Über Rāmānuja

Śrīḥ
Śrīmathē śatakōpāya namaḥ
Śrīmathē rāmānujāya namaḥ
Śrīmath varavaramunayē namaḥ
Śrī vānāchala mahāmunayē namaḥ

Rāmānuja (Rāmānujāchārya) ist ein zentraler Āchārya (Lehrer) in unserer Tradition. Er wurde im Jahr 1017 unserer Zeitrechnung Sriperumbudur, einer Stadt in der Nähe von Chennai (früher Madras) in Südindien geboren. Er war gleichzeitig ein erstklassiger Theologe und Philosoph, der die intellektuelle Landschaft seiner Zeit dominierte, ein bescheidener Diener Gottes und ein hingegebener Diener seiner spirituellen Brüder und Schwestern, letztlich aller Menschen.

Rāmānuja bekämpfte Auswüchse des Kastensystems, in dem er alle Kasten und sozialen Gruppen als Tempelbesucher zuließ und bereit war, jeden als seinen Schüler zu akzeptieren, der ernsthaft danach strebte – wohlgemerkt vor mehr als 950 Jahren. Er begründete einen starken Sinn von gegenseitigem Respekt und Hilfe unter seinen Anhängern, der alle Grenzen der Gesellschaft überschreitet und bis zum heutigen Tage sehr lebendig ist.

Ramanuja
Statue von Rāmānuja im Tempel in Sriperumbudur

Rāmānuja korrigierte Fehlinterpretationen der vedischen Literatur und zeigte, dass jeder Buchstaben der Veden authentisch und maßgeblich ist, so dass es keine Notwendigkeit gibt, zusätzliche Bedeutungen in die Verse hineinzulesen, um scheinbare Widersprüche aufzulösen. Dies war zur Zeit Rāmānujas üblich. Der Philosoph Shankara (Śankarāchārya), der etwa 150 Jahre vor Rāmānuja lebte, hatte die Veden in relevante und weniger relevante Teile unterteilt und dies mit komplexen grammatikalischen Argumenten begründete, die von den Gelehrten vor Rāmānuja aber durchaus akzeptiert wurden.

Die Korrektur wurde durch Rāmānujas Verfeinerung und Systematisierung der Vishishtadvaita Philosophie ermöglicht, die in diesem Artikel erklärt wird. Unsere Tradition und die akademische Forschung stimmen überein, dass Vishishtadvaita schon lange vor Rāmānuja existierte, aber in einer weniger systematischen Form.

Vishishtadvaita bringt auf perfekte Weise die Zeugnisse eines impersonal-monistischen Gottes mit denen eines personal-dualistischen Gottes, beide sind in den Veden zu finden, in Einklang

Trotz seiner großen Verdienste ist Rāmānuja in der westlichen Öffentlichkeit und auch unter spirituellen Menschen im Westen kaum bekannt. Dies steht in krassem Gegensatz zum Interesse der indologischen Forschung. Unter anderem hat die österreichische Akademie der Wissenschaften eine Serie von sieben akademischen Büchern veröffentlicht, die sich mit Rāmānuja und seiner Tradition beschäftigen.

Die akademische Forschung hat klar herausgearbeitet, dass Rāmānujas philosophische / theologische Arbeiten (in Indien kann man und darf man beide Bereiche nicht voneinander trennen) von höchster intellektueller Qualität sind und über Jahrhunderte in den Debatten indischer Gelehrter eine wichtige Grundlage bildeten. Rāmānujas Arbeit ist in der indischen Geistesgeschichte ein Wendepunkt, ähnlich wie Kants Arbeit dies in der europäischen Geistesgeschichte ist. Er legte das intellektuelle Fundament für die sogenannten Bhakti Bewegung, die eine sehr persönliche, intime und relativ informelle Beziehung zu Gott propagierte. Allerdings sehen wir Śrī Vaiṣṇavas uns nicht in erster Line als Bhaktas (Menschen die Bhakti praktizieren), obwohl wir direkte Nachfolger von Rāmānuja sind.

Die Bhakti Bewegung ist ein Faktor, der den modernen Hinduismus wesentlich formte und damit letztlich das Gesicht des heutigen Indiens maßgeblich bestimmt. Die Bewegung hat sich über die Jahrhunderte in dutzende Äste und Gruppen verzweigt. Die Hare Krishna Bewegung ist viellicht die bekannteste Bhakti Gruppe außerhalb Indiens.

Im Gegensatz zu europäischen Philosophen war Rāmānuja jedoch ein Āchārya, d.h. ein Lehrer, der das, was er lehrte selbst mit höchstem Anspruch vorlebte. Denn während es in unserem Kulturkreis durchaus denkbar ist, dass jemand Vorlesungen über Ethik hält und gleichzeitig seine Frau betrügt, wäre so etwas für einen Āchārya undenkbar.

Somit ist Rāmānuja eine Verkörperung von Perfektion, jemand der nicht nur in seinem Intellekt, sondern auch in allen Aspekten seines Verhaltens perfektioniert war. In der heutigen Zeit, wo so viele Menschen spirituell auf der Suche sind und leider so oft mit spirituellem Junkfood oder kaum verdaulichen Brocken abgefüttert, vielleicht sogar betrogen, ausgenutzt oder hinters Licht geführt werden, stellt die Tradition Rāmānujas einen Leuchtturm im Nebel von Kommerz und Verwirrung dar. Rāmānuja und seine Nachfolger betreiben Philosophie und Theologie auf dem höchsten Niveau, gleichzeitig lehren sie Praxis, sowohl spirituell als auch im sozialen Miteinander. Sie sind bereit, jedem, der ernsthaft danach strebt, in die Nachfolge von Rāmānuja einzutreten, Schätze des Wissens und der Praxis zu geben.