Amalanādhipirān

Einführung

Das Amalanādhipirān wurde vom Heiligen Thiruppānāḻvār verfasst. Thiruppānāḻvār gehörte zu den sogeannten Pāṇars, einer Linie von Musikern, die nicht zu den vier Kasten gehörten, aber wegen ihrer musikalischen Fähigkeiten wohl doch eine gewisse Achtung genossen.

Beim Thema Kaste gibt es viele Missverständnisse. Unser verehrter Gottbruder Venkatesh Rāmānuja Dāsan aus den USA hat in diesem englischen Artikel die Hintergründe des Konzepts Kaste beleuchtet und damit Missverständnisse aus dem Weg geräumt.

Unser Bild im Westen ist geprägt von dem Eindruck, dass Mitglieder unteren Kasten von den oberen Kasten underdrückt und ausgebeutet werden. Auch wenn dies zumindest teilweise zutrifft, gibt es doch auch eine zweite, im Westen kaum beachtete Seite des Kastensystems. Jemand mag zwar als Kind von Brahmanen (der höchsten Kaste) geboren worden sein, aber nur die Ausbildung in der Rezitation der Veden und die Befolgung der vorgeschriebenen Riten und Vorschriften macht ihn auch zum Brahmanen. Ein Inder, den man in einer Bar in Delhi mit einem Glas Whiskey antrifft, ist somit kein Brahmane, egal was er behautet und was seine Eltern waren – denn der Genuss von Alkohol ist für Brahmanen strikt untersagt. Falls seine Eltern Brahmanen waren, ist er nur noch Verwandter von Brahmanen – aber er ist selbst nicht mehr qualifiziert, die rituellen Tätigkeiten eines Brahmanen auszuführen. Es gibt nämlich eine Symmetrie: je höher der Status im Kastensystem, umso mehr Pflichten und Regeln. Eine Verletzung dieser Plichten lässt ihn – zumindest in orthodoxer Lesart – auf den selben Status wie einen Śūdrā (Mitglied der untersten Kaste, nicht autorisiert die Veden zu rezitieren) fallen.

Wenn also der oben genannte Inder sich von Nicht-Brahmanen fern hält und auf sie herab schaut, muss man ihm vorwerfen, mit zweierei Maß zu messen. Er kann sich erst dann auf die Regeln um Umgang mit Brahmanen berufen, wenn er die Regeln selbst auch befolgt. Denn: Höherer Status bedeutet immer auch mehr Pflichten und einen strengeren Maßstab für das Handeln einer Person.

Unsere Āchāryas haben daher immer wieder hervorgehoben, dass die Geburt in einer niederigen Kasten oder sogar außerhalb des Kastensystems (wie für uns Westler) eine große Gnade ist. Während Menschen höherer Kasten diverse Pflichten haben, sind wir Kastenlosen frei, wir haben keine religösen Pflichten und können doch genau die selbe Befreiung erlangen wie jemand aus der höchten Kaste. Wir können unser Zeit frei zur Verehrung des Herrn einsetzen, ganz so wie Thiruppānāḻvār es getan hat.

In einem wunderschönen tamilischen Film über das Leben von Rāmānuja wird die entscheidene Szene aus dem Leben des Āḻvārs dargestellt (ab Minute 7:30):

Eines Tages war Āḻvār wie so oft versunken in Lieder an Viṣṇu und versperrte dabei einem Brahmanen names Lokasārangamunivar, der gerade Wasser für Riten im Śrīraṅgam Tempel holen wollte, den Weg. Aufgrund der strikten Reinheitsvorschriften fühlte der Brahmane sich nicht in der Lage, den Āḻvār zu berühren oder eng an ihm vorbei gehen. So warf er einen Stein und verletzte den Āḻvār am Kopf. Der Āḻvār erwachte aus seiner Extase, bat den Brahmanen um Vergebung und machte ihm den Weg frei. Doch Lokasārangamunivar begann (manche sagen im Traum, andere tätsächlich), das Augenlicht zu verlieren und fand die Tempeltüren fest verschlossen vor – denn er hatte einen erhabenen Verehrer des Herrn verletzt. Erst als er die Reinheitsvorschriften ignorierte und den Āḻvār umarmte und um Vergebung bat, erhielt er sein Augenlicht wieder.

Es wird erzählt, dass Lokasārangamunivar im Traum von Ranganātha, der großen Haupt-Bildgestalt in Śrīraṅgam, dazu aufgefordert wurde, den Āḻvār zu ihm, d.h. zu Ranganātha zu tragen. Man muss dazu wissen, dass vor Rāmānuja den Kastenlosen der Zutritt zu den Tempeln i.d.R. verboten war, da man fürchtete, dass ihre bloße Berührung den Tempel verunreinigen würde. Aus diesem Grund trug er den Āḻvār zu Ranganātha und es wird erzählt, dass dieser das Amalanādhipirān bei dieser allerersten Begegnung mit Ranganātha gedichtet hat.

Es ist in seinen Versen sehr schön zu sehen, dass Thiruppānāḻvār trotz seines geringen gesellschaftlichen Status in vielen Texten bewandert war. Wir finden stets eine Zweiteilung: zunächst rühmt der Āḻvār Inkarnationen oder Taten des Herren, doch sein Fokus geht immer wieder zurück auf die Form von Ranganātha, der vor ihm liegt. Die Bedeutungen dieses Wechselspiels aus einer eher formalen und einer intimen Stimmung des Āḻvār lassen sich auf vielfältige Weise entfalten und unsere Āchāryas, beginnend mit Manavāḷa Māmunigaḷ (einem bedeutenden Āchārya, siehe unsere Tradition) haben diesen Text immer wieder unterrichtet und kommentiert.

Da die tiefen esoterischen Bedeutungen für Einsteiger größteils unverständlich sind, beschränken wir uns hier auf eine Übersetzung mit einigen wenigen Erläuterungen.

Würdigungsverse (Thaniyans)

Ich verehre Thiruppānāḻvār, der Periya Perumāl (Ranganātha) voller Wonne von seinen heiligen Füßen bis zu seiner Krone genoss. Zu ihm wurde er von Lokasārangamunivar gebracht und er schwor, nur noch Periya Perumāl zu schauen.

Lasst uns Thiruppānāḻvār feiern, der, von Lokasārangamunivar gebracht, allein das Sanndihi (dem heiligsten Bereich des Tempels, in dem die Bildgestalt residiert) betrat, der die heiligen Füße, den heiligen Nabel, den unvergleichlichen heiligen Bauch, die heilige Brust, den heiligen Hals, den heiligen, rötlichen Mund und die heiligen Augen, die frisch erblühten Lotus gleichen – die ganze heilige Form des Herren – und für den der Lobpreis des Herrn der ganze Sinn seines Lebens war.

Śrī Ranganātha – Periya Perumāl

Vers 1

Oh Herr, Du ruhst in Śrīraṅgam, umgeben von hohen, schützenden Mauern.
Du bist unvergleichlich rein, doch von mir erwartest Du nichts.
Du hast die Kraft und Reinheit, mich nicht nur zu Deinem Diener zu machen, sondern auch zum Diener Deiner Anhänger.
Stets residierst Du in Thiruvenkata Hügeln (der Umgebung des Thirumala Venkateshvara Tempels in Thirupati, neben Śrīraṅgam der zweite wichtige Tempel unserer Tradition), umgeben von duftenden Gärten.
Deine Kraft und Reinheit ziehen Deine Anhänger an,
Deine Kraft und Reinheit vergibt ihre Vergehen.
Du herrscht über Vaikuntha (Achtung, der deutsche Wikipedia Artikel dazu ist fehlerhaft), Ort des ewigen Dienstes an Dir.
Oh, welch Wunder! Deine heiligen Füße haben meine Augen von selbst betreten!

Vers 2

Als der Herr voller Freude als Trivikrama die Welt umschritt, stieß seine Krone an die Grenze des Universums.
Śrī Rāmā, der die feindseligen Dämonen mit seinen scharfe Pfeilen zerstörte, residiert als Ranganātha in Śrīraṅgam, das von duftenden Gärten umgeben ist.
Meine Gedanken ruhen auf den erhabenen Gewändern, die um seine heilige Hüfte geschlungen sind.

Vers 3

Der Herr steht in den Thiruvenkata Hügeln, im Norden des Tamil-Landes, wo die Affen springen und spielen und wo die Nityasūris kommen und ihn als Śrīnivāsa (ein andere Name für Venkateshvara) verehren.
Er ruht auch auf dem weichen Bett der Ādiśeṣa in Śrīraṅgam. (Dieser Punkt ilustriert sehr schön einen Aspekt der Theologie der Śrī Vaiṣṇavas, nämlich dass zwischen den Formen Gottes in den verschiedenen Tempeln und auch den Avataren kein Unterschied gemacht wird. Śrīnivāsa und Ranganātha sind ein und der selbe, aber in verschiedenen Formen.)
Ruht mein Āthmā (grob: Seele, Kern des Bewusstseins), das in meinem Herzen wohnt, nicht auf seinen Gewändern, die rot sind wie der Abendhimmel, und auf seinem Nabel über den Gewändern, er, der noch schöner dadurch ist, dass ihm Brahmā entsprang?

Der letzte Punkt erklärt sich aus der Beschreibung des höchsten Herrn Nārāyana:

Nārāyana auf Ādiśeṣa, aus seinem Nabel kommt der Demiurge Brahmā, Lakṣmī massiert ihm die Füße

Brahmā ist der Schöpfer des Universums (es gibt viele Universen und viele Brahmās). Die obige Darstellung ist – wie praktisch alle Darstellungen im Hinduismus – zutiefst symbolisch. Die Dekodierung der vielen Symbole ist äußerst komplex und vielschichtig, wir unterlassen daher hier jegliche Versuche, dieses Bild zu erklären.

Vers 4

Der Herr ruht als Ranganātha in Śrīraṅgam, wo das Summen der Bienen wie Musik ist und die Pfauen tanzen.
Trotz der vier Mauern, die ihn schützen sollten, fegte dieser Herr Rāvaṇa, den Herrn von Lanka, vom Schlachtfeld. Der Herr, der die Farbe des Ozeans hat, trennte die zehn Köpfe Rāvaṇas vom Rumpf mit grausamen Pfeilen.
Das Band, dass den göttlichen die Bauch des Herren ziert, oh es ist fest in meinem Geist und durchströmt ihn.

Vers 5

Der Herr zerschnitt meine Verbindung zu den Vergehen, die auf mir lasten seit uralter Zeit.
Meine Hingabe zu ihm entzündete er und nicht genug, er betrat mein Herz.
Welch Bußen habe ich wohl auf mich genommen in früheren Leben, dass mir dieses Glück vergönnt ist? (In den Schriften wird immer wieder von Yogis berichtet, die schwere Tapasyas (grob: Bußen) auf sich nehmen, um besondere Fähigkeiten zu erlangen oder besondere Geschenke als Lohn zu empfangen. Auf so etwas spielt der Āḻvār hier an.)
Die heilige Brust des Herrn von Śrīraṅgam, geschmückt durch Thiru (Mahālākṣmī) und göttlichen Schmuck, oh ich bin ihr Diener, ihr Sklave.

Vers 6

Der Herr ließ die Sorgen von Rudra (ein anderer Name von Śiva), der den Halbmond am Kopf trägt, verschwinden. (Dies könnte eine Anspielung auf die Begebenheit, in der ein Totenschädel an Śivas Hand gewachsen ist und nur durch den Rat Viṣṇus wieder entfernt werden kann.)
Er ist Periya Perumāl, der Herr von Śrīraṅgam, umgeben von fruchtbaren Gärten voller Bienen, deren Summen wie Gesänge schallt.
Sein heiliger Hals (durch den am Ende des Schöpfungszyklus das gesamte Universum und alle anderen Universen zu einer Phase der Inaktivität und Ruhe eingezogen werden), er erhob mich aus Samsāra.

Vers 7

Periya Perumāl hat das geschwungene Muschelhorn, das feuerspeiende Chakra, seine göttliche Form ist wie ein riesiger Berg und seine majestätische Krone duftet nach Tulsi.
Er ist mein Herr, ruhend auf dem Schlangenbett (Ādiśeṣa) in erhabenen Śrīraṅgam, erstaunliche Dinge tut er.
Sein roter, wundersamer Mund, er zog mich an.

Vers 8

Der Herr, in starker Form (nämlich in seiner From als Narasimha) zerriss den Dämon Hiraṇyakaśipu, er ist selbst für die höchsten Devas wie Bramhā schwer zu erreichen.
Er ist der Grund der Gründe, alle Gaben stammen von ihm, er ruht in Śrīraṅgam.
Seine großen, dunklen Augen, geziert durch rote Linien, ich verlor mich in ihnen.

Vers 9

Er, der die Welten verschlang und auf dem Blatt eines Banyan Baumes ruhte (als göttliches Kind, das mit dem Saugen an seinem eigenen Zeh vollkommen zurfrieden ist, – diese Form Gottes wird auch Vaṭa patra śāyī genannt) ruht in Śrīraṅgam auf Ādiśeṣa als weichem Bett. Die schwarze, göttliche Form des Herrn, unvergleichlich, geschmückt mit vielerlei Schmuck, die mein Herz erfüllt. Oh, was kann ich für ihn tun?

Vaṭa patra śāyī Skulptur an einem Tempel

Vers 10

Der von der Farbe und der Qualität der Wolken,
geboren im Clan der Kuhirten, dessen Mund die Butter stahl (eine Anspielung auf Kṛṣṇa),
er, der meinen Geist anzieht und der Herr der Nityasūris ist, er liegt in Śrīraṅgam.
Meine Augen, die ihn verehren, nichts außer ihm wollen sie mehr sehen.


Adiyēn Mādhava Rāmānuja Dāsan
Übersetzung Englisch – Deutsch
Adiyēn Krishna Rāmānuja Dāsan
Übersetzung einer Zusammenstellung tamilischer Kommentare auf Englisch

Autor: koyildeutschland

Sri Vaishnavam in Deutschland

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