Verbindungen durch Raum und Zeit

Śrīḥ
Śrīmathē śatakōpāya namaḥ
Śrīmathē rāmānujāya namaḥ
Śrīmath varavaramunayē namaḥ
Śrī vānāchala mahāmunayē namaḥ

Was denken Sie beim Wort Heiden? Als ich noch ein Kind war und in einer konservativ-katholischen Familie am Rande des Sauerlandes aufwuchs, dachte ich, dass Heiden in erster Linie nackt um goldene Figuren tanzen, die sie für Gott halten.

Erst viel später habe ich realisiert, dass dieses Bild uralte christliche Propaganda ist. Da war ich selbst schon Heide. Für mich heißt „Heide“ heute einfach: religiös, aber nicht in einer der drei Religionen des vorderen Orients. Ich bin nämlich Hindu. Wie es dazu kam ist eine längere Geschichte, die hier nicht von Belang ist.

Als ehemaliger Katholik fiel mir jedenfalls nach einger Zeit auf, dass vieles, was ich als Hindu kennen lernte, gar nicht wirklich neu für mich ist – ich kannte es in ähnlicher Form schon aus dem Katholizismus.

In diesem Artikel möchte ich viele solcher Parallelen zwischen Praktiken im Katholizismus und Hinduismus aufzeigen. Diese Parallelen sind, und dazu gleich mehr, für mich ein indirekter Hinweis darauf, dass die alten Religionen Mitteleuropas, aus denen die katholischen Praktiken höchstwahrscheinlich stammen, und die vedische Religion Indiens, deren moderne Form der Hinduisumus ist, eng verwandt sind.

Solche Parallelen zu analysieren ist dabei bei Leibe keine akademische Übung aus Freude am reinen Erkenntnisgewinn. Nein, Hindus mit westlichen Wurzeln wie mir hilft eine solche Analyse, die vielen kleinen Konflikte zwischen einer in einem fernen Land kultivierten Tradition und der Lebenswelt hier zu überbrücken. Für Menschen, die als Neu-Heiden zur Religion unserer Vorfahren zurück kehren wollen, bietet der Blick auf eine lebendige und hochgeradig verfeinerte Form des Heidentums Orientierung und Inspiration. Z.B. gibt es meines Wissens keine zuverlässigen Quellen dazu, wie unsere Vorfahren ihre Götterbilder konkret verehrt haben. Also, welche Opfergaben genutzt wurden, wie sie angeboten wurden, was dazu gesagt oder gesungen wurde usw. In jedem der Hauptzweige des Hinduismus ist dies bis in die feinsten Details ausgearbeitet, hier gibt es also mehr als Genug Vorlagen, an denen man sich orientieren kann.

Doch zurück zum Thema. Wie kamen heidnische Elemente ins Christentum?

Christianisierung

Es mag so manchen überraschen, aber Nord- und Mitteldeutschland sind – gemessen an den Zeitskalen indischer Geschichte – noch nicht besonders lange christlich, und freiwillig sind die Menschen hier auch nicht Christen geworden. Die Christianisierung Deutschlands wurde maßgeblich von Karl dem Großen voran getrieben und ihm war Gewalt als Mittel dazu recht und billig. 

Gewalt und Zwang zum Christsein führten natürlich nicht dazu, dass die Menschen besonders fromm wurden, sondern dazu, dass sie ihren alten Glauben einfach heimlich lebten. Aus diesem Grund, so scheint es, wurden die alten Kultstätten gründlich zerstört und mit Kirchen überbaut, sowie im Laufe der Zeit viele Elemente aus der alten, heidischen Religion in das christliche Brauchtum übernommen.

Die Lutheraner haben diese heidnischen Elemente später als solche identifiziert und entfernt. Im Katholizismus, so wurde die alte Variante des Christentums später genannt, wurden diese Elemente aber bis heute überliefert und sind mir in meiner katholischen Jugend in großer Zahl begegnet. Die Gleichung lautet also

Katholizismus – lutheranisches Christentum = heidnische Elemente, die wir oft auch im Hinduismus finden.

Wenn ich im Folgenden Hinduismus schriebe, mag der Leser Buddhismus immer mit dazu denken. Überraschenderweise ist es nicht allgemein bekannt, dass der Buddhismus eine Abspaltung aus dem Hinduismus ist. Beide waren viele Jahrhunderte nicht einmal streng getrennt – viele Hindus verehrten Buddha als Avatar von Viṣṇu, religiöse Praxis und Symbolik im Buddhismus sind (in einigen Zweigen) kaum von der im Hinduismus zu unterscheiden.

Einstimmung: Echos aus alter Zeit

Vor einigen Monaten bin ich in einem alten katholischen Dorf in Mitteldeutschland spazieren gegangen. Unten sind einige Eindrücke vom Wegesrand, die an das alte Erbe, das in der katholischen Tradition verborgen liegt, erinnern.

Bildstock des heiligen Antonius – Schutzpatron der Reisenden
Bildstock mit dem Erzengel Michael
Alle Kreuze und Bildstöcke stehen unter Bäumen, meist sind es Eichen.
Römische Historiker berichten, dass die Germanen meist unter heiligen Bäumen beteten

Detailliertere Vergleiche

Prozessionen

In katholischen Gegenden gibt es das (heute oft sterbende) Brauchtum von Prozessionen. Hierbei wird eine geweihte Hostie in eine sogenannte Monstranz gesetzt und vom Priester unter einem Baldachin den Prozessionsweg entlang getragen. Normalerweise wird übers Jahr in jede der vier Himmelsrichtungen eine Prozession abgehalten.

Fronleichnahmsprozession, Quelle: Wikipedia

Für Katholiken ist eine geweihte Hostie nicht einfach nur ein Symbol, wie sie es für Lutheraner ist. Nein, sie ist der Leib Christi (theologischer Fachbegriff: Transsubstantiantion). Somit kann man sagen, dass nach katholischer Lehre der Leib Christi den Prozessionsweg entlang getragen wird.

In indischen Tempeln gibt es normalerweise eine bewegliche und eine fest installierte Version der Bildgestalt der jeweiligen Gottheit. Für uns Hindus ist eine solche Bildgestalt eine vollumfängliche Form Gottes (vgl dazu: unsere Praxis). Bei Tempelfesten, sogeannten Utsavams, wird die bewegliche Bildgestalt unter einem großen Schirm um den Tempel getragen.

Prozession um einen südindischen Tempel

Ein Europa begleiten Blaskapellen eine Prozession, in Indien zumeist Trompeten und Trommeln (hier ein Video einer wichtigen Prozession eines großen Tempels).

Sowohl in Indien wie auch in Europa gibt es die Tradition, den Prozessionsweg mit Flaggen, Blumen und anderem zu schmücken.

Heiligendes Wasser

Neben dem Eingang jeder katholischen Kirche gibt es ein Töpfchen mit Weihwasser. Der Gläubige ist aufgefordert, sich beim Betreten der Kirche zur Reinigung damit zu bekreuzigen. In bestimmten Messen sprenkelt der Priester zusätzlich noch Weihwasser über die versammelten Gläubigen.

In der Vorbereitung der Bildgestalten-Vereherung in Hinduismus (Puja) werden alle Gegenstände zur Reinigung mit Wasser besprenkelt. Teil der Verehrung ist i.d.R. ein Bad der Bildgestalten mit Wasser (manchmal auch Milch), was gesammelt und zur Reinigung getrunken wird.

Räucherwerk

Weihrauch bei einer katholischen Messe, Quelle: Wikipedia
Verbrennen von Rächerwerk am Ganges, Quelle: Wikipedia

An wichtigen Feiertagen wird während einer katholischen Messe Weihrauch verbrannt.

Das Abbrennen von Räucherstäbchen oder Weihrauch ist fester Teil einer Puja.

Glocken

Es ist sicherlich bekannt, dass katholische Kirchen Glocken haben, die vor und nach der Messe geläutet werden. Zusätzlich gibt es kleinere Glocken, die zusamen mit den Turmglocken bei der Wandlung, in der die Hostie zum Leib Christi wird, geläutet werden.

Bei Verehrungs-Ritualen im Hinduismus werden ebenfalls an wichtigen Stellen Glocken geläutet, des weiteren haben viele Tempel Glocken, die man beim Betreten läutet und große fest installierte Glocken, die geläutet werden, wenn den Bildgestalten im Tempel Essen geopfert wird.

Türme

Nordeuropäischen Kirchen haben für gewöhnlich alle die selbe grundlegende Strukur: im Westen ist der Eingang, im Osten ist der Altarraum. Hinduistische Tempel haben keine so festgefügte Struktur, es gibt aber eine andere bedeutsame Gemeinsamkeit: Neben dem Eingang ist zumeist auch der Turm einer Kirche im Westen. Hindu-Tempel haben ein sogenanntes Gopuram (Go = glückbringend, Puram = Stadt), ein großes Bauwerk auf dem viele glückbringende Götter (Devas) und Symbole zu sehen sind. Dieses Gopuram ist der höchste Turm eines Tempel und gleichzeitig der Haupteingang.

Gopuram von Śrīraṅgam, Haupttempel unserer Tradition. Quelle: Wikipedia

Himmlische Spezialisten

Meine Großmutter war eine strenggläubige Katholikin. Wenn sie etwas verloren hat, betete sie immer zum Heiligen Antonius (von Padua). Wenn alte Bauern gutes Wetter für die Ernte benötigten, beteten sie zu Johannes und Paulus („Wetterherren“). An alten Brücken in katholischen Gegenden steht zumeist eine Statue des Heiligen Nepumuk, der für Brücken und Fließgewässer zuständig ist. Und das sind nur einige der vielen „himmlischen Spezialisten“, zu denen Katholiken früher gebetet haben.

Nepumuk Statue an einer Brücke. Quelle: Wikipedia

Wenn ich das Hindus aus Indien erzähle, führt das i.d.R. zu ungläubigem Staunen. Manche Leute behaupten ja, dass Hindus Polytheisten sind, weil sie zu vielen Göttern beten. Es gibt aber eine Art himmlicher Hierarchie – denn all diese Götter sind Devas – metaphyische Wesen, die für bestimmte Bereiche der Realität (wie z.B. Fließgewässer) zuständig sind, aber – je nach Unterströmung – Attribute / Aspekte / Modifikationen / Untergebene der höchsten Gottheit (Śrīman Nārāyaṇa) sind. Es gibt ein Deva für den Wind, ein Deva für das Feuer usw. Ganz so, wie die katholischen Heiligen für bestimmte Dinge zuständig sind!

Es mag Zufall sein, aber bei Nepumuk gibt es sogar eine Namensähnlichkeit zur Göttin der Flüsse und der Fruchtbarkeit, die er ersetzt hat: diese hieß Nerpus.

Die Muttergöttin

Wir Śrī Vaiṣṇavas verehren die göttliche Mutter Mahalakṣmī, die untrennbar mit dem Höchsten, Nārāyaṇa verbunden ist. Aus diesem Grund nennen wir ihn stets Śrīman Nārāyaṇa. Śrīman steht dabei für Mahalakṣmī. Sie ist die liebevolle Mittlerin (Mediatrix) zwischen ihm und den unzähligen bewussten Einheiten (Jīvāthmās, grob: Seelen).

Die Anhänger der drei abrahamitischen Religionen Judentum, Christentum und Islam rühmen sich ja bekanntlich damit, den Monotheismus etabliert zu haben. (Das ist natürlich vollkommener Unsinn, praktisch alle Hindus sind auch Monotheisten). Katholische Christen haben, wie bereits erwähnt, eine besondere Beziehung zu Heiligen. Unter ihnen wird die Gottesmutter Maria besonders geehrt, alleine in Deutschland gibt es 11 Wallfahrtsorte, an denen besondere Marienwunder geschehen sein sollen. In großen Kirchen gibt es oft besondere Marienaltäre, es gibt auch spezielle Marienkirchen, in denen der Fokus nahezu ausschließlich auf Maria gerichtet ist.

Marienaltar im Augsburger Dom

Nicht nur wir Hindus, auch die Lutheraner empfinden die Marienverehrung als kaschierte Verehrung der Muttergöttin. Weitere Evidenz, dass die Marienverehrung in der Tat die Verehrung der Muttergöttin ersetzt hat, lässt sich an der Rolle von Maria im Katholizismus finden. Hier die zweite Strophe des Ave Maria, dem wichtigsten Mariengebet, auf Latein – der Sprache, in der die alten Gebete ursprünglich verfasst wurden:

Sancta Maria, Mater Dei,
ora pro nobis peccatoribus
nunc et in hora mortis nostrae.

Interessant ist hierbei die zweite Zeile: ora pro nobis peccatoribus. „Ora“ (das Verb ist orare) heißt sprechen oder beten. „pro“ bedeutet für und „nobis peccatoribus“ bedeutet „uns Sünder“

Die Katholiken bitte also Maria, für sie zu sprechen / zu beten. Auch wenn Maria als Mediatrix natürlich in den theologischen Lehrbüchern nicht zu finden sein wird, legt „ora“ dem Gläubigen doch nahe, seinen Glauben in die göttliche Mutter als Mediatrix in Maria hinein zu projezieren.

Fazit

Wir haben somit vielen Parallenen zwischen „typisch katholischen“ Praktiken und Praktiken aus dem Hinduismus gesehen. Nimmt man lokale Traditionen und Gebräuche mit ins Bild, ließen sich wahrscheinlich noch dutzende weitere finden. Die Anzahl der Gemeinsamkeiten und die versteckte Gegenwart zweier sehr bedeutender Elemente des Hinduismus (Anrufung von Devas für bestimmte Aufgaben und Verehrung der göttlichen Mutter bzw Muttergöttin) im Katholizismus schließen aus meiner Sicht den Zufall als Grund für die Ähnlichkeiten aus.

Auch wenn der Grund dafür, dass diese Elemente noch sichtbar sind, sehr traurig ist (der geringe Erfolg der gewaltsamen Christianisierung), sind sie doch ein klarer Nachweis dafür, dass die Religion unserer Vorfahren in der vorchristlichen Zeit ein Verwandter der Religion ist, deren heutige Form als Hinduismus bekannt ist. Aus meiner Sicht hat der so erbrachte Nachweis auch deutlich mehr Gewicht als Ableitungen aus den Bemerkungen römischer und griechischer Historiker, da er nicht auf der Bebachtung Einzelner, sondern auf einer Analyse tausendfach ausgeübter religöser Praxis beruht.

Wenn wir aus dem Westen uns also dem Hinduismus, den wir Hindus Sanātana Dharma, die ewigen natürliche Ordnung nennen, zuwenden, so ist dies auch eine Zuwendung zu unseren eigenen Wurzeln. Die spirituelle Kultur Indiens ist, trotz diverser Veränderungen und Verwerfungen, Teil eine Kontinuums, das mindestens bis in die Bronzezeit zurück geht. Unsere Wurzeln in den Tiefen der Zeit sind vor 1100-1200 Jahren gewaltsam durchtrennt worden. Die Enge des mittelalterlichen Christentums und dessen Antithese, die Neuzeit mit all ihren Segungen und Irrungen, haben uns zusammen sehr weit von der Welt unserer Vorfahren entfernt. Auch wenn die Weisheit unserer Schamanen, Druiden und Seher wohl für immer verloren ist, hat doch die unendliche Güte des universalen Bewusstseins, das die Wurzel aller Realität ist (Śrīman Nārāyaṇas) eine weiterentwickelte und verfeinerte Form ihrer Weiheit auf dem indischen Subkontinent bewahrt.

Jeder muss natürlich für sich selbst entscheiden, ob er auf seiner Reise zu den eigenen Wurzeln Philosophie und Praktiken aus dem Hinduismus nur als Inspirationsquelle nutzen will oder – wie ich – durch Einweihung in ein bestimmte Lehrer-Schüler Tradition ein „richtiger“ Hindu wird. Auf jeden Fall sollte aber jeder, der hier lebt und nach Wurzeln und tiefer Weisheit sucht, beides, die vielfältigen Spuren der alten Religion unserer Vorfahren und ihren Cousin aus Indien, genau studieren – nur dann haben wir eine realistische Chance, auf dieser Suche erfolgreich sein.

Adiyēn Mādhava Rāmānuja Dāsan
Geschrieben von Mādhava, Diener Rāmānujas