Thiruppallāṇdu

Śrīḥ
Śrīmathē śatakōpāya namaḥ
Śrīmathē rāmānujāya namaḥ
Śrīmath varavaramunayē namaḥ
Śrī vānāchala mahāmunayē namaḥ

Einführung

Das Thiruppallāṇdu wurde vom Heiligen Periyāḻvār verfasst und nimmt unter den Texten der Āḻvārs einen hervorgehobenen Platz ein. Das besondere an diesem Werk ist, dass es ein „Mangalasasanam“ ist, ein Segen. Dieser Segen gilt – für Menschen aus unserer Kultur vermutlich überraschend – Śrīman Nārāyaṇa, Viṣṇu, also der erhabensten Form Gottes. Im Lichte der abendländischen Religionstradition mag das wiedersinnig erscheinen. Warum sollte ein Mensch Gott segnen? Wie kann er das überhaupt, angesichts der Größe Gottes und seiner eigenen Schwäche?

Doch solche Gedanken scheren Periyāḻvār nicht. Ein Aspekt der lebendigen Erfahrung des Göttlichen durch die Āḻvārs ist die Erfahrung einer unendlich zarten Schönheit, die vom höchsten Herren ausstrahlt. Periyāḻvār erblickt Gott, Viṣṇu, über eine Gruppe Menschen, die ihn (Periyāḻvār) nach dem Sieg in einer Debatte bejubeln. Und angesichts der unendlich zarten Schönheit Viṣṇus und den groben Menschen in seiner Nähe ist er besorgt. Sein Segen ist also kein Ausdruck eines intellektuellen oder theologischen Vorgangs, es ist ein Ausdruck der Erhabenheit von Periyāḻvār, der – im Gegensatz zu den anderen Āḻvārs – von Gott nichts erbittet, sondern für Gott bittet. Periya bedeutet denn auch auf tamilisch groß, Periyāḻvār bedeutet also „der große Āḻvār“.

Das Thiruppallāṇdu wird fast jedem „Goshti“, dem Zusammenkommen von Śrī Vaiṣṇavas zur Verehrung Gottes, rezitiert.

Śrī Vaiṣṇavas rezitieren gemeinsam Thiruppallāṇdu bei einem Utsavam (Tempelfest mit Prozession)

Wie viele Werke der Āḻvārs ist auch Dieses zuweilen nicht ohne weiteres zu verstehen, oft deuten die Āḻvārs nur Dinge mit wenigen Silben an oder kombinieren mehrere Wörter mit Sandhi, so dass die resultierende Buchstabenkombination auf mehrere Arten verstanden werden kann. Wir raten daher dringend davon ab, ohne die Unterstützung eines kenntnisreichen Muttersprachlers die tamilischen Originaltexte, die man auf koyil.org finden kann, zu analyieren. Oft gehen Übersetzungen aus Google Translate / dem Wörterbuch in die völlig falsche Richtung…


Übersetzung

Würdigungsvers I

Er, der ohne Unterweisung durch einen Guru antrat und aus allen Veden rezitierte.
Er, der (dadurch) den Wunsch erfüllte und den Sack Goldmünzen gewann, den der König (Vallabha) als Preis gesetzt hatte.
Er, der der Schwiegervater von Śrī Raṅganatha und die Zier des Brahmanenstandes ist.
Ihm, Viṣṇuchitta, gebührt meine Ehrerbietung.

Dieser Würdigungsvers (Thaniyan) spielt auf die beiden wichtigsten Begebenheiten im Leben von Periyāḻvār an. Wie alle Āḻvārs hat Periyāḻvār diverse Namen auf Tamil und Sanskrit. Sein wichtigster Name auf Sanskrit ist Viṣṇuchitta – der, dessen Geist von Gedanken an Viṣṇu erfüllt ist.

Periyāḻvār war Tempelgärtner in Srivilliputhur, eine Funktion, die traditionell nur Brahmanen ausüben können. Periyāḻvār war mit seinem Dienst im Garten vollkommen zufrieden und hatte daher nach den Unterweisungen seiner Jugend keine weiteren Unterweisungen gesucht, war also kein Gelehrter.

Als nun der lokale König einen Preis dafür auslobte, dass ein Gelehrter zweifelsfrei (gemäß den klassischen Regeln für Diskurs und Logik) beweisen kann, welche Form Gottes die höchste ist, beachtete er dies nicht weiter. Im Traum erschien ihm jedoch Viṣṇu und ersuchte ihn, an diesem Wettbewerb teilzunehmen und zu beweisen, dass Viṣṇu die höchste Form ist. Auf Periyāḻvārs Einwand, dass er nicht für einen solchen Diskurs qualifiziert sei, versprach Viṣṇu, dass er ihm helfen würde.

Als Periyāḻvār sich bei den Gelehrten zum Diskurs meldete, wurde er mit Belustigung empfangen, die anderen Gelehrten waren sicher, dass er gegen sie nicht den Hauch einer Chance hat. Doch zum allgemeinen Erstaunen gewann Periyāḻvār durch die perfekte Beherrschung des gesamten vedischen Schriftkanons. Auf jeden Einwand konnte er vielfältige Textstellen zitieren, die diesen Einwand entkräfteten.

Dass ein schlichter Tempelgärtner gegen die größten Gelehrten seines Landes gewann, wurde mit einem Umzug und großer Verehrung für Periyāḻvār gefeiert – bei dieser Gelegenheit erschien ihm Viṣṇu und der Āḻvār dichtete die vorliegenden Verse.

Später fand er bei seiner Gartenarbeit im Erdreich ein Baby – Āndāl, Avatar der Erdgöttin, ihrerseits einer der drei Aspekte der göttlichen Mutter. Das Bild zu diesem Artikel zeigt den Schrein an dem Ort, wo Āndāl gefunden wurde. Er nahm das Mädchen als seine Tochter an. Später heiratete Āndāl Śrī Raṅganatha, die Bildgestalt des Śrīraṅgam Tempels, und verschwand gleich daraufhin im heiligsten Bereich des Tempels. Daher ist Periyāḻvār der Schwiegervater von Śrī Raṅganatha.

Würdigungsvers II

Srivilliputhur, umgeben von leuchtenden, großen Mauern,
die, die diesen Namen sprechen, möge unsere Stirn zu ihren Füßen sein.
Einst (als der Ruhm von Viṣṇu als höchste Form Gottes zu beweisen war, s.o., gewann er und) fiel ihm der Sack Goldmünzen zu.
Oh Geist, denke daran und vermeide so die unangemessenen (nicht-vedischen) Wege.

Würdigungsvers III

Der König der Pandians (Vallabha) feierte ihn, den König der Vaiṣṇavas,
der König kam und lies die Muschelhörner blasen,
er (Periyāḻvār) erläuterte die letzte Bedeutung der Veden und gewann den Preis,
mögen seine Lotusfüße unser Schutz sein.


Vers 1

Viele Jahre der Menschen, der Devas und des Brahmā*.
Viele Brahmās lang.
Der mit starken Schultern, der die stärksten Ringer besiegt, blau wie ein Saphir,seine wunderbaren roten Füße, mögen sie beschützt sein.


*Demiurge des jeweiligen Universums, für Brahmā sind gemäß der Schriften 1000 Folgen der 4 Yugas wie ein Tag, seine Lebenspanne ist daher etwa 313.528.320.000.000 Menschenjahre. Mit der Schaffung eines Universums wird ein Brahmā geschaffen, wenn er stirbt wird dieses Universum zerstört und später mit einem neuen Brahmā erneut geschaffen

Nach seinem Segenswunsch lässt der Āḻvār uns wissen, dass er sehr wohl versteht, dass sich Gott selber schützen kann. „Der mit starken Schultern, der die stärksten Ringer besiegt“ spielt auf eine Kindheitsgeschichte von Kṛṣṇa an, in der er dutzende Ringer, die den Auftrag hatten, ihn in einem Schaukampf zu töten, seinerseits tötet. Als Kind!

Vers 2

Wir, Deine Diener und Du, unser Herr, mögen wir immer zusammen sein!
Wunderschön und mit Juwelen geschmückt, ruhen sie stets auf der rechten Seite Deiner Brust, Deine Gefährtinnen (die Gefährtin Viṣṇus, Lākṣmī, wird zuweilsen durch drei Göttinen repräsentiert: Śrī Devi, Bhudevi und Niladevi) – mögen sie sets mit Dir sein!
Leuchtend, so dass Deine Form erstrahlt, immer in Deiner rechten Hand, das Chakra (eine Art feuriger Diskus, die liebste Waffe Viṣṇus) – möge es immer bei Dir sein.
Jenes, dessen Klang auf dem Schlachtfeld erklingt, gleich einer Waffe (das Muschelhorn, neben dem Chakra die zweite Insignie Viṣṇus) – möge es immer bei Dir sein.

Nachdem der Āḻvār im ersten Vers die Lotusfüße des Herrn gesegnet hat, segnet er nun seine gesamte transzendentale Erscheinung mit all seiner Fülle.

Kṛṣṇa tötet Śiśupāla, nachdem Kṛṣṇa 100 Beleidigungen durch Śiśupāla ungesühnt gelassen hat – bei der 101. nutzt er das Chakra um Śiśupāla zu töten.

Vers 3

Wenn Du im Dienst am Herren gefestigt bist, komm mit uns und nimm die heilige Erde für das Fest (Śrī Vaiṣṇavas markieren ihre Stirn mit „Urdhva Pundram“, dem Symbol für Viṣṇu und Lakṣmī aus heiliger weißer Erde und rotem Kurkuma).
Doch dienst Du anderen Herren für Dein Essen, so lassen wir Dich nicht zu uns.
Ohne Vergehen sind wir seit 21 Generationen,
Lanka (Sri Lanka) war gefüllt mit Dämonen, sie wurden alle zerstört,
ihm, der gegen sie in die Schlacht zog, singen wir nun Thiruppallāṇdu (segnen ihn).

Der zweite Satz („Doch dienst Du anderen Herren…“) klingt zunächst einmal hart. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass der Āḻvār hier Vaiṣṇavas zu einem Utsavam, zu einem religiösen Fest, zusammen ruft. Wäre in der Gruppe derer, die Gott durch Gesänge und Gebete verehren jemand, dem es dabei nicht um Gott, sondern um seinen eigenen Wohlstand geht, würde die Verehrung an Kraft und Würde verlieren.

Vers 4

Bevor ihr auf dem Friedhof* landet, kommt zu uns.
Wenn Du erwägst, Kaivalya aufzugeben, schnell, komm zu uns!**
Ihr, Menschen in Land und Stadt die ihr wisst, was gut für euch ist und das Thirumantra chantet,
wenn eure Hingabe für das Thirumantra reicht, kommt und singt mit uns Thiruppallāṇdu!

* Eigentlich bedeutet das Wort natürlich „Verbrennungsort für Leichen“, Friedhöfe, in denen Leichen beerdigt werden, kannte man zu Zeites des Āḻvārs nicht – die Toten wurden verbrannt.
** aus Sicht des Āḻvārs ist höchste Eile geboten, aus Kaivalya, dem alleinigen Genuss der glückseligen Aspekte des Āthmās, gibt es keine Wiederkehr.

Vers 5

Der Herr der Sinne, Herr über die unzähligen Welten,
er sammelte und zerstörte Dämonen und Asuras.
Ihr aus der Grupper der, die ihm dienen wollen,
kommt zu uns, zu den Lotusfüßen des Herrn,
und singt seine tausend Namen!
Doch gehörtst Du zu denen, die den Herren für Anderes als den Dienst an ihm ersuchen,
gib es auf und singt mit uns Thiruppallāṇdu!

In diesem Vers spricht der Āḻvār die an, die Gott wegen seiner Macht verehren, also sich Hilfe / Vorteile von ihm versprechen. Das ist nicht illegitim, wie wir in Kapitel 7 Vers 16 der Gīta (Englisch, Deutsch in wörtlicher Übersetzung) lesen. Aber es ist eben auch nicht das Ende, es gilt dieses Motiv zu transzendieren und (wie der Āḻvār) Gott um seiner Selbst willen zu verehren.

Vers 6

Mein Vater und ich, sein Vater und sein Vater und sein Vater und dessen Vorfahren, sieben Generationen zurück,
wir kommen zur gegebenen Zeit und Dienen,
wir werden ihn immer segnen,
bei Sonnenuntergang erschien er als Mensch-Löwe (Nārāsimha) und tötete Hiranyakashipu,
davon ist er müde – wir singen ihm Thiruppallāṇdu.

Vers 7

Größer als das Feuer der Sonne, rund und rötlich scheinend,
so leuchtet das Sudarshana Chakras;
Generation für Generation kamen wir, um dem zu dienen,
der es führt (Viṣṇu).
Es drehte sich und trennte die tausenden (Köpfe von den) Schultern von Banasura, dessen Armee mit Hinterlist kämpfte.
Ihm singen wir Thiruppallāṇdu!

Vers 8

Reis mit Ghee, mit reinem Herzen geopfert und von wunderbarem Geschmack,
im immerwährenden Dienst reicht seine Hand uns Betelblätter und -nüsse, Schmuck für den Hals und duftende, unvergleichliche Sandelholzpaste für den Körper,
so erhob er mich tief Gefallenen auf die Ebene des Sattva (Reinheit).
Er, auf dessen Flagge Garuda, Feind der Schlage ist,
ihm singen wir Thiruppallāṇdu.

Im 5. Vers sprach der Āḻvār zu Menschen, die sich vor allem für Wohlstand und den Schutz durch Gott interessieren. In diesem Vers sprecht ein solcher Mensch über das, was er erfahren hat, als er das Streben nach Schutz und Wohlstand aufgab und begann, Gott zu segnen.

Vers 9

Wir tragen die heiligen gelben Stoffe, die um Deinen Körper lagen,
wir essen das Essen, das Du gekostet hast,
wir tragen die Tulsi Girlanden die Du getragen hast,
all die Dinge, die all den verschiedenen Bereichen getan werden müssen, sind getan,
Dir, ruhend auf dem Bett das Adiṣesa (die Weltenschlange) ist, mit geblähten Hauben, an Sravanam (ein Tag Ende März, an dem Vaiṣṇavas traditionell fasten und der für die Verehrung von Viṣṇu besonders geeignet ist),
ihm singen wir Thiruppallāṇdu.

Vers 10

Oh Herr, egal wann wir unterschrieben Deine Diener zu sein,
an diesem Tag wurde unser Haushalt zum Hort Deiner Diener.
Wir wurden befreit von Kaivalya und von Dir erhoben.
Du, aus der schönen und göttlichen Stadt Mathura,
zerbrachst den Bogen (von Kamsa, dem König, der Kṛṣṇa – um den geht es hier – töten wollte),
sprangst auf den Kopf der Schlange Kaliya, sie mit ihren fünf Köpfen und Hauben,
Dir singen wir Thiruppallāṇdu.

Vers 11

Oh Herr, die, die ohne schlechte Gewohnheiten (Bewusstsein, den Ausdruck für die Existenz des Āthmā, für ein rein körperliches Phänomen halten, das Āthmā für unabhängig von Allem halten usw) sind, sie sind der Schmuck der Welt,
Den Bewohnern von Thirukostiyur (einer Divya Deśams, also der 108 Tempel, die von den Āḻvārs gepriesen wurden, in Thirukoshtiyur soll ein Treffen der großen Seher und Götter statt gefunden haben – Thiru = heilig, kosti = goshti, Treffen einer Gruppe) bist Du der Herr.
Die, deren Größe nur darin besteht, sich als als Deine Diener zu betrachten so wie Selva Nambi (der Überlieferung nach der Verwalter des Tempels von Thirukkottiyur, er wies des König an, die Debatte auszurufen, die Periyāḻvār gewann), ich bin einer von ihnen, ewiger Diener von Dir, unserem Herren.
Du, der Du alle Vergehen so wunderbar entfernen kannst,
wir rezitieren das Thirumantra,
wir singen Deine Namen ohne auf Formales zu achten,
Dir singen wir Thiruppallāṇdu.

Vers 12

Er, der einen Bogen names Sārngam trägt,
er der absolut rein ist und in Vaikuntha residiert,
ihm sang Viṣṇuchitta (Periyāḻvār) aus Srivilliputhur seinen Segen.
Mit großem Verlangen danach gab er diesen heiligen Gesang,
die, die ihn stets wiederholen und über das Thirumantra meditieren,
sie werden Paramāthmā (die Überseele, Śrīman Nārāyaṇa) umgeben und Thiruppallāṇdu.


Adiyen Mādhava Rāmānuja Dāsan
Übersetzung auf Deutsch
Adiyen Sarathy Rāmānuja Dāsan
Adiyen Sudarshana Rāmānuja Dāsan
Übersetzung ins Englische

Tempel in Srivilliputhur, Quelle: Wikipedia

Thirumālai

Śrīḥ
Śrīmathē śatakōpāya namaḥ
Śrīmathē rāmānujāya namaḥ
Śrīmath varavaramunayē namaḥ
Śrī vānāchala mahāmunayē namaḥ

Das Thirumālai (திருமாலை) wurde vom Heiligen Thondarippodi Āḻvār verfasst. „Thiru“ (திரு) ist im Tamilischen ein Prefix für etwas Heiliges oder sehr Erhabenes und „mālai“ bedeutet u.a. Girlande. Beides zusammen bedeutet also „heilige Girlande (aus Versen)“. Eine zweite, eher informelle Bedeutung von „mālai“ ist Nārāyaṇa, Gott. Der Name sagt damit zugleich aus, für wen diese Girlande bestimmt ist.

Dieser Artikel ist die erste Übersetzung eines Werkes unserer Āḻvārs in Schriften-Reihe. Wir möchten in unseren Übersetzungen in erster Linie die spirituelle Strahlkraft und Vielfältigkeit der Werke der Āḻvārs mit relativ freien Übersetzungen der Texte von koyil.org ins Deutsche bringen. Ausführliche Übersetzungen und Kommentierungen des Textes, wie sie für das Thirumālai auf koyil.org in Englisch verfügbar sind, sind vorerst nicht geplant.


Wie viele Werke der Āḻvārs ist auch dieses zuweilen nicht ohne weiteres zu verstehen, oft deuten die Āḻvārs nur Dinge mit wenigen Silben an oder kombinieren mehrere Wörter mit Sandhi, so dass die resultierende Buchstabenkombination auf mehrere Arten verstanden werden kann. Wir raten daher dringend davon ab, ohne die Unterstützung eines kenntnisreichen Muttersprachlers die tamilischen Originaltexte, die man auf koyil.org finden kann, zu analyieren. Oft gehen Übersetzungen aus Google Translate / dem Wörterbuch in die völlig falsche Richtung…


Würdigungsvers (Thanian), verfasst durch einen Lehrer von Rāmānuja

Oh, Du mein Geist, preise und wiederhole immerzu die Verse des Thirumālai.
Der, der in Śrīraṅgam weilt (Śrī Raṅganatha) ist niemand anderes als Krṣṇa, zu dessen erhabenen Füßen die Kühe weiden.
Thondaradhipodi Āḻvār war ihm hingegeben und verheißt uns Glück. Er ist unser Herr, lasst uns immerzu über ihn sprechen.
Mehr als das ist nicht nötig.

Śrī Raṅganatha. Hinten die unbewegliche Haupt-Bildgestalt (Mulavar Murti) im Śrīraṅgam Tempel, die auch „Periya Perumal“ genannt wird. Vorne „Namperumal“, die bewegliche Bildgestalt Raṅganathas (Utsava Murti), die in Prozessionen aus dem heiligsten Bereich des Tempels bis in die Außenbereiche getragen wird, damit alle Menschen sie sehen können.

Verse 1-10

Der, der all die Welten aufnimmt und wieder freigibt, der, der all die Welten erschafft,
Deine heiligen Namen haben wir gelernt und so wir werden siegreich sein über Yama (Deva, der über den Tod herrscht) und seine Gesellen.
Obwohl unsere fünf Sinne ohne Zügel wanderten, auf Verbotenes und Erlaubtes.
Denn all unsere vielen Vergehen haben Deine Namen zerstört, es bleibt keine Spur. So wandern wir über Yama und seine Gesellen, sieh‘ selbst!

Oh Herr von Śrīraṅgam,
Du hast die Form eines Bergs von Smaragd,
Deine Lippen sind wie Korallen so leuchtend,
Deine Ohren wie Lotusblüten, nie lässt Du Deine Anhänger los,
Herr der Nityasuris, (erhabene Wesen, weitaus mächtiger als Devas, die in Vaikuntha, dem spirituellen Reich des Herrn, leben – grob mit Erzengeln in der Christlichen Mythologie vergleichbar)
Herr der schlichten Kuhirten (Verweis auf die Inkarnation Gottes als Kṛṣṇa),
die immer sein wollten, wo Kṛṣṇa war.
So will ich hier (in Śrīraṅgam) deine heiligen Namen singen,
und böte man mir die Herrschaft über Vaikuntha mit unermesslichem Reichtum, ich wollte sie nicht, wärst Du nicht zugegen.

Oh Herr von Śrīraṅgam! Doch die Geburt hier in Samsāra (dem Kreislauf aus Tod und Wiedergeburt in der materiellen Welt) verabscheue ich,
denn die Samsāris, (Wesen, die durch Samsāra wandern) oh, sie leben zwar 100 Jahre, doch schlafen sie fünfzig und die anderen fünfzig verbringen sie im Unwissen der Kindheit, in Jugend, in Sucht nach Sinnesreizen,
gefangen durch Krankheit, verwenden sie ihre Zeit, um Sinne zu befriedigen. Und im Alter sorgen sie sich, denn ihr Leben wurde nutzlos vergeudet.

Hatte nicht der böse Königssohn (Kshathrabandhu, ein misratener Königssohn, der in den Wald verbannt wurde) durch den heiligen Namen „Govinda“ das Glück, nach Vaikuntha zu kommen?
Selbst mit so „guten“ Menschen hat der Gnädige in Śrīraṅgam Mitleid und Großmut.
Sie (die Samsāris, die den Āḻvār umgeben) sind mitten im Ozean schlimmer Vergehen, und selbst mit ihm als Meister verfangen sie sich in neuen Geburten.
Oh, wir verzweifeln daran!

Er denkt, dass er genießt,
die Sinne und die Frauen,
doch beläd er sich nur mit Schwierigkeit.
Er arbeitet hart und isst erst bei Nacht,
ermattet fällt er zu Bett doch findet er keine Ruhe,
denn stets sorgt er sich um diesen materiellen Körper.
Der Herr der Welt, geschmückt mit kühlem Tulsi (indisches Basilikum),
dessen Anhänger tanzen und singen,
er wird nicht sein Diener, kostet nicht den göttlichen Nektar,
solch niedere Menschen, ein Wunder dass ihnen ihr Essen schmeckt.

Einen Schutzwall aus Härte und Grausamkeit habt ihr um euch gebaut,
schütze Dich besser mit Armut und Dienst an ihm,
denn die Armut des Körpers vergeht, wenn dieser verfällt und stirbt,
während eure Armut im Āthmā (grob: Seele) bleibt.
Der sich nur durch Rechtschaffenheit schützt,
anstatt Raṅganatha zu dienen,
sein Körper ist sein Schutzwall,
er schmückt ihn,
doch nicht einmal die Geier fressen ihn,
so liegt er dort, nutzlos.

Die Menschen, die die Tiefen der Śāstra (maßgeblichen Texte) durchdrungen haben,
all die geringen Gruppen wie Buddhisten oder Jains,
werden sie sie mit dem Herzen prüfen?
werden sie sie mit den Ohren hören? (die Anhänger Bhagavāns (Bhagavatas) sind bereits durch die Existenz dieser Gruppen, die die Veden nicht akzeptieren, beunruhigt. Hören Bhagavatas ihnen zu oder öffenen sich ihren Lehren, ist dies umsomehr Grund zur Besorgnis!
Um zu zeigen, dass man der Śāstra voll vertrauen kann, greift der Āḻvār nun zu drastischen Mitteln:)
Selbst wenn man mich enthauptet,
werde ich nicht sterben.
Ich zeige es euch, es ist ein Fakt,
der, der Lankā zerstört hat (Rāmā, ein Avatar Gottes),
und Ruhm erlangte,
er ist der, nach dem wir streben müssen.

Oh Herr von Śrīraṅgam,
voller Hass sprachen die Jains, die Shaivas,
und die unglückseligen Buddisten.
Unvorstellbare Dinge haben sie über Dich und Deine Angelegenheiten gesagt.
Solche Vergehen werden zu einer Krankheit,
die zum Untergang führt.
Oh, wenn sie so in meiner Gegenwart sprechen,
gleich dort werde ich sie enthaupten,
denn sie müssen vor sich selbst geschützt werden (Der Āḻvār findet, dass es besser so ist, als wenn sie sich mit weiteren Vergehen gegen Raṅganatha noch mehr Vergehen aufladen. Hier ist es wichtig festzuhalten, dass sein Zorn den Āḻvār relativ weit weg von der normalen vedischen Verhaltensnorm bringt. In der Yajur Veda lesen wir: „na himsyat sarvabhutanam“, „töte kein lebendes Wesen.“ Diese Aussage ist also ein Ausdruck seiner Wut aufgrund der Vergehen gegen Raṅganatha, keine Anweisung für Zuhörer / Leser.)

Oh Menschen, gibt es irgend einen anderen Herrn, bei dem wir Zuflucht nehmen können in schwieriger Zeit?
Er ist der Eine, der Höchste.
Ihr wisst nicht mehr als dies aus den Schriften,
denn er ist versteckt, ihr könnt ihn nicht erkennen.
Doch außer ihm gibt es keinen Herrn.
Deswegen nehmt Zuflucht beim Hirten der Kühe, meinem Herrn,
haltet seine Füße und ergebt euch ihm.
(Der Hirte der Kühe ist Kṛṣṇa. Unter all den Formen, die Gott angenommen hat, ist Kṛṣṇa die nahbarste – daher sollen die Menschen bei ihm Zuflucht suchen)

An allen Orten wurden (geringe) Devas zur Verehrung eingeführt.
Doch die, die ein exaltiertes Leben führen wollen, finden die Mittel in der unvergleichlichen Güte, die in Śrīraṅgam zugegen ist.
So sage ich es euch, doch ihr, die ihr euch anderen Dingen als Śrīman Nārāyaṇa hingebt, habt ihr es verstanden?
Selbst wenn er prachtvoll, auf seinem Gefährt Garuda, zugegen ist, wartet ihr doch am Schrein des Devas der Armut und bettelt um Geld.

Śrīraṇgam vom anderen Fussufer aus gesehen

Verse 11-20

Der, der mit seinem Bogen einen Damm durch den tosenden Ozean baut (nachdem der Deva, der über die Meere herrscht, auf das Bitten Rāmas nicht erschienen war, nahm dieser seinen Bogen und drohte ihn zu erschießen. Darauf hin kam er und ermöglichte den Bau des heute noch sichtbaren Damms nach Sri Lanka, Rama Setu ),
Zum Schutz der Welten zerstörte er im Kriege Rāvaṇa, den König der Dämonen.
Der, der stets in Śrīraṅgam weilt, dem berühmten Tempel mit seinen vielen Mauern – ihr sagt seine Namen nicht, obwohl es so leicht ist.
Wohl wurdet ihr nicht im Mutterbauch gesegnet und so verschwendet ihr eure Zeit.

Als Yama (Deva des Todes) und Murkalanum sprachen,
und die in Narakam (höllische Unterwelt) diese Worte hörten,
wurde Narakam für sie wie Svargam (die himmlich Welt),
die Namen Gottes machten Narakam zu einem wunderbaren Ort. (Murkalanum hatte viele schwere Vergehen auf sich geladen, doch gab er zur Vergebung eine großzügige Spende und widmete sie Kṛṣṇa mit den Worten „Kṛṣṇārpaṇam“. Nach seinem Tod wird er von den Gehilfen Yamas nach Narakam gebracht, Yama empfängt ihn jedoch freundlich. Murkalanum ist verwirrt und Yama erklärt ihm, dass dies durch die Macht der Namen Gottes, selbst wenn sie nur einmal ausgesprochen werden, geschieht. Darauf hin sprechen Murkalanum und Yama ausführlicher über den Ruhm der Namen Gottes. Diejenigen, die ebenfalls in den höllischen Unterwelten sind und nicht so gut behandelt wurden, fühlten sich in diesem Moment, als wäre sie in Svargam)
Da sie Deinen Namen nicht sprachen, ihn vergaßen,
fielen schon so viele große, aber materialistische Menschen.
Sie vielen in den Sumpf aus Sorgen,
dies sorgt mich zutiefst.

Die Wellen des übel riechenden Ozeans umspülen dieses Land und seine Wesen (diese Ozean ist Saṃsāra, der Kreislauf aus Tod und Wiedergeburt),
Der Herr der Nityasuris, geschmückt mit einer süß duftenden Girlande aus Tulsi, nur ihn verehrt!
Wenn diese Menschen ohne Wissen, die als Sklaven ihrer Sinne leben, doch nur „Śrīraṇgam“ sagen würden,
auf diesem Land und in Narakam würde niemand mehr wandeln (da alle Samsāra verlassen), nur noch Gras würde wachsen.

Gärten, wo Schwärme von Bienen summen,
Gärten, wo schöne Pfauen tanzen,
Gärten, die die Wolken küssen,
Gärten, wo Scharen von Wachteln sich rufen,
Gärten, wo der Herr der Nityasuris wohnt,
sie sind der Schmuck (von Samsāra).
Die, die nicht einmal das Wort Śrīraṅgam aussprechen,
sie sind undankbare Dummköpfe.
Sie fallen übereinander her um zu essen,
so nehmt ihnen das Essen weg
und gebt es den Hunden! (Denn sie sind dankbar, diese Menschen nicht.)

So lange war ich auf dem falschen Weg;
Der Herr, dessen Flagge Garuda zeigt, zeigt seine wahre Natur all denen, die ihn nicht hassen. (so wenig ist nötig)
Die, die sich für andere Dinge als ihn interessieren,
er wird ihnen Unwahres zeigen.
Die, die wissen, sollten wissen, wie sie sich aus Samsāra erheben,
nachdem sie verstanden haben, wer der Herr aller Herren ist,
wird er sich ihnen offenbaren und ihre letzten Zweifel verfliegen.
Der Herr, der die Welt durch seine Schönheit versklavt,
seine Stadt ist Śrīraṅgam.

In der Zeit, als ich mich in weltlichen Dingen versenkte
täuschte ich, stahl,
war verfangen in den Augen der Frauen,
rund und große wie die von Fischen,
war gefangen im Netz (von Samsāra)
Ich sank, ich schrie und er betrat mein Herz,
der höchste Herr, der in mir eine Flut der Hingabe steigen ließ,
ist sein Ort nicht Śrīraṅgam?

Ich stand, ihm hingegeben,
doch ich konnte ihn nicht preisen,
konnte ihm keinen Dienst verrichten,
verstand seine Güte nicht.
Der Geist war hart wie Eisen,
doch er wurde weicher.
In Śrīraṅgam, umgeben von Gärten, umwimmelt von Bienen,
Śrī Raṅganatha, Periya Perumāl, unser geliebter Herr, weilt dort,
ihn genossen meine Augen, und wie sie ihn genossen!

Vom Kāveri Fluss, wehen feine, süße Tropfen zu ihm,
er (Śrī Raṅganatha) ruht allein, und herrscht,
er ist Kṛṣna mit roten Augen wie Lotus.
Mein Herr, Kṛṣna, mit Lippen rot wie reife Früchte,
Aus den Augen die ihn sahen,
fließen viele kühle Tränen der Freude.
Ein Sünder wie ich, was soll ich tun?

Kṛṣna, gefunden auf https://srimadkrsna.tumblr.com

Für alle die, die in dieser Welt weilen,
der Herr von allem, mit der Farbe des Ozeans,
mein Herr, der seinen Kopf nach Westen streckt,
und seine Füße nach Osten,
den Menschen im Norden zeigt er seinen wunderbaren Rücken,
und schaut in den Süden nach Lankā (Sri Lanka),
so liegt er auf dem Schlangenbett (die Weltenschlange Ādiśeṣa ist sein Bett).
Nachdem ich ihn so ruhen sah,
schmolz mein Körper.
Oh, was sollte ich tun?

Umflossen vom Kāveri liegt Śrīraṅgam,
auf dem Schlangenbett schläft er, mein Herr, wundersam.
Auf seiner Brust weilt Mutter Lakṣmī,
sein Körper hat die Farbe von Smaragd,
seine Schultern, seine roten Lippen, sein Mund wie Koralle,
so herrscht er, seit langer Zeit.
Die, die seine Herrlichkeit erfahren, können sie (in Samsāra wieder) verlorengehen?

Der Tempelgarten von Śrīraṅgam, Quelle: C.P.R. Environmental Research Centre

Verse 21-30

Wir sind bescheiden und halten unseren Geist klar,
in den Dingen von dem, dessen Mund wie Korallen scheint.
Großartig und mit starkem Willen, doch unfähig zu leben,
denn seit Aeonen bin ich getrennt von Bhagavān.
Oh Herz, von perfekter Schönheit, schimmernd wie rotes Gold, schimmernd wie Meru (ein mystischer Berg, der die Mitte des Universums markiert).
Im Tempel liegt der Herr, scheinend wie ein blauer Diamand,
die Schönheit wie er dort liegt und ruht,
kann der Geist es fassen? Sag es mir!

Oh stumpfer Geist, jenes, was über Bhagavān gesagt werden soll – spreche nur das.
Nichts über seine Größe können wir selbst sagen, denn nur die Makellosen können ihn sehen wie er ist.
Stets weilt er im Geist der Makellosen, wir können nur über das sprechen, was wir erfahren haben.
Können wir Hymnen über ihn dichten? Sag es mir!

Unstet, so bin ich, so wenig edel, als wäre der Ganges in der Mitte des Kāveri (der Kāveri wird auch Ganges des Südens genannt. Er wird in unserer Tradition als weitaus heiliger als der Ganges gesehen, seit dem er den Śrīraṅgam Tempel, der auf einer Flussinsel liegt, umfließt. Raṅganatha soll etwa zur Zeit Rāmas auf diese Insel gekommen sein, der erste Tempel wurde kurz darauf errichtet.)
Schäumend fließt er, mir großer Kraft zu all den Orten, (heute ist der Kāveri durch die Übernutzung seines Wassers bei der Kaffeeproduktion nur ein Schatten seiner selbst)
süße Haine umgeben ihn, zu ihm,
dem Herrn, dem Gebieter aller.
Er ruht in unvergleichlicher Pose,
nach dem ich dies sah, kann ich es vergessen, kann ich weiter leben?
Ich stehe, gebannt, unfähig zu handeln.

Die Fluten des Kāveri reißen, fließen zu allen Seiten und die Gärten,
im Tempel liegt er, der stiehlt (die Herzen seiner Anhänger),
er ruht, göttlich, mit einem Gesicht wie Lotus.
Oh Herz, selbst nachdem Du ihn verehrt hast,
bleibst Du hart. Merkst Du nicht, dass er ohne Gleichen ist?
Du gibst nur vor ihn zu lieben! Du verschwendest Deine Zeit in gespielter Geschäftigkeit!

Oh Raṅganatha,
ich ging fehl in den Pflichten des Brāmānen,
ich nahm nicht einmal das Bad,
das Vorrausetzung ist um das Karma der drei Arten des Feuers zu tun
und so Vergebung zu erreichen (damit ist vermutlich Sandhyāvandhanam, das Ritual der drei Übergänge der Sonne (Aufgang, Höchststand, Untergang) gemeint, was von allen Brāmānen und anderen, die „Dvijas“, also in die Veden Eingeweihten, täglich ausgeführt werden muss).
Ich ging fehl und habe es nicht, (es, die unmittelbare Erkenntnis des Āthmās, die Jñāna Yoga ermöglich, durch die Verpflichtungen zu Karmas, rituellen Handlungen, transzendiert werden können) ich fühle keine Liebe zu Dir (was Bhakti Yoga ermöglichen würde, durch das Jñāna Yoga transzendiert wird).
Oh, wie glücklich ist es! Ich rufe den, der Fülle ist,
der die Form des Ozeans hat, in meiner Sache.
Du musst mich segnen, gib mir alles (Karma, Jñāna und Bhakti), bereinige meine Vergehen gegen die Pflichten!

Wenn ich mit Blumen zu Deinen Füßen stehe,
keine Kraft, voller Fehler, das bin ich,
ich finde keine Worte, Dich zu preisen,
unfähig Gelerntes zu rezitieren.
Mein Herz findet keine Liebe zur Dir,
doch so kann Raṅganatha durch mich keine Freunde erfahren.
Oh, für was wurde ich geboren?!

Die Affenkrieger schoben Berge ins Wasser,
sie gingen ins Wasser und verschoben Sand,
sie rannten in den schäumenden Ozean,
sie blockierten ihn, ohne Fehl und Täuschung.
Oh, ich bin nicht wie sie, wie die Eichhörnchen,
mein Geist ist hart wie die Bäume und verstrickt in Täuschung,
ich, der hohes Ansehen hat und und von Herzen dienen sollte,
doch ich diene nicht,
dort stehe ich, vergesse.

Die himmlischen Wesen, sie kennen ihn nicht,
den strahlenden Herrn von Vaikuṇtha,
für Gajendra, dessen rotes Fleisch das Krokodil fressen wollte, kam er und zürnte dem Krokodil.
Doch wird er uns Hunde schützen,
wird er unsere Vergehen ignorieren?
Für was wurde ich geboren, wenn nicht als sein Diener?

Ich wurde nicht an einem Divya Deśam (heiliger Ort) geboren,
besitze dort kein Land, keine Verwandten, niemand.
Niemanden habe ich auf dieser Erde.
Und Deine heiligen Füße, ich umarmte sie nicht.
Herr von Allem, mit der Farbe dunkler Wolken,
mein Kṛṣṇa, ich rufe zu Dir, mein Herr,
der, der in Śrīraṅgam weilt, wer sonst kann mich schützen?

Es ist keine Reinheit in meinem Geist,
in meinen Worten keine Freundlichkeit,
in Zorn, feindlich blickend, ich spreche Worte von Feuer,
Er ruht in Śrīraṅgam, seine Girlande aus Tulsi, Blätter prall, als würden die Pflanzen (noch) im Boden stehen.
Für mich (der so voller Fehler ist), nach meiner Kapitulation vor Dir,
Zuflucht musst Du geben mein Herr, dessen Diener ich wurde.

Brahmanenschüler bei den täglichen Ritualen – vom Āḻvār unterlassen.

Verse 31-40

Die, die Bußen praktizieren, ich bin keiner von ihnen.
Die, die wohltätig sind, ich bin keiner von ihnen.
So wie salziges Wasser bin ich, meinen Verwandten ohne Nutzen.
Selbst die Frauen mit roten Lippen, ich zerbrach die Verbindung, ich war wie ein Dieb.
Der, der in Śrīraṅgam lebt, er verschwendete eine Geburt mit mit mir.

Es summt in den Hainen,
Insekten schwirren und zieren,
im Tempel, mit einem Körper wie dunkle Wolken, Kṛṣṇa!
Keinen Pfad kannte ich, der zu Dir führt,
unter den Menschen wie ein Narr, so stand ich.
Ein Narr, ein Narr bin ich.

Alles Wahre gab ich auf, gefangen im Netz von Frauen mit wallendem Haar.
Viele Lügen hielten mich am Rand, keinen Ort hatte ich, an den ich gehen konnte. So kam ich, so stand ich.
Oh Herr, der in Śrīraṅgam weilt, durch den Wunsch, der durch Deine Gnade kam,
Als Lügner kam ich, stehe ich, als Lügner, als Lügner.

In meinem Herzen weilt er, der Allwissende.
Kein Wissen hatte ich über dies,
ich, der Dieb, diente, nahm dienene Haltung von anderen an,
nahm die Gedanken derer, die wussten,
ich schäme mich, ich gehe von Dir und lache, dass mir die Rippen brechen.

Oh Herr, an dem Tag, als Du die Welten überschritten hast (als Trivikrama),
ich werde niemand anderen als Dich verehren,
der mit roten Augen, seinen Anhängern geneigt,
mein Lebenshauch, mein Nektar, mein Herr, Seele meines Lebens, wie Nektar.
Meine vielen Vergehen, ich werde an niemand denken als an Dich, oh meine vielen Vergehen!

Er stoppte den Regen einst, mit dem Berg (ein Verweis auf die Begebenheit, wo Kṛṣṇa den Govadhan Hügel hochhielt, um die Menschen vor dem Regen und Sturm zu schützen, den Indra geschickt hat) zum Schutz und ohne Mühe
Der, dessen Stärke unermesslich ist.
Er, der ist wie der wunderschöner Fluss.
Frauen mit Augen wie Rehe, sie fangen im Netz ihrer Augen und Menschen wie ich erbeben daran,
kann Dein Blick mich nicht schützen (so wie er den Berg zum Schutz erhob)?
Du, der Urgrund, der in Śrīraṅgam weilt, nur Dich, ich rufe Dich!

Kṛṣṇa hält den Govadhan Hügel

Der Fluss (Kāveri), er reißt, ist trüb, umspült den Tempel.
Im Tempel scheint er, Periya Perumal (die unbewegliche Haupt-Bildgestalt von Raṅganatha), ist wie Vater und Mutter.
In meinen Dingen, oh er schaut auf mich mit freundlichem Blick,
er tut mir Gefallen, aber er spricht kein Wort der Vergebung zu mir!
Oh, sein Herz ist so hart.

Oh, Dinge der Welt, sie scheinen so groß, überdecken die Natur des Āthmā, doch ich erkenne es.
Erkenne den Dienst an Bhagavān als letztes Ziel,
weiß, dass ich die Sinne kontrollieren muss (und nicht die Sinne mich), löse die Anhaftung.
Mein Haupt wird leicht, ich stehe an Deiner Türschwelle (wie ein Wächter).
Die, die leben und sich selbst vernachlässigen, genießt Du sie nicht, Du, der im Tempel ruht, um den der Kāveri fließt?

Der Dienst für Dich, mit Tulsi gekrönt, auch die, die nicht dienen, sie sollten es;
Die Vaidikas (Menschen, die die vier Veden rezitieren können), sind sie nicht am Dienst an Dir interessiert, gebührt dieser Rang ihnen nicht.
Die, deren Geburt nicht tiefer sein kann, sind sie Deinen Füßen hingegeben, genießt Du sie nicht, dort, im Śrīraṅgam Tempel?

Der, dessen Brust  Śrī Mahālakṣmī und das Mal (Śrīvatsa) schmücken,
Die, die Dich als einziges Mittel im Herzen haben, sie haben unbegrenztes Vertrauen in Dich!
Alle Wesen dieser Welt fürchten gewaltsamen Tod und Leid durch Feuer. Selbst die, die sich (in vergangenen Leben) solche Taten aufgeladen haben, die Wirkungen dieser Taten werden sie nicht mehr treffen (wenn sie vor Dir kapitulieren und Dich als einziges Mittel akzeptieren).

Ein Eindruck des Kāveri Flusses in der Nähe von Śrīraṅgam

Verse 41-45

Der, der in Vaikuntha lebt, den Brahmā (der Demiurge des jeweiligen Universums) und die anderen himmlischen Wesen (Devas, Gandharvas usw) nicht kennen, wenn sie es sagen. (Der letzte Einschub ist rätselhaft. Unsere Āchāryas deuten ihn so, dass diese Wesen sagen, dass „es“, das ist, worum es dem Āḻvār in diesem Abschnitt geht: Die Kapitulation vor- und den alleinigen Schutz durch Bhagavān. Sie, die himmlischen Wesen, sagen also, dass die den Schutz Bhagavāns suchen.)
Er, dessen Krone mit Tulsi geschmückt ist, tropfend von Honig, wenn sie es sagen. (Auch dieser wiederhole Einschub von „என்பராகில்“, verstanden als „wenn sie es sagen“, ist rätselhaft. Unsere Āchāryas kommentiere hier, dass der Āḻvār hiermit sagt, dass die vorherige Beschreibung von Bhagavān nicht von ihm, sondern von den himmlischen Wesen stammt, deren Ersuchen nach Schutz erhört wurde).
Selbst wenn sie niederste Dinge tun (unsere Āchāryas merken in den Kommentaren hier insbesondere das Töten von Wesen an, um sie zu essen),
für sich selbst oder für andere, die Reste von Bhagavāt Prasadam (Essen, dass Bhagavān geweiht wurde) werden sie reinigen.

Sie (Brahmanen) kommen aus einer der von Brahmā, fehlerlos von Anfang, die, die die vier Veden kennen.
Doch auch die, die in einem Stand (d.h. Kaste) geboren wurden, unter der es keine mehr gibt (Kastenlose / Dalits, Ausländer wie wir, deren Familien keine Kaste haben),
haben sie die Beziehungen zur Dir realisiert, verherrlicht sie, lehrt sie, verehrt sie wie den Herrn, der in Śrīraṅgam weilt, dort, hinter hohen Mauern.

Die sechs Teile der Veden, einzigartig (Jede der vier Veden hat neben den Kernteil aus Hymnen und Philosophie Vedāṅgas, Hilfstexte zu prakischen Themen in sechs Kategorien: Aussprache, Verslehre, Grammatik & Wortbedeutungen, Anweisungen für die Durchführung von Ritualen sowie der Wahl von Zeitpunken.),
die vier Veden, einzigartig, in ihren Herzen verankert durch Übung und Rezitation.
Sie führen Deine Anhänger an, große Brahmanen sind sie,
doch wenn sie auf Deine Anhänger (die mit niederer Geburt) herabschauen,
im selben Moment sind sie selbst auf die Stufe der untersten Kaste gefallen.
Oh, (durch den), der in Śrīraṅgam weilt.

Śiva, mit langem verfilztem Haar, und Brahmā,
sie taten Bußübungen für unvorstellbare Zeit, um Dich zu sehen,
sie ließen ihre Köpfe hängen, als Du für Gajendra aus Gnade ans Ufer des Teiches kamst – selbst die Nityasuris waren darüber erstaunt! Du ist blind (siehst meine Vergehen nicht, bist trotzdem gnädig) – wie kann man denken, dass Du die Zuflucht aller bist? (Nur für die, die nicht versuchen, ihn durch eigene Anstrengung erreichen.)

In der großen Stadt Mathura (Stadt im Norden Indiens, zu der Vrindavan, der Kindheitort Kṛṣṇas gehört) mit ihren wunderschönen, silbrig-weiß dekorierten Häusern,
der große Elefant, im Wahn durch Kavaḷam (ein bestimmtes Futter), Kṛṣṇa tötete ihn (im Gegensatz zu Ganjendra im vorigen Vers, die Geschichte dazu wird u.a. im Kṛṣṇa Buch der „Hare Krishnas“ erzählt),
Raṅganatha, stets in Liebe zu seinen Anhängern, er schützt mich,
Thondaradhipodi, vertieft in den Dienst an den Anhängern von Bhagavān,
diese Verse, selbst wenn sie fehlerhaft in Wörtern und Versenkunst sind,
sie sind für meinen Herren, sind sie nicht voller Süße?

Śrī Raṅganatha, Quelle: Wikipedia

Adiyēn Mādhava Rāmānuja Dāsan
Übersetzung Englisch – Deutsch
Adiyēn Krishna Rāmānuja Dāsan
Übersetzung des tamilischen Kommentars von Periyavāccan Piḷḷai ins Englische.

Chatuḥślōkī – four verses to the goddess

Śrīḥ
Śrīmathē śatakōpāya namaḥ
Śrīmathē rāmānujāya namaḥ
Śrīmath varavaramunayē namaḥ
Śrī vānāchala mahāmunayē namaḥ

Introduction

The name of our tradition (Śrī Vaiṣṇavam) already indicates that we worhship divine mother Lakṣmī, whose short name is Śrī. Other Vaiṣṇava lineages also worship a motherly mediator between Bhagavan and Āthmās (for example, Rādha in the Hare Krishna lineage), but it seems fair to say that the theology of the goddess is most highly refined in our lineage.

This fact has not escaped the attention of academic researchers. We find in Oberhammer [1] an examination of the oldest surviving fragments of teachings about Lakṣmī in our tradition. In this examination, Yāmunāchārya’s Chatuḥślōkī is highlighted as the oldest complete text on the worship of Lakṣmī in our lineage. Oberhammer notes his surprise that it already conveys a full theology of the goddess. In Dhavamoney [2] we find a theological analysis of Chatuḥślōkī. And there is of course also some commentary work on this work within our own tradition, for example by Periyavāccan Piḷḷai.

In the line of our teachers, Yāmunāchārya (Tamil name Āḷvandhār) is the 4th Āchārya after the start of the “new” teaching tradition with Nāthamuni. Nāthamuni probably lived around the middle of the 9th century C.E.. Yāmunāchārya (early 10th century) saw Rāmānuja from a distance, but died on the very day Rāmānuja came to him to become his disciple.

Yāmunāchārya left us other important Stotrams (hymns) beside Chatuḥślōkī and some smaller scientific works. Rāmānuja’s work focuses on scientific texts, i.e. texts on Vedanta topics in the classical form of Indian spiritual science treatises: thesis – criticism of thesis – answer to criticism – conclusion. It is said that Rāmānuja thus followed the wish of Yāmunāchārya, who wanted to write such works but could not do so because of his poor health and advanced age. Academic researchers pointed out an extremely close link between the thinking of these two great Āchāryas. They find that Rāmānuja precisely continued the lines set out by Yāmunāchārya – almost like one Āchārya in two bodies!

So let us immerse ourselves in a text that is about 1000 years old. A text which makes the glory of our divine mother Śrī shine so wonderfully that no comparable text has been written in this long time. We give a synthesis of the translation on our mother site koyil.org [3] with the academic translations from [1], p.120 and [2]. We attempt to make the translation as literal as possible while preserving much of the beauty of the koyil.org translation.

Honoratory verse (Thaniyan)

Written by Rāmānuja, this verse leads many works of Rāmānuja.

yat padāmbhōruhadhyāna vidhvasthāśēṣa kalmaṣaḥ
vastutāmupayā thō’haṃ yāmunēyaṃ namāmi tam

I worship Yāmunāchārya, through whose mercy all my defects have been removed and I awoke from false identification. I recognized my true nature as Sat, as eternal Āthmā, by meditating on the lotus feet of Yāmunāchārya.

Verse 1

kāntaste puruṣottamaḥ paṇipatiḥ śayyāsanṃ vāhanaṃ
vedhāthmā vihageśvaro yavnikā māyā jaganmohinī |
brahmeśādisuravrajaḥ sadyitas tvaddāsadāsīgaṇaḥ
śrīrityeva ca nāma te bhagavati brūmaḥ kathaṃ tvām vayam ||

Your consort is puruṣottamaḥ, the supreme being, (and, as for him) your bed and seat is the lord of serpents (Adiśeṣa),
Your vehicle is the Lord of the birds, the guardian of the Vedas (Garuḍa), your veil is Māyā, which blinds the world.
Brahmā, Īśa (Śiva) and their companions are your servants like the other gods,
Śrī is your name, oh sublime one, but how can words praise your splendour?

The divine mother Śrī thus shares the decisive insignia of the supreme being, which we commonly call Nārāyaṇa (Nāra* = human being, *ayaṇa = refuge).

Verse 2

yasyāste mahimānamātman iva tvadvallabho’pi prabhuḥ
nālam mātumiyattayā niravadhiṃ nityānukūlam svathaḥ |
tām tvām dāsa iti prapanna iti cha stoṣyāmyahaṃ nirbhayaḥ
lokaikeśvari lokanāthadayithe dānte dayām te vidan ||

Your greatness exceeds even that which can be measured by your beloved (Nārāyaṇa), just like his own greatness.
You are always most compassionate towards us and so I praise you without fear!
I am your servant, you are my refuge; I know that your love is only for the One (Nārāyaṇa), mother of the world, beloved of the ruler of the world, so I speak, for I know your grace.

While the universal ruler Nārāyana mostly takes on the role of the father, who rewards and judges according to merits and misdemeanors, the divine mother Śrī takes on the role of the mother, who sees only the good in beings and pleads for forbearance. So while we should treat Nārāyana with utter respect and be fearful to be punished for our shortcomings, fear is inappropriate towards mother Śrī.

Verse 3

īṣat tvatkaruṇānirīkṣaṇsudhā sandhukṣaṇādrakṣayate
naṣtaṃ prāk tadhalābhatastribhuvanaṃ saṃpratyanantodayam |
śryo na hyaravinda locanamanaḥ kāntāprasādādṛte
saṃsṛtyakṣaravaiṣṇavādhvasu nṛṇāṃ saṃbhāvyate karhichit ||

Through a trace of the nectar of your compassionate gaze, the three worlds are preserved.
Without it, they were in destruction, through your gaze they now blossom again and without limits.
Without your grace, so dear to the lotus-eyed (Nārāyaṇa), no happiness can be found, neither in the material enjoyment of Saṃsāra, nor in the meditation on the unmanifest (the experience of the blissful aspects of Āthmā, as practiced in many Yoga paths and Buddhism) nor in the path of Vaiṣṇavas (the aspiration of eternal service to Śrīman Nārāyaṇa).

Verse 4

śāntānantamahavibhūthi paramaṃ yadhbrahma rūpam hareḥ
mūrtam brahma thathopi tatpriyataraṃ rūpam yadatydbhutam |
yānyanyāni yathāsukaṃ viharato rūpāṇi sarvāṇi tāni
āhuḥ svairanurūparūpavibhavair gāḍopagūḍhani te ||

The form of Hari (Nārāyaṇa) is the highest Brahman, infinite, peaceful and immensely unfolded, also the embodied Brahman, his lovable, wonderful figure (i.e. the avatars he takes for his divine activities) and all the other forms of himself that He takes at will, all of these are deeply interwoven with your own glory.

Conclusion

ākāratrayasampannām aravindanivāsinīm |
aśeṣajagadīśitrīm vande varadavallabhām ||

I adore her, the beloved of Varadha Perumal, adorned by loving service and complete dependence on him. Only he enjoys her qualities, he in whom all things rest and from whom everything develops.

Literature

[1] Gerhard Oberhammer: Materialien zur Geschichte der Rāmānuja Schule VI; die Lehre von der Göttin vor Veṇkaṭanātha. Österreichische Akademie der Wissenschaften, Wien, 2002.

[2] Mariasusai Dhavamoney: Yāmuna’s Catusślokī: an analysis and interpretation. Indologica Taurinensia VOLUME III-IV (1975-1976), Proceedings of the „Second World Sanskrit Conference“ (Torino, 9-15 June 1975)

[3] koyil.org Sri Vaishnava portal: chathu: SlOkI, based on the Tamil translation of the orgiginal text by U. VE. Pārthasārathy Aiyengār Swamy. http://divyaprabandham.koyil.org/index.php/2015/12/chathu-sloki/

Adiyen Mādhava Rāmānuja Dāsan
Edition of the koyil.org translation for a non-indian audience, integration of academic translations
Adiyen Sarathy Rāmānuja Dāsan
Adiyen Vangīpuram Satakōpa Rāmānuja Dāsan
Translation of the tamil translation into English

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Lakṣhmī, painted by Birgit Shakunthala Schnebel




Chatuḥślōkī – vier Strophen an die Göttin

Śrīḥ
Śrīmathē śatakōpāya namaḥ
Śrīmathē rāmānujāya namaḥ
Śrīmath varavaramunayē namaḥ
Śrī vānāchala mahāmunayē namaḥ

Einführung

Der Name unserer Tradition (Śrī Vaiṣṇavam) deutet bereits darauf hin, dass wir die göttliche Mutter Lakṣmī, deren Kurzname Śrī ist, sehr verehren. Auch die anderen Linien der Vaiṣṇavas verehren eine mütterliche Mittlerin zwischen Gott und den Āthmās (in der Hare Krishna Linie z.B. Rādha), doch man kann wohl sagen, dass die Theologie der Göttin in unserer Line an Detaillierung und Ausarbeitung kaum zu übertreffen ist.

Dies ist der akademischen Indologie nicht entgangen und so finden wir bei Oberhammer [1] eine Untersuchung der ältesten erhaltenen Textfragmente zur Lehre von Lakṣmī in unserer Tradition. In dieser Untersuchung wird die Chatuḥślōkī von Yāmunāchārya als ältester vollständig erhaltener Text zur Verehrung von Lakṣmī genannt und bemerkt, dass dieser bereits eine voll ausgearbeitete Theologie der Göttin vermittelt. Bei Dhavamoney [2] finden wir eine akademische Analyse des Inhalts der Chatuḥślōkī. Darüber hinaus gibt es natürlich eine Kommentierung und Interpretation innerhalb unserer Tradition, z.B. von Periyavāccan Piḷḷai.

In der Linie unserer Lehrer ist Yāmunāchārya (tamilischer Name Āḷvandhār) der 4. Āchārya nach dem Beginn der „neueren“ Lehrtradition mit Nāthamuni. Letzterer lebte wohl um das 9. Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Yāmunāchārya (Anfang 10. Jahrhundert) hat Rāmānuja aus der Ferne gesehen, aber er starb just an dem Tag, als Rāmānuja zu ihm kam, um sein Schüler zu werden.

Während Yāmunāchārya uns wichtige Stotren, also Hymnen, und einige kleinere wissenschaftliche Arbeiten hinterlassen hat, liegt der Schwerpunkt von Rāmānujas Arbeit bei wissenschaftlichen Texten – also Texte zu Fragen des Vedanta in der klassischen wissenschaftlichen Form der indischen Geistestradition: These – Kritiken an These – Antwort auf Kritiken – Schlussfolgerung. Es wird erzählt, dass Rāmānuja damit dem Wunsch von Yāmunāchārya folgte, der mehr solcher Werke schreiben wollte, es aber wegen seiner schwachen Gesundheit und seinem fortgeschrittenen Alter nicht mehr konnte. Indologen wie Oberhammer finden, dass Rāmānuja die von Yāmuna angesetzten Denklinien mit hoher Genauigkeit fortführt, fast so wie ein Āchārya in zwei Körpern.

Tauchen wir also ein in einen ca 1000 Jahre alten Text, der den Ruhm der göttlichen Mutter so wunderbar zum Glänzen bringt, dass in dieser langen Zeit kein vergleichbarer Text mehr geschrieben wurde. Wir präsentieren hier eine Synthese der koyil.org Übersetzung [3] mit der akademischen Übersetzung aus [1], S.120 sowie [2].

Würdigungsvers (Thaniyan)

Gedichtet von Rāmānuja, dieser Vers führt die meisten Werke von Rāmānuja an.

yat padāmbhōruhadhyāna vidhvasthāśēṣa kalmaṣaḥ
vastutāmupayā thō’haṃ yāmunēyaṃ namāmi tam

Ich verehre Yāmunāchārya, durch dessen Lotusfüße all meine Defekte entfernt wurden und ich meine wahre Natur als Sat, als ewiges Āthmā, erkannte.

Vers 1

kāntaste puruṣottamaḥ paṇipatiḥ śayyāsanṃ vāhanaṃ
vedhāthmā vihageśvaro yavnikā māyā jaganmohinī |
brahmeśādisuravrajaḥ sadyitas tvaddāsadāsīgaṇaḥ
śrīrityeva ca nāma te bhagavati brūmaḥ kathaṃ tvām vayam ||

Dein Geliebter ist Puruṣottamaḥ, das höchste Wesen (und wie er ist) Dein Ruhebett der Herr der Schlagen (Adiśeṣa),
Dein Gefährt ist der Herr der Vögel, der Hüter der Veden (Garuḍa), Dein Schleier ist Māyā, die die Welt verblendet.
Brahmā, Īśa (Śiva) und ihre Gefährtinnen sind wie die anderen Götter Deine Diener,
Śrī ist Dein Name, oh Erhabene, aber wie können Wörter Deine Erhabenheit preisen?

Die göttliche Mutter teilt somit die entscheidenen Insignien des Höchsten Wesens, das wir gemeinhin Nārāyaṇa (Nāra* = Mensch, *ayaṇa = Zuflucht) nennen.

Vers 2

yasyāste mahimānamātman iva tvadvallabho’pi prabhuḥ
nālam mātumiyattayā niravadhiṃ nityānukūlam svathaḥ |
tām tvām dāsa iti prapanna iti cha stoṣyāmyahaṃ nirbhayaḥ
lokaikeśvari lokanāthadayithe dānte dayām te vidan ||

Deine Größe übersteigt selbst das, was von Deinem Geliebten (Nārāyaṇa) ermessen werden kann, ganz so wie seine eigene Größe.
Stets bist Du uns wohlgesonnen und so preise ich Dich ohne Furcht!
Dein Diener bin ich, meine Zuflucht bist Du; Ich weiß, Deine Liebe gilt nur dem Einen (Nārāyaṇa),
Mutter der Welt, Geliebte des Weltenherrschers, so spreche ich, denn ich kenne Deinen Güte.

Während der Weltenherrscher Nārāyana zumeist die Rolle des gestrengen Vaters übernimmt, der nach Verdiensten und Vergehen belohnt und richtet, übernimmt die Weltenmutter Śrī zumeist die Rolle der gütigen Mutter, die in den Wesen immer nur das Gute sieht und für Milde plädiert. Während wir also Nārāyana durchaus mit Respekt und Furcht begegnen sollten, ist Furcht bei der göttlichen Mutter unangebracht.

Vers 3

īṣat tvatkaruṇānirīkṣaṇsudhā sandhukṣaṇādrakṣayate
naṣtaṃ prāk tadhalābhatastribhuvanaṃ saṃpratyanantodayam |
śryo na hyaravinda locanamanaḥ kāntāprasādādṛte
saṃsṛtyakṣaravaiṣṇavādhvasu nṛṇāṃ saṃbhāvyate karhichit ||

Durch eine Spur des Nektars Deines mitleidvollen Blickes werden die drei Welten bewahrt.
Ohne ihn waren sie in vernichtet, durch Deinen Blick erblühen sie nun erneut und ohne Grenzen.
Ohne Deine Gnade, die dem Lotusäugigen (Nārāyaṇa) so lieb ist, ist kein Glück zu finden, weder in den materiellen Freunden von Saṃsāra, noch die Meditation auf das Unmanifeste (die Erfahrung der glückseligen Aspekte des Āthmās, wie z.B. im Buddhismus und in vielen Yoga-Wegen praktiziert) noch im Weg der Vaiṣṇavas (das Erstreben des ewigen Dienstes an Śrīman Nārāyaṇa).

Vers 4

śāntānantamahavibhūthi paramaṃ yadhbrahma rūpam hareḥ
mūrtam brahma thathopi tatpriyataraṃ rūpam yadatydbhutam |
yānyanyāni yathāsukaṃ viharato rūpāṇi sarvāṇi tāni
āhuḥ svairanurūparūpavibhavair gāḍopagūḍhani te ||

Die Form von Hari (Nārāyaṇa) ist das höchst Brahman, unendlich, friedvoll und weit entfaltet,
auch das verkörperte Brahman, seine liebenswerte, wunderbare Gestalt (also die Avatare, die er für seine göttlichen Aktivitäten annimmt)
und all die anderen Formen seiner selbst, die er nach Belieben annimmt,
all diese sind zutiefst verwoben mit Deinen eigenen Entfaltungen.

Konklusion

ākāratrayasampannām aravindanivāsinīm |
aśeṣajagadīśitrīm vande varadavallabhām ||

Ich verehre sie, die Geliebte von Varadha Perumal, geschmückt durch liebenden Dienst und vollkommene Abhängigkeit von ihm. Nur er genießt ihre Qualitäten, er, aus dem alle Dinge ruhen und sich entwickeln.

Literatur

[1] Gerhard Oberhammer: Materialien zur Geschichte der Rāmānuja Schule VI; die Lehre von der Göttin vor Veṇkaṭanātha. Österreichische Akademie der Wissenschaften, Wien, 2002.

[2] Mariasusai Dhavamoney: Yāmuna’s Catusślokī: an analysis and interpretation. Indologica Taurinensia VOLUME III-IV (1975-1976), Proceedings of the „Second World Sanskrit Conference“ (Torino, 9-15 June 1975)

[3] koyil.org Sri Vaishnava portal: chathu: SlOkI, basierend auf der tamilischen Übersetzung des Originaltextes von U. VE. Pārthasārathy Aiyengār Swamy. http://divyaprabandham.koyil.org/index.php/2015/12/chathu-sloki/

Adiyen Mādhava Rāmānuja Dāsan
Übersetzung Englisch – Deutsch unter Berücksichtigung weiterer Übersetzungen, Edition für westliches Publikum
Adiyen Sarathy Rāmānuja Dāsan
Adiyen Vangīpuram Satakōpa Rāmānuja Dāsan
Übersetzung der tamilischen Übersetzung ins Englische

Lakṣhmī, gemalt von Birgit Shakunthala Schnebel

Gītārtha Saṅgrahaḥ – Zusammenfassung der Bhagavad Gītā

Śrīḥ
Śrīmathē śatakōpāya namaḥ
Śrīmathē rāmānujāya namaḥ
Śrīmath varavaramunayē namaḥ
Śrī vānāchala mahāmunayē namaḥ

Die Bhagavad Gītā ist ohne Zweifel einer der wichtigsten Texte im Hinduismus. Aus folgendem Grund:

Hindus betrachten die Lehren der Bhagavad-Gita traditionell als Quintessenz der Veden. Beim Studium ergeben sich oft scheinbare Widersprüche: Während einige Stellen anscheinend einen Dualismus lehren – die Zweiheit von Natur und Geist, von Gott und Mensch –, lehren andere die Einheit. Durch diese unterschiedlichen Auslegungsmöglichkeiten ist das Gedicht Mittelpunkt für die verschiedensten Glaubensrichtungen.

Wikipeda Artikel zur Bhagavad Gītā Stand Dezember 2019

Die Bhagavad Gītā, oft kurz Gītā genannt, hat die Form eines Gesprächs zwischen Gott, verkörpert als Kṛṣṇa, und seinem Freund Arjuna. Dieses Gespräch ist in Versform und kann gesungen werden. Gītā bedeutet auch Gesang, Bhagavān ist ein Name Gottes – Bhagavad Gītā heißt also Gesang Gottes.

Hier kann man sich eine Rezitation des 12. Kapitels der Bhagavad Gītā anhören:

Das Gespräch zwischen Kṛṣṇa und Arjuna findet kurz vor dem Beginn einer gewaltigen Schlacht statt, an deren Kommen Arjuna verzweifelt. Er hat einen Zusammenbruch und bittet seinen Freund Kṛṣṇa um Rat und Hilfe. Kṛṣṇa erläutert ihm seine wahre Natur und verschiedene Systeme (Yogas), um seine Agonie zu durchbrechen, seine wahre Natur zu realisieren und zu einem höheren Bewusstseinzustand zu kommen. Am Ende kämpft Arjuna und ist letzlich auch siegreich.

Auch wenn die Bhagavad Gītā mit ca 700 Versen für indische Verhältnisse relativ kurz ist, kann man doch angesichts der viele besprochenen Themen leicht die Übersicht verlieren. Yāmunāchārya, einer der wichtigsten frühen Āchāryas (Lehrer) unserer Linie, hat vielleicht aus diesem Grund einen Text namens Gītārtha Saṅgrahaḥ, (Zusammenfassung des Sinns der Gītā) verfasst. In unserem Artikel zur ebenfalls von Yāmunāchārya verfassten Chatuḥ Ślōkī finden sich noch einige weitere Information zu ihm. Wer gut Englisch kann, kann auch die Info-Seite zu Yāmunāchārya bei koyil.org besuchen.


Diese Übersetzung basiert auf einer Erläuterung der Wörter durch Puthūr Krishṇamāchārya (tamilisch), deren englische Übersetzung bei koyil.org verfügbar ist.


Würdigungsvers (Thaniyan)

Gedichtet von Rāmānuja, dieser Vers führt die meisten Werke von Rāmānuja an.

yat padāmbhōruhadhyāna vidhvasthāśēṣa kalmaṣaḥ
vastutāmupayā thō’haṃ yāmunēyaṃ namāmi tam

Ich verehre Yāmunāchārya, durch dessen Lotusfüße all meine Defekte entfernt wurden und ich meine wahre Natur als Sat, als ewiges Āthmā, erkannte.

Vers 1 – Zweck des Textes

svadharma jñāna vairāgya sādhya bhakthyeka gocharaḥ |
nārāyaṇa paraṃ brahma gītā śāstre samīritaḥ ||

Er, der nur durch die Pfade des Wissen (Jñāna Yoga), Losgelöstheit von weltlichen Dingen (Vairāgya, Karma Yoga), die zu Bhakti führen und uns (bei der Ausprägung unserer wahren Natur) nutzen und helfen, erkannt wird,
Nārāyaṇa, das höchste Brahma, lehrte dies (die Pfade) in einer Schrift, die Gītā genannt wird.

Verse 2 – 4, die drei Abschnitte der Gītā

Vers 2

jñānakarmāthmike niṣṭe yogalakṣye susaṃskrte |
āthmānubhūti siddhyarthe pūrva ṣaṭkena chodite ||

Jñāna Yoga (der Weg des Wissens) und Karma Yoga (der Weg der losgelösten Handlung gemäß den Vorgaben der Schriften) führen wohldekoriert (mit dem richtigen Selbstverständnis des Praktizierenden) zu Yoga (im spirituellen Sinn der Vereinigung mit höheren Ebenen des Seins),
und zur glückseligen Erfahrung des Āthmās (des Selbst). Dies wird in der ersten Hexade (sechs Kapiteln) vorgestellt.

Vers 3

madyame bhagavattattva yāthāthmyāvāpti siddaye |
jñānakarmābhi nirvartyo bhaktiyogaḥ prakīrtitaḥ ||

In der Mitte (der mittleren Hexade) wird Bhakti Yoga (der Pfad der Hingabe), das sich aus Karma Yoga und Jñāna Yoga entwickelt und das die Erfahrung des Höchsten ermöglicht, erklärt.

Vers 4

pradhāna puruṣa vyakta sarveśvara vivechanam |
karma dhīr bhaktirityādiḥ pūrvaśeṣo’ntimoditaḥ  ||

Erklärungen zum bewussten Einheiten (Āthmās), archetypischer Materie (mūla prakṛti, hier umschreiben als „das Manifeste“, vyakta) und sarveśvara, dem höchsten Herrn,
Karma Yoga, Weisheit (Jñāna Yoga), Bhakti Yoga und Prozesse / Details, die in den vorigen Kapiteln nicht erklärt wurden, befinden sich in der letzten Hexade.

Kṛṣṇa spricht die Bhagavad Gītā. Indien, Wasserfarben mit Gold, frühes 19. Jahrhundert, Quelle Wikipedia

Verse 5 – 22, der Inhalt der 18 Kapitel

Vers 5 – Kapitel 1 und Anfang Kapitel 2

asthāna sneha kāruṇya dharmādharmadhiyākulam |
pārthaṃ prapannamuddiśya śāstrāvataraṇaṃ kṛtam ||

Er (Arjuna) war durch Anhaftung, durch Mitleid mit schlechten Verwandten und durch gestörte Intelligenz, durch die er einen dharmischen Krieg nicht von einen a-dharmischen unterscheiden konnte, zerrissen, aber er ergab sich (Kṛṣṇa).
Hierdurch wurde die Schrift (Śastra) begonnen.

Vers 6 – Kapitel 2, 2. Teil

nithyāthmasaṅgakarmehāgocharā sāṅkyayogadhīḥ |
dvitīye sthithadhīlakṣā prktā tan mohaśāntaye ||

Das ewige Āthmā, (angemessene) Handlungen ohne Anhaftungen, als Ziel stetiges Urteilsvermögen und Weisheit, Sānkhya-Yoga, (das Yoga des Unterscheidungsvermögens – bestehend aus dem Wissen über das Selbst und über Karma Yoga) um die Verwirrung (von Arjuna) zu beenden, dies wird im zweiten Teil des zweiten Kapitels unterrichtet.

Vers 7 – Kapitel 3

asaktyā lokarakṣāyai guṇeṣvāropya kartṛtām |
sarveśvare vānyasyoktā tṛtīye karmakāryatā ||

Ohne ein Ziel (außer der Befreiung aus Tod und Wiedergeburt, Mokṣa), zum Schutz der Menschen (denen die Qualifikation für die Ausübung von Jñāna Yoga fehlt),
meditierend über die Guṇas, der Position des Selbst-Tätig-Seins,
der Aufgabe des Selbst-Tätig-Seins unter dem höchsten Herrn, so sollte man seine Pflichten erfüllen. (Das Vorgenannte ist Karma Yoga) Dies lehrt das dritte Kapitel.

Vers 8 – Kapitel 4

prasaṅgāt svasvabhāvoktiḥ: karmaṇo’karmatāsya cha  |
bhedā:, jñānasya māhātmyaṃ chaturthādhyāya uchyate  ||

In diesem Kontext werden am Anfang (des Kapitels) seine (Kṛṣṇas) Qualitäten erläutert. Karma Yoga wird als Jñāna Yoga etabliert und die Natur und Unterteilungen (von Karma Yoga) erläutert. Auch der Ruhm wahren Wissens wird im vierten Kapitel erläuert.

Vers 9 – Kapitel 5

karmayogasya saukaryam śaigryam kāśchana tadvidhāḥ |
brahmajñāna prakāraścha pañchamādhyāya uchyate ||

Die Durchführbarkeit von Karma Yoga, Aspekte zur Erreichung des Ziels (der Befreiung aus dem Kreislauf aus Tod und Wiedergeburt), diese Zusätze zu Karma Yoga und den Zustand des Brahma Jñāna (Zustand, in dem alle reinen Āthmās als geich angesehen werden, unabhängig in welchen Körpern sie sich befinden) werden im 5. Kapitel besprochen.

Vers 10 – Kapitel 6

yogābhyāsavidhir yogī chaturdhā yogasādhanam |
yogasiddisvayogasya pāramyaṃ ṣaṣtha uchyate ||

Die Methoden der Yoga Praxis, die vier Arten von Yogis, Yoga Sādhana (die Übungen, die Geisteshaltung usw, die zum Yoga führen), Yoga Siddhi (die Resultate des Yoga) und die Vorzüge von Bhakti Yoga mit Kṛṣṇa als Ziel (svayogasya pāramyaṃ – das eigene / natürliche höchste Yoga, in die Situation in der die Bhagavad Gītā gesprochen wurde und angesichts des letzten Verses des 6. Kapitels, ist das plausiblerweise das Yoga der Hingabe an Kṛṣṇa) wird im 6. Kapitel besprochen.

Kurz nach dem Sprechen der Gītā, die beiden Seiten ziehen in die Schlacht. Links Kṛṣṇa als Wagenlenker, hinter ihm Arjuna. Rechts auf dem Streitwagen der wichtigster Gegenspieler, Karṇa. Indien, Wasserfarben, ca 1800, Quelle Wikipedia.

Vers 11 – Kapitel 7

svayātātmyam prakṛtyāsya thirodhiśśaraṇāgatiḥ |
bhakta bhedaḥ prabuddasya śraiṣtyaṃ saptama uchyate ||

Die Natur des höchsten Person (Bhagavān), verhüllt durch Prakṛti (archetypische Materie, diese verhüllt die Allgegenwart Bhagavāns), Śaraṇāgati (Kapitulation vor Gott, diese durchbricht die Verhüllung Gottes), die unterschiedlichen Arten der Gottessucher und die Größe des Jñānis werden im siebten Kapitel besprochen.

Vers 12 – Kapitel 8

aiśvaryākṣarayāthātmya bhagavaccharaṇārarthinām |
vedyopādeyabhāvānām ashtame bheda uchyate ||

(drei Arten der Gottsucher:) Der, der Reichtum sucht, der, der die Erfahrung des Āthmās sucht und der Jñāni, der die Lotusfüße des Herrn sucht, die Prinzipien, die verstanden und praktiziert werden müssen, diese Dinge werden im 8. Kapitel besprochen.

Vers 13 – Kapitel 9

svamāhātmyam manuṣyatve paratvaṃ cha mahātmānām |
viśeṣo navame yogo bhaktirūpaḥ prakīrtitaḥ ||

Seine eigene Größe, seine Erhabenheit selbst in menschlicher Form, die verschiedenen Arten von Mahāthmās (großen Gottgeweihten) und der Weg des Bhakti Yogas werden im neunten Kapitel erklärt.

Vers 14 – Kapitel 10

svakalyāṇa guṇānantya kṛtsna svādhīnatā matiḥ |
bhaktyutpatti vivruddhyarthā vistīrṇā daśamoditā ||

Die Unbegrenztheit seiner glorreichen Qualitäten und das Wissen über Ihn als Kontrollierender hinter allem, diese, die die Hingabe an ihn schaffen und nähren, werden im 10. Kapitel detailliert erklärt.

Vers 15 – Kapitel 11

ekādaśe sva yāthātmya sākṣātkārāvalokanam |
dattamuktaṃ vidiprāptyoḥ bhaktyekopāyatā tathā ||

Im elften Kapitel wird beschrieben wie (Arjuna) göttliche Augen gegeben werden, um ihn (Kṛṣṇa) zu sehen, wie er ist. Auf diese Art erkannte er ihn, begriff ihn. Es wir auch gesagt, dass Bhakti das einzige (geeignete) Mittel ist (um Kṛṣṇa zu erreichen).

Vers 16 – Kapitel 12

bhakteśśraiṣthyam upāyoktiḥ aśaktasyātmaniṣṭatā |
tatprakārāstvatiprītḥ bhakte dvādaśa uchyate ||

Die Erhabenheit des Bhakti Yoga, die Mittel, Hingabe an Bhagavān zu entwickeln, die Erkenntnis des Selbst (unseres Āthmās und seiner wahren Natur als abhängig von Bhagavān) für die, die nicht zu Bhakti fähig sind und die verschiedenen Qualitäten, die für Karma Yoga usw nötig sind, sowie die große Zuneigung, die Bhagavān zu seinen Geweihten empfindet, werden im 12. Kapitel erklärt.

Ramses II mit weiteren Kriegern auf einem Streitwagen. Vermutlich muss man sich den historischen Streitwagen Kṛṣṇas / Arjunas ähnlich minimalistisch vorstellen. Relief aus Abu Simbel Tempel, Quelle: Wikipedia

Vers 17 – Kapitel 13

dehasvarūpaṃ āthmāptihetuḥ āthmaviśodhanam |
bandhaheturvivekaścha trayodaśa udīryate ||

Die Natur des Körpers, die Mittel zur Vereinigung mit dem Āthmā (Kaivalya, Ziel der Hatha Yoga und Kundalini Yoga Pfande), die Erforschung und Erkenntnis des Āthmās, die Gründe der Gefangenschaft (in der materiellen Welt) und die Methode zur Unterscheidung (zwischen Āthmā / Chit und Achit, unbelebter Materie) werden im dreizehnten Kapitel besprochen.

Vers 18 – Kapitel 14

guṇabandhavidhā teṣām kartṛtvaṃ tannivartanam |
gati thrayasva mūlatvaṃ chathurdaśa udīryate ||

Die drei Guṇas und ihre Verbindungen mit dem materiellen Universum, ihre Wirkung als Grund von Handlungen, wie sie zu überwinden sind und er, die Wurzel der drei Ergebnisse (weltlicher Wohlstand, Verwirklichung des Āthmās und der Dienst an Bhagavān)* werden im vierzehnten Kapitel besprochen.

* Die Übersetzung von gati thrayasva als „drei Ergebnisse“ ist nicht sehr intuitiv. Zum Einen bedeutet gati gemäß Wörterbuch eher Bewegung oder Zuflucht (als Quell und Ende der Bewegung). Zum Anderen finden wir keinerlei Verweise auf diese drei Ergebnisse im 14. Kapitel der Gītā. Das liegt daran, dass Yāmuna hier auf eine vertrauliche Interpretation des gesamten 14. Kapitels (und der vorang gegangenen Kapitel) anspielt.

Wir finden in Vers 14:27 der Bhahgavad Gītā:

brahmaṇo hi pratiṣṭhāham amṛtasyāvyayasya ca |
śāśvatasya ca dharmasya sukhasyaikāntikasya ca
||

Ich bin in der Tat die Basis von Brahman (der All-heit, hier wohl in erster Line die All-heit der Āthmās), des Ewigen, des Unendlichen, des ewigen Dharmas, und der absoluten Wonne.

Rāmānuja kommentiert zu diesem Vers, dass die Essenz der Gītā von Mitte des 12. Kapitels bis zum 14 Kapitel die Überwindung der Eigenschaften der materiellen Natur ist, die in den oben genannten drei Arten von Ergebnissen mündet. Dieser Gedanke von Rāmānuja steht hinter der nicht ganz intutiven Übersetzung bei koyil.org.

Im Kommentar von Puthūr Krishṇamāchārya, der ebenfalls bei koyil.org zur Verfügung steht, werden in der Erläuterung von Rāmānujas Kommentar zu 14:27 die drei klassischen Zufluchten aus dem Kreislauf aus Tod und Wiedergeburt genannt: Karma Yoga, Jñāna Yoga und Bhakti Yoga (vor 1000 Jahren wurde Aṣṭāṅga yoga, also Āsanas usw, noch nicht als separater Pfad, sondern als Fundament der anderen Pfade gesehen). Es scheint also, als ob das intutive Verständnis von gati thrayasva als drei Zufluchen somit ebenfalls sinnvoll ist.

Vers 19 – Kapitel 15

acin miśrāt viśuddhācca cetanāt puruṣottamaḥ |
vyāpanāt bharaṇāt swāmyāt anyaḥ pañcadaśoditaḥ ||

Höher als die (im Kreislauf aus Tod und Wiedergeburt / an materiellen Dingen) verhafteten Āthmās und höher als die reinen (befreiten) Āthmās, sie durchströmend, sie tragend, er ist ihr Herr ist, er ist von ihnen verschieden, Puruṣottamaḥ (das höchste Wesen) – über ihn spricht das 15. Kapitel.

Vers 20 – Kapitel 16

devāsura vibhāgktipūrvikā śāstravaśyatā |
tattvānuṣthāna vijñānasthemne ṣhoḍaśa uchyate ||

Die Einteilung (der Menschen) in deva (heilig) und asura (grausam) und die Führung durch die Schriften bei der Bestimmung der Wahrheit (was unser Ziel ist) und im Prozess (mit dem man das Ziel erreicht), dies wird im 16. Kapitel besprochen.

Vers 21 – Kapitel 17

aśāstram āsuraṃ kṛtsnaṃ śāstrīyaṃ guṇataḥ prutak |
lakṣaṇaṃ śāstra siddasya tridhā saptadaśoditam ||

Die Handlungen, die die Schrift nicht empfiehlt, sie sind für die Asuras (die Grausamen). Die Handlungen, die die Schrift empfiehlt, durch die Guṇas gibt es sie in drei verschiedenen Qualitäten. Die drei Wortzeichen (Oṃ tat sat) bezeichnen solche Handlungen. Dies wird im 17. Kapitel besprochen.

Vers 22 – Kapitel 18

īśvar kartṛtā buddhiḥ sattvopādyatāntime |
sva karma pariṇāmaścha śāstrasārārta uchyate ||

Dass alle Dinge (letztlich) von Bhagavān selbst getan (werden), dass alle Dinge in Sattva, der Qualität der Balance und Reinheit, getan werden sollten, dass das Ende des Karmas (die Befreiung aus dem Kreislauf aus Tod und Wiedergeburt) hieraus erwächst und dass Bhakti und Prapatti (die Kapitulation vor Gott) die Essenz der Schrift sind, dies wird im 18. Kapitel gelehrt.

Vier Āchāryas unserer Linie: zweiter von links HH Kaliyan Vanamamalai Jeeyar Swami, der aktuelle Āchārya in der Linie von Manavala Māmunigal (siehe unsere Tradition), in der viele im koyil.org Team Schüler sind. In der Mitte dann HH Appan Parākala Embar Jeeyar Swami, der Āchārya von Mādhava. Zweiter von rechts ist Dr. M.A. Venkatakrishnan, ein bedeutender Experte und Redner zu den Schriften unserer Tradition.

Verse 23-28: Defintion der drei Yogas

Vers 23

karmayogastapastīrthadāna yajñādisevanam |
jñānayogo jitasvāntaiḥ pariśuddātmani stitiḥ ||

Karma Yoga ist die permanten Ausübung von Askese*, Pilgerreisen, Wohltätigkeit und Opfern. Jñāna Yoga wird von denen getan, die das eigene Gemüt besiegt haben, die in ihrem Selbst ruhen und sich nicht für materielle Dinge interessieren.

* Das Wort Tapasya ist etwas schwierig zu übersetzen, weil es ein Konzept ist, dass es in unserem Kulturraum so nicht gibt. Früher wurde es oft mit Buße übersetzt, aber das Konzept Buße impliziert, dass man für etwas büßt – so etwas fehlt bei Tapasya, mangels einer Schuld- und Sünde-Theologie. Man unterwirft sich bei Tapasyas freiwillig bestimmten Auflagen / Regeln, um die Festigkeit des Geistes zu schulen oder gutes Karma aufzubauen / die Gunst bestimmter Devas zu gewinnen.

Vers 24

bhakthiyogaḥ paraikāntaprītyā dhyānādiṣu stitiḥ |
thrayāṇāmapi yogānāṃ tribhiranyonya saṅgamaḥ ||

Bhakti Yoga ist die Hingabe zum Höchsten, stets ruht der Geist auf ihm (man meditiert über ihn, man verehrt in mit Puja und Ritualen usw). Bei der Ausführung jedes der drei Yogas sind die anderen beiden mit enthalten.

Vers 25

nitya naimittikānām parārādhana rūpiṇām |
ātmadṛṣtes trayo’pyete yogadhvāreṇa sādhakāḥ ||

Nitya Karma und Naimittika Karma**, die im Rahmen der drei Yogas als Verehrung des höchsten Wesens praktiziert werden (anstatt als reine Pflichterfüllung aus Angst vor schlechtem Karma), sind Mittel zur Erkenntnis des Selbst und zur Eintritt in den Yoga- Zustand (Samādhi).

** Das sind Riten die „Zweimal Geborene“, also Menschen, die in die Rezitation der Veden eingeweiht worden sind, ausführen müssen. Permanent (täglich, monatlich, jährlich) im Falle von Nitya Karma und zu bestimmten Anlässen wie Geburt, erste feste Nahrung usw im Falle von Naimittika Karma.

Wenn der Übersetzer Westlern erzählt, dass er aus Respekt vor den Varna Regeln (landläufig und grob: Kasten Regeln) keinerlei Verse aus den Veden rezitiert, (denn er ist nicht Zweimal-Geboren) führt dies oft zu großer Verwunderung. „Aber warum hältst Du Dich denn an solche bescheuerten Regeln, wie kommen die dazu, sowas zu verbieten? Wir sind doch freie Menschen!“ Solcherlei Äußerungen sind zu hören. Was hier und auch von vielen „modernen“ Indern vergessen wird ist, dass das Varna System symmetrisch ist: Ja, ohne Einweihung in die Veden darf man keine Verse aus den Veden rezitieren – sie lesen und alles andere wie z.B. die Bhagavad Gītā rezitieren übrigens schon. Aber die, die es dürfen, sind gleichzeitig zu den Nitya und Naimittika Karmas verpflichtet, die der Übersetzer gar nicht ausführen darf.

Besondere Rechte gehen bei korrekter Befolgung des Varna Systems also stets mit zusätzlichen Pflichten und der Gefahr eines tiefen Falls einher. Dies wird gerne vergessen. Aus diesem Grund sind viele orthodoxe Zweimal-Geborene gar nicht besonderns glücklich mit dieser ehrenhaften Rolle, da Menschen wie der Übersetzer durch die Gnade Rāmānujas genau so Befreiung erlagen werden wie sie – aber mit weniger Pflichten! Unsere Āchāryas haben daher mehrfach betont, dass eine „niederige“ Geburt (als Ausländer, Kastenloser, Śudra oder als Frau jeglicher Kaste – auch sie erhalten keine Einweihung in die Rezitation der Veden) ein Vorteil und kein Nachteil ist!

Vers 26

nirasta nikilājño dṛuṣṭvāthmānam parānugam |
prathilabhya parāṃ bhaktiṃ thayaivāpnoti tatpadam ||

Die Unwissenheit zerstört, dem höchsten Wesen zu Dienst, das Selbst erkannt, so erreicht man die höchste, reinste Stufe der Hingabe. Durch diese reine Hingabe erreicht man seine Lotusfüße.

Vers 27

bhakti yogas thadartī chet samagraiśvarya sādhakaḥ |
āthmārthī chettrayo’pyete tatkaivalyasya sādhakāḥ ||

Falls man nach Wohlstand strebt, durch Bhakti Yoga wird man in erreichen. Alle drei Yogas führen zu Kaivalya, für die, die Wonne des Āthmā genießen wollen.

Vers 28

aikānthyam bhagavatyeṣāṃ samānamadhikāraṇām |
yāvatprāpti parārtī chettadevātyantamaśnute ||

Die Hingabe an Bhagavān (anstatt irgendwelcher Devas) ist allen qualifizierten Personen (die eines der drei Yogas praktizieren) gemein. Falls, bevor die Frucht (Wohlstand, Erfahrung des Āthmā – Kaivalya) erreicht ist, die Sehnsucht nach den Lotusfüßen des Herrn erwacht, können diese (anstatt der unsprünglich angedachten Frucht) erreicht werden.

Falls also jemand kein Interesse am Dienst an Bhagavān verspürt, ist es kein Schaden, wenn er z.B. mit Karma Yoga und Kaivalya als Ziel beginnt. Falls er Fortschritte macht (also qualifiziert wird), wird die Hingabe an Bhagavān von alleine erwachten und er kann jederzeit das Ziel seines Weges ändern.

Verse 29 – 31: Lob des Jñāna Yogis

Vers 29

jñāni tu paramaikāntī tadāyattāthma jīvanaḥ |
tat saṃślṣa viyogaika-sukhaduḥ khastadegadhīḥ ||

Ein Jñāna Yogi, der dem höchsten Wesen ergeben ist, dessen Leben durchdrungen ist von der Verehrung des höchsten Wesens, der glücklich ist, wenn er mit ihm zusammen ist und verzweifelt, wenn sie getrennt sind, sein Wissen ruht in Bhagavān.

Vers 30

bhagavaddyāna yogokti vandana stutikīrtanaiḥ |
labdhāthmā thadgataprāṇa manobuddīndriya kriyaḥ ||

Über Bhagavān meditierend, ihn betrachtend, über ihn redend, ihn verehrend, ihn preisend, über ihn singend, wer so lebt, dessen Leben, Gemüt, Geist und Sinne sind nur mit Bhagavān befasst.

Vers 31

nija karmādi bhaktyantaṃ kuryāt prītyaiva kāritaḥ |
upāyatām parityajya nyasyet deve tu tāmabhīḥ ||

Er der fähig ist zu allen Wegen, beginnend mit Karma Yoga bis hinauf zu Bhakti Yoga; Gibt er die Haltung auf, dass diese Wege (zum Erreichen von Bhagavān) sind und ruht in ohne Furcht in Bhagavān, so ist dies der Weg, über den meditiert werden sollte.

Dies ist ein leicht verklausulierter Hinweis auf Prapatti (siehe unsere Philosophie). Zur Zeit von Yāmuna war die Lehre von Prapatti noch vertraulich und wurde noch von Lehrer zu Schüler weitergegeben. Die öffentlichere Lehre von Prapatti begann mit Rāmānuja.

Vers 32 – Konklusion

ekāntātyanta dāsyaikaratis tatpadamāpnuyāt |
tatpradānamidaṃ śāstram iti gītārthasaṅgrahaḥ ||

Der, der nur den kontinuierlichen Dienst (an Bhagavān) erstrebt, wird jene (Bhagavāns) Lotusfüße erreichen. Diese Schrift (die Bhagavad Gītā) hat als wichtigstes Ziel, das Jīvāthmā auf diese Ebene zu bringen.
Hiermit endet das Gītārtha Saṅgrahaḥ.

Adiyen Mādhava Rāmānuja Dāsan
Übersetzung Englisch – Deutsch, Edition für westliches Publikum
Adiyen Sarathy Rāmānuja Dāsan
Übersetzung vom tamilischen Originaltext ins Englische

Kṛṣṇa manifestiert vor Arjuna seine universale Form – beschrieben in Bhagavad Gītā Kapitel 11

Sterben und Karma verstehen

Śrīḥ
Śrīmathē śatakōpāya namaḥ
Śrīmathē rāmānujāya namaḥ
Śrīmath varavaramunayē namaḥ
Śrī vānāchala mahāmunayē namaḥ

Ab und zu bietet sich die Gelegenheit, einigen unserer Mitbürger hier in Deutschland ein paar Grundzüge des Sanātana Dharma (Hinduismus) zu erklären. Dabei tauchen immer wieder zwei Fragen auf:


Wenn Du Hindu bist, glaubst Du dann wenn jemand etwas furchtbares passiert, dass es seine eigene Schuld ist? Dass er in seinem letzten Leben schlimme Dinge getan hat und dafür jetzt bestraft wird?


Wenn Du Hindu bist, glaubst Du dann, dass mein Haustier als Tier geboren wurde, weil es in seinem letzten Leben schlimme Sachen gemacht hat?


Zuweilen erzählen die Leute sogar von Dokumentationen aus Indien / Nepal, in denen gezeigt wird, wie behinderte Menschen beleidigt und mit Steinen beworfen werden, weil ihre Mitbürger glauben, dass sie in ihrem letzten Leben bösen Menschen gewesen sind.

Wir erklären dann, was wir selbst von Lehrern und Āchāryas gelernt haben: Dass die Idee, dass es eine einfache, geradezu mechanische Verbindung zwischen den Handlungen des Vorlebens und dem gibt, was in diesem Leben passiert, falsch ist. Es ist zwar in der Tat so, dass alle Wesen die Früchte ihrer früheren Handlungen erfahren, aber wie diese Früchte erscheinen ist für uns kaum verständlich. Dies wird in Bhagavad Gītā 4:17 bestätigt. Bhagavad Gītā bedeutet Gesang Gottes, die Bhagavad Gītā ist ein Gespräch zwischen Gott, inkarniert als Kṛṣṇa, und seinem Freund Arjuna. Kṛṣṇa beendet den Vers mit folgender Feststellung:

gahanā karmaṇo gatiḥ
Rätselhaft sind die Wege des Karmas

Unsere Āchāryas betonen, dass unsere innerste Essenz, unser Jīva, schon immer existiert hat und immer existieren wird. Es wandert von einem Körper zum nächsten und produziert dabei komplexe Wechselwirkungen zwischen diesen Leben. Aber welche Stellen der maßgeblichen Schriften sagen das klar und deutlich? Und wie kann man das in einer knappen, intuitiven Erklärung zusammen fassen? Einige Dinge kann man in Bhagavad Gītā 2:12 und 2:13 finden. In diesen Versen erklärt Kṛṣṇa die Natur des Jīvas und seine Reise durch die verschiedenen Körper. In Bhagavad Gīta 4:19 und nachfolgenden Versen erklärt Kṛṣṇa, wie man Karma überwinden kann. Was wir nicht in der Gīta finden, ist eine klare und kompakte Erklärung, wie Karma zu Stande kommt und funktioniert.

Wir finden eine solche Erklärung in der Bṛihad-Āraṇyaka Upanishad. In den ersten sechs Versen im vierten Brāmana des vierten Adhyāya dieser Upanishade (also Abschnitt 4.4.1 bis 4.4.6 in moderner Zählweise) finden wir eine kompakte Beschreibung des Sterbevorgangs, der Natur unseres Jīvas und der Natur von Karma. Der Autor hat durch eine Antwort auf Quora von Rami Sivan, einem sehr kundigen aber auch recht kontroversen Śrī Vaiṣṇava mit westlichen Wurzeln, von dieser Stelle der Upanishade erfahren.

Der Text ist bemerkenswert klar und leicht zu lesen – zumindest für eine Upanishade. Hier ist die deutsche Übersetzung der englischen Übersetzung von Ernest Hume (1921), verfügbar auf archive.org, verfeinert mit einigen Aspekten von Rami Sivans Übersetzung auf Quora und einigen Aspekten von Swami Krishnanandas Übersetzung und dem originalen Sanskrit Text:

Übersetzung

  1. Wenn das verkörperte Selbst schwach wird und der Geist verwirrt wird, sammelt das Jīva die Prāṇās um sich. Es nimmt die Prāṇās und steigt herunter zum Herzen. Wenn die Person im Auge (Bewusstsein, die wichtigste Eigenschaft des Jīva) sich von der Sonne abwendet, verliert man die Erkenntis von Formen.
  2. „Er wird eins mit der Mitte“, sagen sie; „er sieht nicht.“
    „Er wird eins mit der Mitte“, sagen sie; „er riecht nichts.“
    „Er wird eins mit der Mitte“, sagen sie; „er schmeckt nichts.“
    „Er wird eins mit der Mitte“, sagen sie; „er spricht nicht.“
    „Er wird eins mit der Mitte“, sagen sie; „er hört nicht.“
    „Er wird eins mit der Mitte“, sagen sie; „er denkt nicht.“
    „Er wird eins mit der Mitte“, sagen sie; „er spürt nicht.“
    „Er wird eins mit der Mitte“, sagen sie; „er erkennt nicht.“
  3. Wie eine Raupe, die das Ende des Grashalms erreicht, sich zusammen zieht, um einen Sprung zum nächsten zu machen, genau so zieht das Jīva alles zusammen und springt zum nächsten Körper.
  4. Wie ein Goldschmied, der Gold nimmt und es in eine neue und schönere Form bringt, so nimmt das Jīva eine neue und schönere Form an, wie die der Väter, der Gandharvas, der Devas, der von Prajapati, oder Brahmā oder anderer Wesen, in dem es diesen Körper und seine Beschränkungen zurück lässt.
  5. Wahrlich, dieses Jīva ist Brahman, gemacht aus Wissen, aus Gemüt, aus Atem, aus Hören, aus Erde, aus Wasser, aus Wind, aus Raum, aus Energie und dem Fehlen von Energie, aus Verlangen und dem Fehlen von Verlangen, aus Wut und dem Fehlen von Wut, aus Tugendhaftigkeit und dem Fehlen von Tugendhaftigkeit. Es ist aus allem. Das ist mit der Aussage „Gemacht aus diesem, gemacht aus jenem“ gemeint.
  6. Dazu gibt es auch den Vers:

    Angehaftet an Sinnesobjekte, verlangend nach Sinnesobjekten,
    legt das Jīva seinen Körper ab.

    Doch im Gemüt (also im subtilen Körper, der den Tod überdauert)
    trägt es die Früchte seiner Handlungen
    .
    Diese Früchte müssen im Gemüt erfahren werden. Was auch immer hier getan wurde, dessen Wirkungen müssen dort erfahren werden.
    Daher kommt es zurück auf diese Welt, um erneut zu handeln.


    Dies ist das Schicksal dessen, der verlangt.

Anmerkungen

Der erste Vers beschreibt den Todesvorgang aus einer vedischen Perspektive. Da die Lebensenergie, Prāṇā genannt, von den Gliedmaßen zum Zentrum des Körpers, dem Herzchakra, gezogen wird, beginnt eine sterbende Person sich kalt anzufühlen. Wir können in ihren Augen sehen, ob sie noch lebt oder ob ihre Reise schon begonnen hat. Der zweite Vers gibt uns die Reihenfolge, in der die Sinne eines Sterbenden typischerweise nachlassen. Menschen, die andere beim Sterben begleitet haben, erzählen oft, dass Berührungen wie das Halten der Hand das letzte ist, zu was der Sterbende noch in der Lage ist.

Der dritte Vers gibt uns einen sehr griffigen Vergleich: Der Körper ist wie ein Grashalm und unsere Essenz, unser Jīva, ist wie eine Raupe, die auf diesem Grashalm krabbelt und zum nächsten Halm will. Um zum nächsten Halm zu kommen, zieht sie sich zunächst zusammen:

Quelle: Wikipedia

Genauso zieht das Jīva seine Hüllen, die ihm in den nächsten Körper folgen, zusammen, und geht dann zu einem neuen Körper. Hierbei muss man sich jedoch klar machen, dass diese Bewegung letzten Endes nicht auf die Kraft des Jīvas zurück geht. Sie wird ermöglicht durch Brahman, die All-heit, Gott. In Bhagavad Gītā 9:6 erläutert Kṛṣṇa, dass er der Urgrund aller Aspekte der Realität ist, nichts ist, das nicht in ihm ist und von ihm durchdrungen wird. Das Jīva zieht sich also in der Tat zusammen und reist zum nächsten Körper, aber dies ist keine unabhängige Handlung, sie wird von Brahman ermöglicht und begleitet.

Im vierten Vers wird festgestellt, dass der neue Körper besser als der alte, sterbende Körper sein wird. Das Jīva kann einen neuen menschlichen Körper bekommen, nachdem es für eine Weile im Reich der Vorväter (Pitru Loka) geweilt hat, den Köper eines Devas oder auch den Körper anderer Wesen.

Der fünfte Vers enthält eine bemerkenswerte Aufzählung. Im Gegensatz zu vielen anderen Aufzählungen in vedischen Texten ist die Aufzählung hier unvollständig. Zum Beispiel fehlen bei den Sinnen der Tastsinn und der Geschmackssinn. Bei den Elementen fehlt das Feuer. Der Autor ist nicht qualifziert, diese Besonderheit autoritativ zu erklären. Es mag aber angemerkt sein, dass diese Sinne das Feuer des Verlangens am stärksten schüren. Wut und Verlangen sind die Wurzeln unseres Fallens in die düstersten Regionen der materiellen Welt und ihre Überwindung ist das Tor zu unserem Aufstieg. Dies erläutert z.B. Kṛṣṇa in Bhagavad Gītā 2:62ff.

Die Aufzählung betont, dass das Jīva Brahman ist, die All-heit, alle Sinne, alle Elemente und das ganze Spektrum an möglichen Gefühlen. Aussagen wie diese und scheinbar widersprüchliche Aussagen anderer Upanishaden haben zu langen Debatten unter vedischen Philosophen geführt. Wir haben in „Unsere Philosophie“ die Śrī Vaiṣṇava Philosophie erläutert, die Vishishtadvaita genannt wird und perfekt in der Lage ist, die scheinbaren Widersprüche zwischen den Upanishaden aufzulösen. Vishishtadvaita lehrt, dass das Jīva in dem Sinne Brahman ist, in dem wir eine Person „Joe“ nennen. Eigentlich sind weder der Finger noch der Fuß noch die Nase Joe, Joe ist das bewusste Wesen, was in Joes Körper wohnt. Auf die selbe Weise, hebt Rāmānuja hervor, ist Brahman die innerste Essenz des Jīva, das Āthmā des Jīva. Es ist daher legitim, das Jīva Brahman zu nennen – auch wenn das Jīva nicht identisch mit Brahman ist.

Der 6. Vers gibt uns schließlich den Grund, warum unser Jīva immer wieder in die Welt zurückkehrt. Da im vorigen Vers festgestellt wurde, dass das Jīva Brahman ist, stellt sich ja die Frage, warum es denn überhaupt zurück kehren muss, warum es von Körper zu Körper reist wie eine Raupe von Grashalm zu Grashalm. Ist seine Essenz nicht Brahman, die All-heit, das Absolute, Gott? Warum leiden wir dann hier?

Der Vers lehrt uns, dass das Problem Anhaftung ist. Das Jīva ist an Sinneserfahrungen angehaftet und handelt aus dieser Motivation. Handlung ist daher eine Art Sucht, das Jīva kann seine Anhaftung an Sinneserfahrungen nicht überwinden und damit auch nicht an den Handlungen, die die Sinneserfahrungen erzeugen können. Das Sanskrit Wort Karma bedeutet einfach Handlung, Arbeit.

Dies zeigt, dass Karma nicht – wie so oft missverstanden – ein Instrument zur Bestraftung ist. Es ist zunächst einmal nur ein Ansatz, eine Haltung, der eigenen Existenz gegenüber: Man handelt, um zu genießen. Die Pflanze wächst in Richtung der Sonne, das Reh sucht nach den schmackhaftesten Kräutern, der Mensch sucht nach dem „guten Leben“ aus Barbecue, Bier und Binge Watching, der Deva sucht Ruhm und nach Verehrung durch niedere Wesen. Einige dieser Handlungen haben guten Wirkungen, andere schlechte. Das Kriterium für die Art der Wirkung ist, ob andere Wesen durch die Handlungen Wohlergehen oder Leid erfahren. Erfahren sie Leid, wird dieses Leid in irgendeiner From wieder zu uns zurück kommen. In Patanjalis Yoga Sutras lesen wir:

Sutra 3:23
Die karmischen Effekte können sofort oder verspätet eintreten. (…)

Eine kompakte Antwort auf die Frage wäre also

Karma ist kein Instrument zur Bestraftung, es ist ein Nebeneffekt von Handlungen und wird oft unbewusst produziert. Seine Wirkungen können verzögert eintreten. Man erlebt zwar schlimme Dinge aufgrund eigener schlimmer Handlungen, aber diese Handlungen können lange zurück liegen.
Spiegelbildlich bedeutet die Erfahrung schöner Dinge nicht, dass wir nicht auch schlechtes Karma haben. Dieses Karma manifestiert sich nur gerade nicht.

Adiyēn Mādhava Rāmānuja Dāsan

Understanding Death and Karma

Śrīḥ
Śrīmathē śatakōpāya namaḥ
Śrīmathē rāmānujāya namaḥ
Śrīmath varavaramunayē namaḥ
Śrī vānāchala mahāmunayē namaḥ

Whenever there is a chance, Mādhava is explaining essentials of Sanātana Dharma to his fellow Germans. Often, people respond by asking a variant of one of the following two questions:


As a Hindu, do you really believe that if something bad happens to a person, it is because he was evil in his previous life? Are you really so mean to think that it is his own fault?


As a Hindu, do you really believe that my pet was born as an animal because it has done bad things in its previous life?


Sometimes, people even quote documentaries from India or Nepal, where disabled people were insulted and thrown after with stones because their fellow citizens thought that they were bad persons in their previous life.

Mādhava then usually explains what he learned from Upanyasakars (religions speakers) and Āchāryas: That the idea of a simple mechanical link, of the kind: „killed father, will be blind with one leg in next life“ is false. It is true that all beings ultimately experience the fruits of their own actions, but the manifestation of these fruits is not straight forward. This is confirmed by Kṛṣṇa in Bhagavad Gīta 4:17, where he ends the verse with

gahanā karmaṇo gatiḥ
Intricate is the the way of Karma.

Our Āchāryas emphasize that our innermost essence, our Jīva, has no beginning and no end. It is moving from one body to the next, producing complex interactions between lifes along the way. But what are authoritative statements which back this? And how to put all of this into a crisp explanation? Some references can be found in Bhagavad Gīta 2:12 and 2:13, where Kṛṣṇa briefly explains the way of the Jīva. In Bhagavad Gīta 4:19 and following verses, Kṛṣṇa explains how to get rid of Karma. What we do not find in the Gīta is a concise description of the workings of Karma.

Such a description is available in the Bṛihad-Āraṇyaka Upanishad. The fourth Brāmana of the fourth Adhyāya (verse 4.4.1 to 4.4.6 in modern technical counting) contain a concise description of the process of death, the nature of the self (Jīva) and of the workings of karma. The author learned about this section of the Upanishad in a recent answer on Quora by Rami Sivan, a very knowledgable but also somewhat controversal Śrī Vaiṣṇava with Western roots.

This part of the Upanishad is remarkably clear and easy to read. Here is the translation from „The Thirteen Principal Upanishads“ by Ernest Hume (1921), available at archive.org, refined with aspects of Rami Sivan’s translation from Quora, of Swami Krishnanadas Translation and the original Sanskrit text.

Translation

  1. When this embodied self (Jīva) comes to weakness and to confusedness of mind, as it were, then the prāṇās gather around him. He takes the prāṇā and descends into the heart. When the person in the eye (consciousness, main attribute of the Jīva) turns away from the sun, then one becomes non-knowing of forms.
  2. „He is becoming one with the centre,“ they say ; „he does not see.“
    „He is becoming one with the centre,“ they say ; „he does not smell.“
    „He is becoming one with the centre,“ they say ; „he does not taste.“
    „He is becoming one with the centre,“ they say ; „he does not speak.“
    „He is becoming one with the centre,“ they say ; „he does not hear.“
    „He is becoming one with the centre,“ they say ; “ he does not think.“
    „He is becoming one with the centre,“ they say ; “ he does not touch.“
    „He is becoming one with the centre“, they say ; “ he does not know.“
  3. Now as a caterpillar, when it has come to the end of a blade of grass, in taking the next step draws itself together towards it, just so this Jīva in taking the next step strikes down this body, dispels its ignorance and draws itself together.
  4. As a goldsmith, taking a piece of gold, reduces it to another newer and more beautiful form, just so this Jīva, striking down this body and dispelling its ignorance, makes for itself another newer and more beautiful form like that either of the fathers, or of the Gandharvas, or of the Devas, or of Prajapati, or of Brahma, or of other beings.
  5. Verily, this Jīva is Brahman, made of knowledge, of mind, of breath, of seeing, of hearing, of earth, of water, of wind, of space, of energy and of non- energy, of desire and of non- desire, of anger and of non-anger, of virtuousness and of non- virtuousness. It is made of everything. This is what is meant by the saying „made of this, made of that.“
  6. On this point there is this verse :

    Attached to the sense objects, longing for sense objects,
    the Jīva sheds the body, but it carries with it result of its actions.
    Attached, the Jīva leaves this body, and goes together with its actions.
    Those actions find their completion through experience.
    Then it happens again, it comes to the world for more actions.


    This is the fate of one who desires.

Remarks

The first verses give us a description of the death process from a Vedic perspective. As life-energy, which is called prāṇā, is moved from the limbs to the center of the body, the heart chakra, the dying person begins to feel cold. We can see from the look of someone’s eyes whether he is still alive or if he is already dead and his travel has begun. The second verse emphasizes this by enumerating the different senses which stop working as they are drawn inwards with the prāṇā. People who were accompanying a dying person report that touch, the holding of a hand, is the last thing the dying person was able to do.

The third verse gives us a straight-forward comparison: the body is like a blade of gras and the Jīva is like a worm who stays on that blade of gras for a while and then moves to the next. In order to do so, it has to contract:

Source: Wikipedia

In the same way, the Jīva contracts those layers that follow it and then goes to the next body. However, we must not forget that these movements are ultimately not due to the inherent power of the Jīva. They are enabled by Brahman, the totality, God. In Bhagavad Gīta 9:6, Kṛṣṇa points out that he is the ultimate support of each and every aspect of reality. So while the Jīva does indeed contract and move, this is not an independed action, it is framed and enabled by Brahman.

In the fourth verse, it is emphasized that the new body will be better than the dying one. The Jīva can gain a fresh human body, after staying for a while in the realm of the forefathers (Pitru Loka), it can gain the body of a Deva or a body of any other being.

The fifth verse contains remarkable enumeration. In contrast to a large number of comparable enumerations in Vedic texts, the enumeration here is incomplete. For example, amongst the senses, taste and touch are missing. Among the elements, fire is missing. The author is not in the position to explain why this is the case – but we note that the senses of taste and touch produce the strongest desire, and the energy within the element of fire is the most obvious. Anger and desire are the very roots of our downfall and the door to our way up, as pointed out in Bhagavad Gīta 2:62ff.

The enumeration emphasizes that Jīva is Brahman, is the totality, it is all senses, all elements and the whole spectrum of possible moods. Statements like this and seemingly contradictory statements from other Upanishads have led to endless debates between Vedic philosophers. We outlined in our article on Śrī Vaiṣṇava philosophy that our tradition’s philosophy, Vishishtadvaita, perfectly resolves these apparent contradictions. Vishishtadvaita teaches us that Jīva is Brahman in the sense we call a person „Joe“ while in actuality, neither the fingers nor the hair nor the legs are Joe, Joe is the conscious being that inhabits the body of Joe. In the same way, Rāmānuja points out, is Brahman is the innermost essence of the Jīva, the Āthmā of the Jīva. Hence it is legitimate to call Jīva Brahman.

The 6th verse gives us the reason why we return at all to this world. Having stated before that the Jīva is Brahman, one could ask why Jīvas return to this world at all, why it moves from body to body like a worm between blades of gras. Isn’t its essence Brahman, the totality, the ultimate, God? Why is it so miserable then?

The verse points out that the problem is attachment. The Jīva has been attached to sense objects and acted due to that. Thus action is like an addiction, the Jīva can’t let go of its attachment to sense objects and, by extension, the actions initiated by this. The sanskrit word Karma simply means action, work, in a very practical sense.

This shows that Karma is by no means a trivial mechanism for punishment. It is the continuation of a basic approach to existence, which is shared by all beings: they act to enjoy. Be it a plant that grows in the direction of the sun, be it a deer that looks for the most tasty weeds, be it a human looking the „good life“ of barbeque, beer and Netflix binge watching or be it a Deva seeking heavenly maidens and worship by lower beings. Some actions might have good repercussions, others bad ones. The criterion is whethe other beings experience suffering or delight due to the action. Both will return to the Jīva in due time. In Patanjali’s yoga sutras , we read:

Sutra 3:23
The Karmic effects of ones actions are immediate or delayed. (…)

So, a proper answer to the above questions would be:

Karma is not a punishing menchanism, it is a side effect of actions and often produced unknowingly. Its effects can be delayed. A person does indeed experience bad things due to his or her past actions, but these might have been done long ago.
Likewise, a person that does not experience bad things right now should not assume that it does not have suffient bad karma – this karma is just not manifesting itsself now.

Adiyēn Mādhava Rāmānuja Dāsan

Tamiḻ Transliteration

Eine deutsche Erläuterung befindet sich weiter unten!

ENG: In the previous version of this article, we stated that there is no established standard for transliterating some „typical“ Tamil letters – i.e. letters that have no equivalent in Sanskrit. One of our readers, Keshavachari Ramanuja Dasan, pointed out that this is not entirely correct. There is ISO 15919, which standarizes the transliteration of all common Indian scripts.

We decided to apply this standard on our site, even though our mother site koyil.org does not use it. This is because we find it less confusing for newcomers than the „vernacular“ transliteration used by many native speakers. They use for example „zh“, to represent the letter ழ, which sounds like „l“ but with a good pinch of „r“ mixed in. The „l“ in „Tamil“ is for example actually ழ – so natives often write „Tamizh“ which is obviously rather confusing for people without contact to Tamil speakers.

Below we give a reference table with Tamil letters, the way they are transliterated into the Roman alphabet at koyil.org and at koyil.de / according to ISO 151919.


DEU: In der ersten Version dieses Artikels haben wir festgestellt, dass es keinen etablierten Standard zur Transliteration von einigen typisch tamilischen Buchstaben gibt – also für Buchstaben, die es im Sanskrit nicht gibt. Einer unserer Leser, Keshavachari Ramanuja Dasan, hat darauf hingewiesen, dass das so nicht ganz korrekt ist. Es gibt die Norm ISO 151919, die die Transliteration aller in Indien gebräuchlicher Alphabete festlegt.

Wir haben uns entschieden, diese Transliteration zu verwenden, obwohl unsere Mutterseite koyil.org das nicht tut. Wir machen es, da die Transliteration, die viele Muttersprachler verwenden, für Einsteiger ausgesprochen verwirrend ist. So wird beispielsweise „zh“ verwendet, um ழ zu transliterieren. ழ klingt wie „l“, aber mit Anklängen von „r“. Das „l“ in „Tamil“ ist beispielsweise eigentlich ein ழ, viele Muttersprachler schreiben daher „Tamizh“, was für uns natürlich recht verwirrend ist.

Unten befindet sich eine Referenztabelle mit der koyil.org und der koyil.de / ISO 151919 Transliteration für Konsonanten.

Tamilkoyil.orgkoyil.de / ISO 151919
aa
Aā
ii
Iī
uu
Uū
ee
Eē
aiai
oo
Oō
auau
ll
ka, gaka, ga
nja (?)ṅa
chacha
gna (?)ña
Ta, thaṭa
Naṇa
tata
ன, நnana
papa
mama
Raṟa
zhaḻa
Laḷa
lala
rara
yaya
vava

Das wundersame Erscheinen von zwei Bildgestalten

Śrīḥ
Śrīmathē śatakōpāya namaḥ
Śrīmathē rāmānujāya namaḥ
Śrīmath varavaramunayē namaḥ
Śrī vānāchala mahāmunayē namaḥ

Kontext & Vorgeschichte

Wir haben in diesem Einführungsartikel schon beschrieben, dass die Verehrung von Bildgestalten (Deities) für uns Śrī Vaiṣṇavas eine besondere Rolle spielt. Sie sind für uns Portale zu Gott, zu Śrīman Nārāyana. In diesem Artikel möchten wir die Geschichte von zwei Deities erzählen, die bis heute in Alwar Tirunagari verehrt werden. Dies sind Deities von Nammāḻvār von Rāmānuja, die zu Madhurakaviāḻvār kamen.

Wir haben Rāmānuja in diesem Artikel bereits vorgestellt. Nammāḻvār ist einer der Āḻvārs, die wir hier bereits allgemein vorgestellt haben. „Namm“ ist tamilisch und bedeutet „unser“. Nammāḻvār bedeutet also „unser Āḻvār“ – denn Nammāḻvār ist der bedeutendste unter den Āḻvārs. Wir werden sein Leben und sein Werk noch in einem speziellen Artikel behandeln – hier nur ein kurzer Umriss: Nammāḻvār lebte die ersten Jahre seines Lebens in einem Baum, versunken Meditation. Aus dieser wurde er von Madhurakaviāḻvār geweckt und unterrichtete seit diesem Zeitpunkt Madhurakaviāḻvār als seinen Schüler. Madhurakaviāḻvār hörte von Nammāḻvār auch dessen Hauptwerk, die etwa 1000 Verse des Thiruvaimoḻi. Diese enthalten das selbe Wissen wie die Veden, aber in einer einfacheren Form und die einer Sprache, die alle Menschen seiner Region verstehen konnten (tamilisch). Jeder Mensch darf das Thiruvaimoḻi lernen und rezitieren, es unterliegt – im Gegensatz zu den Veden – keinerlei Restriktionen.

Nammāḻvārs Hingabe an Gott war nun aber so groß, dass er – auch wenn er immer wieder außerordendliche göttliche Visionen hatte und seine Hingabe alle Grenzen sprengte – sehr litt, sobald er für einen Augenblick Gott nicht wahrnehmen konnte. Er beschloß daher, diese Welt mit nur 32 Jahren wieder zu verlassen.

Madhurakaviāḻvār war zum Zeitpunkt des ersten Treffens mit Nammāḻvār deutlich älter als Nammāḻvār. Er überlebte Nammāḻvār und seine Nachkommen (manche sagen auch, Madhurakaviāḻvār selbst, da er als fähiger Yogi eine sehr lange Lebensspanne hatte) konnten unseren Āchāryas den Weg zum Thiruvaimoḻi und den Werken der anderen Āḻvārs öffnen.

Die Geschichte der Deities

Als Nammāḻvār nun immer trauriger wurde und sich danach sehnte, diese Erde zu verlassen und in das Reich Śrīman Nārāyanas, das Paramapadam oder Vaikuntha genannt wird, zu gehen, war Madhurakaviāḻvār von großer Sorge erfüllt. Er war Nammāḻvār genau so hingegeben wie Nammāḻvār Śrīman Nārāyana hingegeben war. Wenn Nammāḻvār seinen Körper verließ und nach Paramapadam ging, wie sollte er ihm weiterhin nahe sein? Er bat daher Nammāḻvār, ihm eine Bildgestalt, eine Deity (Sankrit: Vigraham) von sich zu geben, die er und nachfolgende Menschen verehren können. Die folgenden Illustrationen der Geschichte stammen von hier.

Nammāḻvār wies ihn an, Wasser aus dem Fluss Thamirabarani, der in der Nähe des Ortes war, an dem Nammāḻvār lehrte, zu kochen, aus diesem würde ein Deity entstehen. Dies tat Madhurakaviāḻvār.

Doch zu seinem großen Erstauenen tauchte aus dem Wasser nicht ein Deity von Nammāḻvār auf, sondern die Bildgestalt einer Person mit einer Flagge, wie Āchāryas sie tragen.

Allerdings zeigte er keine typische Handhaltung (Mudra) eines Āchāryas – deren Deities haben typischerweise Mudras der Lehre oder des Wissens. Anstatt dessen zeigt die Deity das Anjali Mudra, was Demut symbolisiert. Madhurakaviāḻvār war sehr verwirrt und fragte Nammāḻvār, was es mit diesem Deity auf sich habe. Nammāḻvār erklärte ihm, dass dies der Bhavishya Āchārya sei, ein zukünftiger Āchārya, dessen Bedeutung seine eigene (Nammāḻvārs) noch weit übersteigen werde.

Um einen Deity von Nammāḻvār zu bekommen, solle Madhurakaviāḻvār einfach noch einmal Wasser des Tamrabarani kochen. Und in der Tat, nun tauchte ein Deity von Nammāḻvār auf.

Der Deity des Āchāryas der Zukunft wurde weiter gegeben und verehrt bis – viele Jahrhunderte später – dieser Āchārya identifiziert wurde. Es war der damals noch sehr junge Rāmānuja.

Man kann beide Deities noch heute am Tempel von Alwar Tirunagari, der am Geburtort von Nammāḻvār steht, an großen Festen sehen. Hier sind Fotos:

Deity des zukünftigen Āchāryas
Deity von Nammāḻvār

Quellen & Weiterführendes

Illustrationen: RVS / Lifcobooks via Twitter
Fotos der Deities, Teile der Geschichte: Suparnidevi’s blog
Nammāḻvār & Madhurakaviāḻvār in einfachen (englischen) Worten: koyil.org beginner’s guide
Details zu Madhurakaviāḻvār: koyil.org guruparampari
Details zu Nammāḻvār : koyil.org guruparampari

Adiyēn Mādhava Rāmānuja Dāsan



Verbindungen durch Raum und Zeit

Überarbeite Version, Stand November 2019

Śrīḥ
Śrīmathē śatakōpāya namaḥ
Śrīmathē rāmānujāya namaḥ
Śrīmath varavaramunayē namaḥ
Śrī vānāchala mahāmunayē namaḥ

Wenn jemand aus der westlichen Kultur sich dem Hinduismus zuwendet, ist eine häufige Reaktion von Freunden und Verwandten: „Oh, das ist aber exotisch“! Und in der Tat, die vielen bunten „Götter“ (eigentlich sind die meisten Devas, grob vergleichbar mit Engeln in der christlichen Mythologie), die vielfältigen Texte in für Außenstehende kryptisch wirkenden Sprachen – diese Reaktion ist gut zu verstehen. Dieses Gefühl der Fremdheit führt auch regelmäßig dazu, dass sich die Menschen nach etwas vorsichtiger Hindu-Praxis wieder esoterischen Formen des Christentums oder anderen, im Westen üblicheren Wegen zuwenden.

Diese Fremdheit ist jedoch nur an der Oberfläche. Schaut man tiefer, findet man erstaunliche Parallelen in alten katholischen Praktiken und Praktiken im Hinduismus.

In diesem Artikel möchte ich viele solcher Parallelen aufzeigen. Diese Parallelen sind, und dazu gleich mehr, für mich ein indirekter Hinweis darauf, dass die alten Religionen Mitteleuropas, aus denen die katholischen Praktiken höchstwahrscheinlich stammen, und die vedische Religion Indiens, deren moderne Form der Hinduisumus ist, eng verwandt waren.

Hier ist zunächst ein kurzer historischer Exkurs nötig.

Christianisierung

Es mag so manchen überraschen, aber zumindest Nord- und Mitteleuropa sind – gemessen an den Zeitskalen indischer Geschichte – noch nicht besonders lange christlich, und freiwillig sind die Menschen hier auch nicht Christen geworden. Die Christianisierung Deutschlands wurde maßgeblich z.B. von Karl dem Großen voran getrieben und ihm war Gewalt als Mittel dazu recht und billig. 

Es ist unter Historikern und Menschen wie z.B. Wolf Dieter Storl, die sich mit der vorchristlichen Glaubenswelt Europas befassen, generell umstritten, wie gewalttätig die Christianisierung insgesamt war und in wie weit sich die Menschen dieser neuen Religion freiwillig angeschlossen haben. Ein gewisses Element der Gewalt kann man, so scheint mir (und vielen anderen) aber kaum von der Hand zu weisen. Die ältesten Kirchen (in meiner Gegend z.B. Hamburg-Sinstorf) stehen systematisch auf besonderen Geländepunkten und sind i.d.R. nicht genau nach Osten ausgerichtet. Beides spricht dafür, dass sie an der Stelle alter Heiligtümer, die i.d.R. eine Ausrichtung nach astronomischen Kriterien hatten, errichtet worden sind. Die Sinstorfer Kirche ist z.B. auf die Sonnenaufgangsposition Anfang / Mitte Feburar ausgerichtet, das vermuten lässt, dass hier vorher ein Heiligtum der Göttin des Frühlings und des Wachstums (analog zur keltischen Brigid)- diese kommt um diese Zeit aus den Tiefen und lässt das Pflanzenwachstum wieder beginnen – befand.

Gewalt und Zwang zum Christsein führten nun sicherlich nicht dazu, dass die Menschen besonders fromm wurden, sondern dazu, dass sie ihren alten Glauben heimlich lebten. Dazu gibt es verschiedene Bemerkungen in alten kirchlichen Texten. Aus diesem Grund, so scheint es, wurden schnell viele Elemente aus der alten, heidischen Religion in das christliche Brauchtum übernommen. Denselben Ansatz finden wir aktuell in Indien. Dort wird Jesus dargstellet wie eine Hindu-Gottheit und Figuren von Jesus werden nach hinduistischem Brauch verehrt. Hier z.B. eine zeitgenössische Darstellung von Jesus aus Indien:

Jesusdarstellung, angepasst für die Bekehrung von Hindus

Die Lutheraner haben diese „heidnischen“ Elemente später als solche identifiziert und entfernt. Im Katholizismus, so wurde die alte Variante des Christentums später genannt, wurden diese Elemente aber bis heute überliefert und sind mir in meiner katholischen Jugend in großer Zahl begegnet. Die Gleichung lautet also

Katholizismus – lutheranisches Christentum = heidnische Elemente, die wir oft auch im Hinduismus finden.

Im Folgenden mag der Leser Buddhismus immer mit dazu denken. Überraschenderweise ist es nicht allgemein bekannt, dass der Buddhismus eine Abspaltung aus dem Hinduismus ist. Beide waren viele Jahrhunderte nicht einmal streng getrennt – viele Hindus verehrten Buddha als Avatar von Viṣṇu, religiöse Praxis und Symbolik im Buddhismus sind (in einigen Zweigen) kaum von der im Hinduismus zu unterscheiden.

Einstimmung: Echos aus alter Zeit

Vor einigen Monaten bin ich in einem alten katholischen Dorf in Mitteldeutschland spazieren gegangen. Unten sind einige Eindrücke vom Wegesrand, die an das alte Erbe, das in der katholischen Tradition verborgen liegt, erinnern.

Bildstock des heiligen Antonius – Schutzpatron der Reisenden
Bildstock mit dem Erzengel Michael
Alle Kreuze und Bildstöcke stehen unter Bäumen, meist sind es Eichen.
Römische Historiker berichten, dass die Germanen meist unter heiligen Bäumen beteten

Detailliertere Vergleiche

Prozessionen

In katholischen Gegenden gibt es das (heute oft sterbende) Brauchtum von Prozessionen. Hierbei wird eine geweihte Hostie in eine sogenannte Monstranz gesetzt und vom Priester unter einem Baldachin den Prozessionsweg entlang getragen. Normalerweise wird übers Jahr in jede der vier Himmelsrichtungen eine Prozession abgehalten.

Fronleichnahmsprozession, Quelle: Wikipedia

Für Katholiken ist eine geweihte Hostie nicht einfach nur ein Symbol, wie sie es für Lutheraner ist. Nein, sie ist der Leib Christi (theologischer Fachbegriff: Transsubstantiantion). Somit kann man sagen, dass nach katholischer Lehre der Leib Christi den Prozessionsweg entlang getragen wird.

In indischen Tempeln gibt es normalerweise eine bewegliche und eine fest installierte Version der Bildgestalt der jeweiligen Gottheit. Für uns Hindus ist eine solche Bildgestalt eine vollumfängliche Form Gottes (vgl dazu: unsere Praxis). Bei Tempelfesten, sogeannten Utsavams, wird die bewegliche Bildgestalt unter einem großen Schirm um den Tempel getragen.

Prozession um einen südindischen Tempel

Ein Europa begleiten Blaskapellen eine Prozession, in Indien zumeist Trompeten und Trommeln (hier ein Video einer wichtigen Prozession eines großen Tempels).

Sowohl in Indien wie auch in Europa gibt es die Tradition, den Prozessionsweg mit Flaggen, Blumen und anderem zu schmücken.

Heiligendes Wasser

Neben dem Eingang jeder katholischen Kirche gibt es ein Töpfchen mit Weihwasser. Der Gläubige ist aufgefordert, sich beim Betreten der Kirche zur Reinigung damit zu bekreuzigen. In bestimmten Messen sprenkelt der Priester zusätzlich noch Weihwasser über die versammelten Gläubigen.

In der Vorbereitung der Bildgestalten-Vereherung in Hinduismus (Puja) werden alle Gegenstände zur Reinigung mit Wasser besprenkelt. Teil der Verehrung ist i.d.R. ein Bad der Bildgestalten mit Wasser (manchmal auch Milch), was gesammelt und zur inneren Reinigung getrunken wird.

Räucherwerk

Weihrauch bei einer katholischen Messe, Quelle: Wikipedia
Verbrennen von Rächerwerk am Ganges, Quelle: Wikipedia

An wichtigen Feiertagen wird während einer katholischen Messe Weihrauch verbrannt.

Das Abbrennen von Räucherstäbchen oder Weihrauch ist fester Teil einer Puja.

Glocken

Katholische Kirchen haben stets Glocken, die vor und nach der Messe geläutet werden. Zusätzlich gibt es kleinere Glocken, die zusamen mit den Turmglocken bei der Wandlung, in der die Hostie zum Leib Christi wird, geläutet werden.

Bei Verehrungs-Ritualen im Hinduismus werden ebenfalls an wichtigen Stellen Glocken geläutet, des weiteren haben viele Tempel Glocken, die man beim Betreten läutet und große fest installierte Glocken, die geläutet werden, wenn den Bildgestalten im Tempel Essen geopfert wird.

Türme

Nordeuropäischen Kirchen haben für gewöhnlich alle die selbe grundlegende Strukur: im Westen ist der Eingang, im Osten ist der Altarraum. Hinduistische Tempel haben keine so festgefügte Struktur, es gibt aber eine andere bedeutsame Gemeinsamkeit: Neben dem Eingang ist zumeist auch der Turm einer Kirche im Westen. Hindu-Tempel haben ein sogenanntes Gopuram (Go = glückbringend, Puram = Stadt), ein großes Bauwerk auf dem viele glückbringende Götter (Devas) und Symbole zu sehen sind. Dieses Gopuram ist der höchste Turm eines Tempel und gleichzeitig meistens der Haupteingang (sehr große Tempel können aber mehrere Gopurams haben).

Gopuram von Śrīraṅgam, Haupttempel unserer Tradition. Quelle: Wikipedia

Himmlische Spezialisten

Meine Großmutter war eine strenggläubige Katholikin. Wenn sie etwas verloren hat, betete sie immer zum Heiligen Antonius (von Padua). Wenn alte Bauern gutes Wetter für die Ernte benötigten, beteten sie zu Johannes und Paulus („Wetterherren“). An alten Brücken in katholischen Gegenden steht zumeist eine Statue des Heiligen Nepumuk, der für Brücken und Fließgewässer zuständig ist. Und das sind nur einige der vielen „himmlischen Spezialisten“, zu denen Katholiken früher gebetet haben.

Nepumuk Statue an einer Brücke. Quelle: Wikipedia

Wenn ich das Hindus aus Indien erzähle, führt das i.d.R. zu ungläubigem Staunen. Sind die Christen nicht Monotheisten? Vielfach wird behauptet, dass Hindus Polytheisten sind, weil sie zu vielen „Göttern“ beten. Es gibt aber eine Art himmlicher Hierarchie, denn diese Götter sind wie bereits erwähnt Devas, also metaphyische Wesen, die für bestimmte Bereiche der Realität (wie z.B. Fließgewässer) zuständig sind, aber – je nach Unterströmung – Attribute / Aspekte / Modifikationen / Untergebene der höchsten Gottheit (Śrīman Nārāyaṇa) sind. Es gibt ein Deva für den Wind, ein Deva für das Feuer usw. Ganz so, wie die katholischen Heiligen für bestimmte Dinge zuständig sind!

Es mag Zufall sein, aber bei Nepumuk gibt es sogar eine Namensähnlichkeit zur Göttin der Flüsse und der Fruchtbarkeit, die er ersetzt hat: diese hieß Nerpus.

Die Muttergöttin

Wir Śrī Vaiṣṇavas verehren die göttliche Mutter Mahalakṣmī, die untrennbar mit dem Höchsten, Nārāyaṇa verbunden ist. Aus diesem Grund nennen wir ihn stets Śrīman Nārāyaṇa. Śrīman steht dabei für Mahalakṣmī. Sie ist die liebevolle Mittlerin (Mediatrix) zwischen ihm und den unzähligen bewussten Einheiten (Jīvāthmās, grob: Seelen).

Katholische Christen haben, wie bereits erwähnt, eine besondere Beziehung zu Heiligen. Unter ihnen wird die Gottesmutter Maria besonders geehrt, alleine in Deutschland gibt es 11 Wallfahrtsorte, an denen besondere Marienwunder geschehen sein sollen. In großen Kirchen gibt es oft besondere Marienaltäre, es gibt auch spezielle Marienkirchen, in denen der Fokus nahezu ausschließlich auf Maria gerichtet ist.

Marienaltar im Augsburger Dom

Nicht nur wir Hindus, auch die Lutheraner empfinden die Marienverehrung als kaschierte Verehrung der Muttergöttin. Weitere Evidenz, dass die Marienverehrung in der Tat die Verehrung der Muttergöttin ersetzt hat, lässt sich an der Rolle von Maria im Katholizismus finden. Hier die zweite Strophe des Ave Maria, dem wichtigsten Mariengebet, auf Latein – der Sprache, in der die alten Gebete ursprünglich verfasst wurden:

Sancta Maria, Mater Dei,
ora pro nobis peccatoribus
nunc et in hora mortis nostrae.

Interessant ist hierbei die zweite Zeile: ora pro nobis peccatoribus. „Ora“ (das Verb ist orare) heißt sprechen oder beten. „pro“ bedeutet für und „nobis peccatoribus“ bedeutet „uns Sünder“

Die Katholiken bitte also Maria, für sie zu sprechen / zu beten. Auch wenn Maria als Mediatrix natürlich in den theologischen Lehrbüchern nicht zu finden sein wird, legt „ora“ dem Gläubigen doch nahe, seinen Glauben in die göttliche Mutter als Mediatrix in Maria hinein zu projezieren.

Fazit

Wir haben somit vielen Parallenen zwischen „typisch katholischen“ Praktiken und Praktiken aus dem Hinduismus gesehen. Nimmt man lokale Traditionen und Gebräuche mit ins Bild, ließen sich wahrscheinlich noch Dutzende weitere finden. Die Anzahl der Gemeinsamkeiten und die versteckte Gegenwart zweier sehr bedeutender Elemente des Hinduismus (Anrufung von Devas für bestimmte Aufgaben und Verehrung der göttlichen Mutter bzw Muttergöttin) im Katholizismus schließen aus meiner Sicht den Zufall als Grund für die Ähnlichkeiten aus.

Wenn wir aus dem Westen uns also dem Hinduismus, den wir Hindus Sanātana Dharma, die ewigen natürliche Ordnung nennen, zuwenden, so ist dies auch eine Zuwendung zu unseren eigenen Wurzeln. Die spirituelle Kultur Indiens ist, trotz diverser Veränderungen und Verwerfungen, Teil eine Kontinuums, das mindestens bis in die Bronzezeit zurück geht. Unsere Wurzeln in den Tiefen der Zeit sind vor 1100-1200 Jahren durchtrennt worden.

Seit dieser Zeit gab es Erbestattungen (vorher wurden die Toten wie in Indien verbrannt, der Beginn von Erdbestattungen ist für Archäologen ein wichtiger Marker für die Christianisierung) und Menschen mit übernatürlichen Fähigkeiten wie auch Erscheinungen von Wesenheiten in der Natur wurden nun den Kräften des Teufels zugeschrieben. Die alten Heiligtümer wurden überbaut oder ignoriert und – wie bei den meisten Hünengräbern – zum Beginn der Neuzeit als Quelle für Baumaterial verwendet. Diese Abspaltung unserer Vergangenheit wirkt bis heute auf subtile Weise nach.

Die Enge des mittelalterlichen Christentums und dessen Antithese, die Neuzeit mit all ihren Segungen und Irrungen, haben uns zusammen denkbar weit von der Welt unserer Vorfahren entfernt. Auch wenn die Weisheit der alten Schamanen, Druiden und Seher für immer verloren ist, hat doch die unendliche Güte des universalen Bewusstseins, das die Wurzel aller Realität ist (Śrīman Nārāyaṇas) eine weiterentwickelte und verfeinerte Form ihrer Weiheit auf dem indischen Subkontinent bewahrt.

Jeder muss natürlich für sich selbst entscheiden, ob er auf seiner Reise zu den eigenen Wurzeln Philosophie und Praktiken aus dem Hinduismus nur als Inspirationsquelle nutzen will oder – wie ich – durch Einweihung in ein bestimmte Lehrer-Schüler Tradition ein „richtiger“ Hindu wird. Auf jeden Fall sollte aber jeder, der hier lebt und nach Wurzeln und tiefer Weisheit sucht, beides, die Spuren der alten Religion unserer Vorfahren und ihrer lebenden Verwandten aus Indien, genau studieren – nur dann haben wir eine realistische Chance, auf dieser Suche erfolgreich sein.

Adiyēn Mādhava Rāmānuja Dāsan
Geschrieben von Mādhava, Diener Rāmānujas