Śrīranga Gadyam

Śrīḥ
Śrīmathē śatakōpāya namaḥ
Śrīmathē rāmānujāya namaḥ
Śrīmath varavaramunayē namaḥ
Śrī vānāchala mahāmunayē namaḥ

Es ist wohl kaum möglich die Bedeutung, die der große Āchārya Rāmānuja für unsere Tradition hat, zu überschätzen. Daher ist es umso bemerkenswerter, dass seine Texte im Allgemeinen nicht die Schwerpunkte der Lese- und Rezitationspraxis der meisten Śrī Vaiṣṇavas sind. Das liegt daran, dass unter den neun Texten, die Rāmānuja uns hinterlassen hat, fünf anspruchsvolle philosophische Schriften sind:

  • Vedārtha Saṅgrahaḥ, dies bedeutet „Zusammenfassung der Bedeutung der Veden“. Dieser Text ist vermutlich der erste Text, den Rāmānuja veröffentlicht hat – er beschreibt die philophische Position unserer Tradition in Abgrenzung zur Advaita Philosophie und anderen Denkschulen, siehe dazu auch unsere Philosophie. Eine englische Zusammenfassung ist hier verfügbar.
  • Śrī Bhāshya, der Kommentar unserer Traditon zum Brahma Sūtra, einem kryptischen, aber von allen Hindu-Linien als authoritativ angesehenen Text, der scheinbare Widersprüche zwischen den verschiedenen vedischen Texten auflöst.
  • Bhagavad Gītā Bhāshya, ein Kommentar zur Bhagavad Gītā. Rāmānuja hat hier allem Anschein nach die Denklinien, die sein Guru Yamunāchārya in seiner Zusammenfassung der Gītā, dem Gītārtha Saṅgrahaḥ angelegt hat, aufgenommen und erweitert. Eine englische Übersetzung ist unter githa.koyil.org verfügbar.
  • Vedāntadipa, eine kurze Zusammenfassung des Śrī Bhāshya.
  • Vedāntasāra, eine etwas ausführlichere Zusammenfassung des Śrī Bhāshya.

Diese Texte sind alle mehr oder weniger schwere Kost für Leser, die sich nicht schon lange mit Vedanta beschäftigen und sich in den Vedischen Texten gut auskennen. Aus diesem Grund gibt es Kommentare / weitergehende Erläuterungen dieser Texte, die sie „normalen“ Lesern erst verständlich machen, aber die Texte auf hunderte Seiten dichter Philosophie und Logik ausdehnen. Dies macht die nicht-wissenschaftlichen Texte von Rāmānuja, die drei Gadyams, für uns so wertvoll. Ein Gadyam ist Text, der keine Reime nutzt, aber trotzdem eine harmonische und melodische Sprache hat. Die Gadyams sind verhältnismäßig kurz und einfach, vermitteln aber trotzdem tiefe Einblicke in das Denken und die spirituelle Stimmung von Rāmānuja. Die Namen der Gadyams sind wie folgt:

  • Saranāgati Gadyam
  • Śrīranga Gadyam
  • Śrīvaikunta Gadyam

Das Śrīranga Gadyam ist unter diesen drei Texten der kürzeste und befasst sich mit der Verehrung von Śrī Raṅganatha – also dieselbe Bildgestalt, die auch im Thirumālai und im Amalanādhipirān besungen wurde.

Hier eine sehr schöne Rezitation des Śrīranga Gadyams:

Thanian

chidhachithparathathvānāṃ tattvayāthāthmyavedine |
rāmānujāya munaye namo mama garīyase
||

Er, der die wahre Natur der drei Tattvas, der bewussten und der unbewussten Einheiten (Chit / Achit) und der höchsten Einheit (Param, Śrīman Nārāyaṇa) kennt, Rāmānuja, der Weise (Muni), der große Lehrer, ich verbeuge mich vor Ihm.

Abschnitt (Chūrnai) 1

svādhīna thrividha chethnā chethanasvarupa sthithi pravṛtti bhedhaṃ,
kleśa karmādhyaśeṣa doshāsamspṛṣṭaṃ,
svābhāvikānavadhikāthiśaya jñānabalaiśvarya vīrya
śakti tejas sauśeelya vāthsalya mārdhavārjava
sauhārda sāmya kāruṇya mādhurya gāmbhīryaudhārya
chāthurya sthairya dhairya śaurya parākrama
sathyakāma sathyasankalpa kṛtitva kruthajñādyasankhyeya
kalyāṇa guṇagaṇougha mahārṇavaṃ,
parabrahmabhutham,
puruṣottamam,
śrīranga śāyinam,
asmatsvāminam,
prabuddha nithya niyāmya nithya dāsyaikarasātma svabhāvo’haṃ,
thadhekānubhavaḥ thadhekapriyaḥ,
paripurṇam bhagavantham viśadhathamānubhavena nirantharamanubhuya, thadhanubhava janitha anavadhikāthiśaya prīthikāritha
aśeshavasthochitha aśesha śeshathaikarathirupa nithya kinkaro bhavāni ||

Zeile für Zeile

svādhīna thrividha chethnā chethanasvarupa sthithi pravṛtti bhedhaṃ

Du selbst kontrollierst die drei Arten der bewussten Wesen (baddha, mukta und nitya Āthmās, also gebundene, befreite und ewig freie Āthmās), ihre grundlegende Natur, ihre Aktiväten, Erhaltung und ihre Unterschiede.

kleśa karmādhyaśeṣa doshāsamspṛṣṭaṃ,

Leid, vergangene Taten und all das, es lässt keine Spur, all die Fehler, sie berühren ihn (der als Überseele im Innersten des Āthmā weilt) nicht.

svābhāvikānavadhikāthiśaya jñānabalaiśvarya vīrya
śakti tejas

Deine Natur ist grenzenlos, wundersam und erhaben, sie ist Kraft, Herrschaft, Tapferkeit, Energie und Macht.

sauśīlya vāthsalya mārdhavārjava
sauhārda sāmya kāruṇya mādhurya gāmbhīryaudhārya

chāthurya sthairya

Sie ist Einfachheit (die Natur von Nārāyaṇa ist es, keinen Unterschied zwischen ihm und anderen zu sehen), Verzeihen (vāthsalyaer trägt seinen Anhängen ihre Fehler nicht nach, sondern entfernt sie), Weichheit (obwohl seine Macht grenzenlos ist, zwingt er seine Anhänger nicht, bei ihm zu bleiben. Verlassen sie ihn, ist er betrübt – er nutzt seine Macht nicht, um sie zum Bleiben zu zwingen), Ehrlichkeit, gute Wünsche für alle, er bevorzugt niemanden wegen seiner Herkunft oder seinen Handlungen, Fülle an Mitleid, Eleganz, voller Tiefe, Wunscherfüller, voller Vergebung, der Beständige (wenn er einmal den Beschluss gefasst hat, einen seiner Anhänger zu schützen, kann ihn nichts davon wieder abbringen).

dhairya śaurya parākrama

Sie (deine Natur) ist Wagemut, Heldenmut und die Fähigkeit zu Führen,

sathyakāma sathyasankalpa kṛtitva kruthajñādyā

(Für Deine Anhänger bis Du) die wahre Sehnsucht und der wahre Geistesfokus,

asankhyeya kalyāṇa guṇagaṇougha mahārṇavaṃ,

unzählbare glückbringende Eigenschaften, ganze Bündel solcher Eigenschaften, Wellen und Fluten von ihnen, ein ganzer Ozean.

parabrahmabhutham,

Du bist das höchste, das absolute Wesen,

puruṣottamam,

Du bist der Herr der Purushas (gebundene Āthmās, befreite Āthmās, ewig freie Āthmās, siehe oben).

śrīranga śāyinam,

Der, der in Śrī Rangam für alle sichtbar ist (anstatt unnahbar im Transzendentalen zu weilen)

asmatvāminam

Mein Herr.

prabuddha nithya niyāmya nithya dāsyaikarasātma svabhāvo’haṃ,

Mein Wissen ist groß, denn ich weiß, dass der Herr mich für immer kontrolliert, – doch sein Dienst ist süß, denn es ist die Natur unserer Selbst.

thadhekānubhavaḥ thadhekapriyaḥ

Die eine Erfahrung, die eine Höchste (nur die Erfahrung des Herrn ist wirklich relevant),

paripurṇam bhagavantham viśadhathamānubhavena nirantharamanubhuya,

Den Herrn in seiner Fülle, in großer Klarheit und ohne Hürden, so wurde er erlebt.

thadhanubhava janitha anavadhikāthiśaya prīthikāritha
aśeshavasthochitha aśesha śeshathaikarathirupa nithya kinkaro bhavāni

Geboren aus dieser Erfahrung, grenzenlos, erhaben, ganz und gar und hervorgebracht durch Liebe, mache mich zu Deinem Diener, erfüllt von Liebe, und im rechten Zustand, der rückhaltlos zu Deinen Diensten ist.

Śrīman Nārāyaṇa mit Mahālakshmī, aus dem Nabel Nārāyaṇas entspringt der Demiure Brahma

Abschnitt (Churnai) 2

svāthma nithya niyāmya nithya dhāsyaikarasa – āthma
svabhāvānusandhāna pūrvaka
bhagavadhanavadhikāthiśaya
svāmyādhyakila guṇagaṇānubhavajanitha
anavadhikāthiśaya
prīthikāritha – aśeshāvasthochitha
aśeshaśeshathaikarathirūpa
nithya kainkarya prāpthyupāya bhūtha bhakthi
thadhupāya samyak gyāna,
sthadhupāya
amīchīnakriyā, thadhanuguṇa sāthvika – dhāsthikyādhi samasthāthma guṇavihīna:

dhuruththarānantha thadh viparyaya gyāna kriyānuguṇa – anādhi pāpavāsanā mahārṇavānthar nimagna:

thilathailavath dhāruvahnivath dhurvivecha
thriguṇa kshaṇaksharaṇa svabhāva
achethana prakruthi vyāpthi rūpa
dhurathyaya
bhagavanmāyā thirohitha svaprākaśa:

anādhyavidhyā sanchitha – ananthāśakya
visramsana karmapāśa pragrathitha:

anāgathānanthakāla samīkshayāpi adhrushta santhāropāya:

nikhila janthu jātha śaraṇya!
śrīman! nārāyaṇa!
thava charaṇāravindha yugalam śaraṇamaham prapadhye ||

Zeile für Zeile

svāthma nithya niyāmya nithya dhāsyaikarasa – āthma
svabhāvānusandhāna pūrvaka
bhagavadhanavadhikāthiśaya
svāmyādhyakila guṇagaṇānubhavajanitha
anavadhikāthiśaya
prīthikāritha – aśeshāvasthochitha
aśeshaśeshathaikarathirūpa
nithya kainkarya

Der erste Abschnitt ist laut unseren Āchāryas eine Wiederholung des ersten Churnais. Rāmānuja wiederholt noch einmal, dass er der Diener des Herren ist und dies seine Natur ist. Er wiederholt auch in kurzer Form noch einmal die Attribute des Herren, die oben bereits ausführlich beschrieben wurden. Die lebendige Erfahrung dieser Attribute erweckt in ihm das Verlangen nach ununterbrochenenen, liebevollen Dienst am Herren:

nithya kainkarya prāpthyupāya bhūtha bhakthi

Der ewigen Dienst, er wird erreicht durch reine Hingabe.

thadhupāya samyak gyāna,

Diese Hingabe wird erreicht durch wohlgeformtes Wissen.

sthadhupāya amīchīnakriyā,

Dieses wird durch richtiges Handeln erworben.

thadhanuguṇa sāthvika – dhāsthikyādhi samasthāthma guṇavihīna:

Doch die guten Eigenschaften hierfür, Sattva (Reinheit / Klarheit, Ausgeglichenheit) und der feste Glaube an den Herrn, ich habe sie nicht.

dhuruththarānantha thadh viparyaya gyāna kriyānuguṇa – anādhi pāpavāsanā mahārṇavānthar nimagna:

Anstatt der Weisheit und der guten Taten, die für Bhakti und die Erfahrung der wunderbaren Qualitäten des Herrn nötig sind, habe ich das falsche Wissen und und tue falschen Taten, im großen Ozean (von Samsara, dem Kreislauf aus Tod und Wiedergeburt) bin ich versunken.

thilathailavath dhāruvahnivath dhurvivecha

So wie das Öl nicht vom Sesam und das Feuer nicht vom Dhāru (einer bestimmten Holzart) getrennt werden kann…

thriguṇa kshaṇaksharaṇa svabhāva

… so sind es die drei Guṇas im Moment des Wechsels (wenn das Āthma wieder einen physischen Körper annimmt).

achethana prakruthi vyāpthi rūpa

Unbewusste Materie, überall verteilt (das Āthma ist mit ihr verbunden, so lange es in Samsāra weilt).

dhurathyaya bhagavanmāyā thirohitha svaprākaśa:

Dieser Schleier des Herrn, er versteckt das, was aus sich leuchtet.

anādhyavidhyā sanchitha – ananthāśakya
visramsana karmapāśa pragrathitha:

Anfangsloses Unwissen, das endlose Büdel des angesammelten Karmas, ich bin unfähig dieses Seil zu lösen, das mich am Boden hält.

anāgathānanthakāla samīkshayāpi adhrushta santhāropāya:

Auch in endloser Zukunft, auch bei genauster Betrachtung, ich sehe keinen Pfad es (Samsāra, den Kreislauf aus Tod und Wiedergeburt) zu überschreiten.

nikhila janthu jātha śaraṇya!

Doch alle Wesen, die geboren wurden, haben Zuflucht!

śrīman! nārāyaṇa!

Śrīman Nārāyaṇa

thava charaṇāravindha yugalam śaraṇamaham prapadhye ||

Deinen Lotusfüßen ergebe ich mich, sie sind mein Halt.
(Diese Haltung ist Aufgabe, Prapatti – siehe dazu auch den Artikel „Unsere Philosphie„)

Śrīman Nārāyanạ

Abschnitt (Churnai) 3

evam avasthithsayāpi arthithva māthreṇa
parama kāruṇiko bhagavān svānubhava prīthyā upanītha – aikānthikāthyanthika nithya kainkaryaikarathirūpa nithyadhāsyam dhāsyathīthi
viṣvāsa pūrvakam bhagavantham nithya kinkarathām prārthaye ||

evam avasthithsayāpi arthithva māthreṇa

Zeile für Zeile

Wer dies tut (auch ohne die philosophischen Hintergründe zu verstehen) und nur betet (weil er noch nicht in der Lage ist, dem Herren zu dienen)

parama kāruṇiko bhagavān

Der Herr, mit großer Gnade (sieht er auf die Wesen)

svānubhava prīthyā upanītha – aikānthikāthyanthika
nithya kainkaryaikarathirūpa

Selbst erfahren und eingeweiht in die Liebe, in was ein Anfang, aber kein Ende hat, den ewigen Dienst an der Form, der mein Herz gehört.

nithyadhāsyam dhāsyathīthi

Gib uns ewigen Dienst.

viṣvāsa pūrvakam

Fester Glaube ist die Vorrraussetzung.

bhagavantham nithya kinkarathām prārthaye

Betet für den ewigen Dienst am Herren.

Abschnitt (Churnai) 4 und 5

thavānubhūthi sambhūtha prīthikāritha dhāsathām!
dhehi me krupayā nātha! na jāne gathimanyathā ||

sarvāvasthochithāśesha śeshathaikarathis thava |
bhaveyam puṇdarīkāksha! thvamevaivam kurushva mām ||

Zeile für Zeile

thavānubhūthi sambhūtha prīthikāritha dhāsathām!

Gib uns die Erfahrung Deiner, sie fußt auf Liebe, sie wird durch den Dienst hervorgerufen.

dhehi me krupayā nātha! na jāne gathimanyathā ||

Bitte, sei mein Herr, ich weiß keinen anderen Weg.

sarvāvasthochithāśesha śeshathaikarathis thava |

Wecke das Verlangen Dir zu Dienen, restlos, in jeder Situation.

bhaveyam puṇdarīkāksha! thvamevaivam kurushva mām ||

Deine Augen sind Lotus, lasse es geschehen, tu nur das für mich.

Abschnitt (Churnai) 6

evambhūtha thathvayāthāthmyāvabhodha thadhichchārahithasyāpi ethadhuchchāraṇa māthrāvalambanena uchyamānārtha paramārtha
nishtam me mana: thvameva adhyaiyva kāraya ||

Zeile für Zeile

evambhūtha thathvayāthāthmyāvabhodha thadhichchārahithasyāpi

So ist das Wesen, die Wahrheit, die wahre Natur, die Erkenntnis, doch ohne Verlagen.

ethadhuchchāraṇa māthrāvalambanena uchyamānārtha paramārtha
nishtam me mana:

Ich spreche diese Verse, der Geist sollte in die ihre tiefe Bedeutung versenkt werden.

thvameva adhyaiyva kāraya ||

Nur Du kannst das in diesem Moment.

Abschnitt (Churnai) 7 – Abschluss

apāra karuṇāmbudhe! anālochitha viśesha – aśesha lokaśaraṇya! praṇathārthihara! āśritha vāthsalyaika mahodhadhe! anavaratha vidhitha nikhila bhūthajātha yāthāthmya!

Er ist ein Ozean der Gnade, ohne Grenzen. Er unterscheidet nicht, den Menschen Zuflucht, ohne etwas zurück zu lassen.
Er entfernt die Trübsal seiner Anhänger, seine Zuneigung für die, die von ihm abhängen, ist groß wie der Ozean.

sathyakāma!
sathyasankalpa!
āpathsaka!
kākuthstha!
śrīman nārāyaṇa!
purushoththama!

śrīranganātha! mamanātha! namosthu the ||

Mein wahres Verlangen!
Mein wahrer Geistesfokus!
Mein Freund in Gefahr!
Nachkomme von Kākuthstha (ein Name von Rāma)!
Śrīman – der Ehemann von Śrī, Nārāyaṇa
Höchstes aller Wesen
Herr von Śrīrangam! Mein Herr! Ich verneige mich vor Dir!

Adiyēn Mādhava Rāmānuja Dāsan
Übersetzung Englisch – Deutsch
Adiyēn Krishna Rāmānuja Dāsan
Übersetzung auf Englisch