Chatuḥślōkī – vier Strophen an die Göttin

Śrīḥ
Śrīmathē śatakōpāya namaḥ
Śrīmathē rāmānujāya namaḥ
Śrīmath varavaramunayē namaḥ
Śrī vānāchala mahāmunayē namaḥ

Einführung

Der Name unserer Tradition (Śrī Vaiṣṇavam) deutet bereits darauf hin, dass wir die göttliche Mutter Lakṣmī, deren Kurzname Śrī ist, sehr verehren. Auch die anderen Linien der Vaiṣṇavas verehren eine mütterliche Mittlerin zwischen Gott und den Āthmās (in der Hare Krishna Linie z.B. Rādha), doch man kann wohl sagen, dass die Theologie der Göttin in unserer Line an Detaillierung und Ausarbeitung kaum zu übertreffen ist.

Dies ist der akademischen Indologie nicht entgangen und so finden wir bei Oberhammer [1] eine Untersuchung der ältesten erhaltenen Textfragmente zur Lehre von Lakṣmī in unserer Tradition. In dieser Untersuchung wird die Chatuḥślōkī von Yāmunāchārya als ältester vollständig erhaltener Text zur Verehrung von Lakṣmī genannt und bemerkt, dass dieser bereits eine voll ausgearbeitete Theologie der Göttin vermittelt. Bei Dhavamoney [2] finden wir eine akademische Analyse des Inhalts der Chatuḥślōkī. Darüber hinaus gibt es natürlich eine Kommentierung und Interpretation innerhalb unserer Tradition, z.B. von Periyavāccan Piḷḷai.

In der Linie unserer Lehrer ist Yāmunāchārya (tamilischer Name Āḷvandhār) der 4. Āchārya nach dem Beginn der „neueren“ Lehrtradition mit Nāthamuni. Letzterer lebte wohl um das 9. Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Yāmunāchārya (Anfang 10. Jahrhundert) hat Rāmānuja aus der Ferne gesehen, aber er starb just an dem Tag, als Rāmānuja zu ihm kam, um sein Schüler zu werden.

Während Yāmunāchārya uns wichtige Stotren, also Hymnen, und einige kleinere wissenschaftliche Arbeiten hinterlassen hat, liegt der Schwerpunkt von Rāmānujas Arbeit bei wissenschaftlichen Texten – also Texte zu Fragen des Vedanta in der klassischen wissenschaftlichen Form der indischen Geistestradition: These – Kritiken an These – Antwort auf Kritiken – Schlussfolgerung. Es wird erzählt, dass Rāmānuja damit dem Wunsch von Yāmunāchārya folgte, der mehr solcher Werke schreiben wollte, es aber wegen seiner schwachen Gesundheit und seinem fortgeschrittenen Alter nicht mehr konnte. Indologen wie Oberhammer finden, dass Rāmānuja die von Yāmuna angesetzten Denklinien mit hoher Genauigkeit fortführt, fast so wie ein Āchārya in zwei Körpern.

Tauchen wir also ein in einen ca 1000 Jahre alten Text, der den Ruhm der göttlichen Mutter so wunderbar zum Glänzen bringt, dass in dieser langen Zeit kein vergleichbarer Text mehr geschrieben wurde. Wir präsentieren hier eine Synthese der koyil.org Übersetzung [3] mit der akademischen Übersetzung aus [1], S.120 sowie [2].

Würdigungsvers (Thaniyan)

Gedichtet von Rāmānuja, dieser Vers führt die meisten Werke von Rāmānuja an.

yat padāmbhōruhadhyāna vidhvasthāśēṣa kalmaṣaḥ
vastutāmupayā thō’haṃ yāmunēyaṃ namāmi tam

Ich verehre Yāmunāchārya, durch dessen Lotusfüße all meine Defekte entfernt wurden und ich meine wahre Natur als Sat, als ewiges Āthmā, erkannte.

Vers 1

kāntaste puruṣottamaḥ paṇipatiḥ śayyāsanṃ vāhanaṃ
vedhāthmā vihageśvaro yavnikā māyā jaganmohinī |
brahmeśādisuravrajaḥ sadyitas tvaddāsadāsīgaṇaḥ
śrīrityeva ca nāma te bhagavati brūmaḥ kathaṃ tvām vayam ||

Dein Geliebter ist Puruṣottamaḥ, das höchste Wesen (und wie er ist) Dein Ruhebett der Herr der Schlagen (Adiśeṣa),
Dein Gefährt ist der Herr der Vögel, der Hüter der Veden (Garuḍa), Dein Schleier ist Māyā, die die Welt verblendet.
Brahmā, Īśa (Śiva) und ihre Gefährtinnen sind wie die anderen Götter Deine Diener,
Śrī ist Dein Name, oh Erhabene, aber wie können Wörter Deine Erhabenheit preisen?

Die göttliche Mutter teilt somit die entscheidenen Insignien des Höchsten Wesens, das wir gemeinhin Nārāyaṇa (Nāra* = Mensch, *ayaṇa = Zuflucht) nennen.

Vers 2

yasyāste mahimānamātman iva tvadvallabho’pi prabhuḥ
nālam mātumiyattayā niravadhiṃ nityānukūlam svathaḥ |
tām tvām dāsa iti prapanna iti cha stoṣyāmyahaṃ nirbhayaḥ
lokaikeśvari lokanāthadayithe dānte dayām te vidan ||

Deine Größe übersteigt selbst das, was von Deinem Geliebten (Nārāyaṇa) ermessen werden kann, ganz so wie seine eigene Größe.
Stets bist Du uns wohlgesonnen und so preise ich Dich ohne Furcht!
Dein Diener bin ich, meine Zuflucht bist Du; Ich weiß, Deine Liebe gilt nur dem Einen (Nārāyaṇa),
Mutter der Welt, Geliebte des Weltenherrschers, so spreche ich, denn ich kenne Deinen Güte.

Während der Weltenherrscher Nārāyana zumeist die Rolle des gestrengen Vaters übernimmt, der nach Verdiensten und Vergehen belohnt und richtet, übernimmt die Weltenmutter Śrī zumeist die Rolle der gütigen Mutter, die in den Wesen immer nur das Gute sieht und für Milde plädiert. Während wir also Nārāyana durchaus mit Respekt und Furcht begegnen sollten, ist Furcht bei der göttlichen Mutter unangebracht.

Vers 3

īṣat tvatkaruṇānirīkṣaṇsudhā sandhukṣaṇādrakṣayate
naṣtaṃ prāk tadhalābhatastribhuvanaṃ saṃpratyanantodayam |
śryo na hyaravinda locanamanaḥ kāntāprasādādṛte
saṃsṛtyakṣaravaiṣṇavādhvasu nṛṇāṃ saṃbhāvyate karhichit ||

Durch eine Spur des Nektars Deines mitleidvollen Blickes werden die drei Welten bewahrt.
Ohne ihn waren sie in vernichtet, durch Deinen Blick erblühen sie nun erneut und ohne Grenzen.
Ohne Deine Gnade, die dem Lotusäugigen (Nārāyaṇa) so lieb ist, ist kein Glück zu finden, weder in den materiellen Freunden von Saṃsāra, noch die Meditation auf das Unmanifeste (die Erfahrung der glückseligen Aspekte des Āthmās, wie z.B. im Buddhismus und in vielen Yoga-Wegen praktiziert) noch im Weg der Vaiṣṇavas (das Erstreben des ewigen Dienstes an Śrīman Nārāyaṇa).

Vers 4

śāntānantamahavibhūthi paramaṃ yadhbrahma rūpam hareḥ
mūrtam brahma thathopi tatpriyataraṃ rūpam yadatydbhutam |
yānyanyāni yathāsukaṃ viharato rūpāṇi sarvāṇi tāni
āhuḥ svairanurūparūpavibhavair gāḍopagūḍhani te ||

Die Form von Hari (Nārāyaṇa) ist das höchst Brahman, unendlich, friedvoll und weit entfaltet,
auch das verkörperte Brahman, seine liebenswerte, wunderbare Gestalt (also die Avatare, die er für seine göttlichen Aktivitäten annimmt)
und all die anderen Formen seiner selbst, die er nach Belieben annimmt,
all diese sind zutiefst verwoben mit Deinen eigenen Entfaltungen.

Konklusion

ākāratrayasampannām aravindanivāsinīm |
aśeṣajagadīśitrīm vande varadavallabhām ||

Ich verehre sie, die Geliebte von Varadha Perumal, geschmückt durch liebenden Dienst und vollkommene Abhängigkeit von ihm. Nur er genießt ihre Qualitäten, er, aus dem alle Dinge ruhen und sich entwickeln.

Literatur

[1] Gerhard Oberhammer: Materialien zur Geschichte der Rāmānuja Schule VI; die Lehre von der Göttin vor Veṇkaṭanātha. Österreichische Akademie der Wissenschaften, Wien, 2002.

[2] Mariasusai Dhavamoney: Yāmuna’s Catusślokī: an analysis and interpretation. Indologica Taurinensia VOLUME III-IV (1975-1976), Proceedings of the „Second World Sanskrit Conference“ (Torino, 9-15 June 1975)

[3] koyil.org Sri Vaishnava portal: chathu: SlOkI, basierend auf der tamilischen Übersetzung des Originaltextes von U. VE. Pārthasārathy Aiyengār Swamy. http://divyaprabandham.koyil.org/index.php/2015/12/chathu-sloki/

Adiyen Mādhava Rāmānuja Dāsan
Übersetzung Englisch – Deutsch unter Berücksichtigung weiterer Übersetzungen, Edition für westliches Publikum
Adiyen Sarathy Rāmānuja Dāsan
Adiyen Vangīpuram Satakōpa Rāmānuja Dāsan
Übersetzung der tamilischen Übersetzung ins Englische

Lakṣhmī, gemalt von Birgit Shakunthala Schnebel

Autor: koyildeutschland

Sri Vaishnavam in Deutschland

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