āthmā genießen wollen.

Vers 28

aikānthyam bhagavatyeṣāṃ samānamadhikāraṇām |
yāvatprāpti parārtī chettadevātyantamaśnute ||

Die Hingabe an Bhagavān (anstatt irgendwelcher Devas) ist allen qualifizierten Personen (die eines der drei Yogas praktizieren) gemein. Falls, bevor die Frucht (Wohlstand, Erfahrung des Āthmā – Kaivalya) erreicht ist, die Sehnsucht nach den Lotusfüßen des Herrn erwacht, können diese (anstatt der unsprünglich angedachten Frucht) erreicht werden.

Falls also jemand kein Interesse am Dienst an Bhagavān verspürt, ist es kein Schaden, wenn er z.B. mit Karma Yoga und Kaivalya als Ziel beginnt. Falls er Fortschritte macht (also qualifiziert wird), wird die Hingabe an Bhagavān von alleine erwachten und er kann jederzeit das Ziel seines Weges ändern.

Verse 29 – 31: Lob des Jñāna Yogis

Vers 29

jñāni tu paramaikāntī tadāyattāthma jīvanaḥ |
tat saṃślṣa viyogaika-sukhaduḥ khastadegadhīḥ ||

Ein Jñāna Yogi, der dem höchsten Wesen ergeben ist, dessen Leben durchdrungen ist von der Verehrung des höchsten Wesens, der glücklich ist, wenn er mit ihm zusammen ist und verzweifelt, wenn sie getrennt sind, sein Wissen ruht in Bhagavān.

Vers 30

bhagavaddyāna yogokti vandana stutikīrtanaiḥ |
labdhāthmā thadgataprāṇa manobuddīndriya kriyaḥ ||

Über Bhagavān meditierend, ihn betrachtend, über ihn redend, ihn verehrend, ihn preisend, über ihn singend, wer so lebt, dessen Leben, Gemüt, Geist und Sinne sind nur mit Bhagavān befasst.

Vers 31

nija karmādi bhaktyantaṃ kuryāt prītyaiva kāritaḥ |
upāyatām parityajya nyasyet deve tu tāmabhīḥ ||

Er der fähig ist zu allen Wegen, beginnend mit Karma Yoga bis hinauf zu Bhakti Yoga; Gibt er die Haltung auf, dass diese Wege (zum Erreichen von Bhagavān) sind und ruht in ohne Furcht in Bhagavān, so ist dies der Weg, über den meditiert werden sollte.

Dies ist ein leicht verklausulierter Hinweis auf Prapatti (siehe unsere Philosophie). Zur Zeit von Yāmuna war die Lehre von Prapatti noch vertraulich und wurde noch von Lehrer zu Schüler weitergegeben. Die öffentlichere Lehre von Prapatti begann mit Rāmānuja.

Vers 32 – Konklusion

ekāntātyanta dāsyaikaratis tatpadamāpnuyāt |
tatpradānamidaṃ śāstram iti gītārthasaṅgrahaḥ ||

Der, der nur den kontinuierlichen Dienst (an Bhagavān) erstrebt, wird jene (Bhagavāns) Lotusfüße erreichen. Diese Schrift (die Bhagavad Gītā) hat als wichtigstes Ziel, das Jīvāthmā auf diese Ebene zu bringen.
Hiermit endet das Gītārtha Saṅgrahaḥ.

Adiyen Mādhava Rāmānuja Dāsan
Übersetzung Englisch – Deutsch, Edition für westliches Publikum
Adiyen Sarathy Rāmānuja Dāsan
Übersetzung vom tamilischen Originaltext ins Englische

Kṛṣṇa manifestiert vor Arjuna seine universale Form – beschrieben in Bhagavad Gītā Kapitel 11