Was ist das, was ich als Welt wahrnehme?

Auf Quora (deutsch) wurde folgende Frage gestellt:

Kann etwas, das nicht in meinem Geist enthalten ist (dessen ich mir nicht bewusst bin) Teil einer Wirklichkeit sein? Geschieht überhaupt etwas außerhalb des Geistes und getrennt von mir, das ich beobachten kann, ohne dass es Teil des Bewusstseins ist? Oder ist alles, was ich wahrnehme, bereits in mir enthalten?

Mādhava
Diese Frage lässt sich auf die Frage nach der grundlegenden Konstitution der Realität reduzieren.

Advaita Philosophen würden die letzte Frage mit „Ja“ beantworten. Dieser Philosophie zufolge gibt es keine „echte“ Realität außerhalb des Bewusstseins, letztendlich ist alles, was ich wahrnehme, eine Art Projektion oder Traum.

Dem halten die Philosophen anderer Denkschulen entgegen, dass dies unter anderem zu einer Art logischem Zirkelschluss führen würde. Denn alle Aussagen über die Natur der Realität wären ja dann genau so irreal wie die Realität selber. Insofern ist es unter dieser Voraussetzung vollkommen unmöglich, irgendwelche sinnvollen Aussagen zu machen – Philosophie wäre sinnlos, weil es ja dann überhaupt keinen Anker für Realität, die über die grundlegende Aussage „ich existiere“ hinausgeht, gibt. Alles ist irreal, alles ist Illusion. Somit ist die Advaita Aussage sinnlos, sie entzieht sich selbst die Basis.

Die einzig logische Konsequenz aus dieser Erkenntnis wäre der Zen Ansatz, man macht keine Aussagen zur Realität und hofft einfach irgendwann aufzuwachen.

Aber dieses Aufwachen kann natürlich genauso irreal sein alles andere – so wie ich in einem Traum träumen kann aufzuwachen, in Wirklichkeit aber weiter schlafe.

Somit käme die Antwort „ja“ aus einer sehr düsteren und deprimierenden Welt ohne klaren Ausweg aus meinem jetzigen Bewusstseinszustand.

Ich als Anhänger der Vishishtadvaita Philosophie, einer modifizierte Fassung des Advaita, würde die Frage daher mit „Nein“ beantworten. Es gibt eine Realität außerhalb meines Bewusstseins, und deswegen ist es möglich philosophische Aussagen zu machen, und es besteht eine grundlegende Hoffnung, meinen jetzigen Zustand zu verändern.

Adiyēn rāmānuja dāsan

Kommentar zu dieser Antwort:

Thomas L. Horváth
Alle Dinge entstehen im Geist bzw. sind eine Schöpfung des (alleinigen und einzigen) Geistes. Was wir wahrnehmen ist keine Außenwelt, sondern erscheint in unserem Bewusstsein. Wenn Du bspw. einen Baum siehst, entstehen in Deiner Netzhaut elektro-chemische Signale, die in einem kleinen Punkt deines Gehirns das Bild des Baums erzeugen. Ob da draußen (inkl. des Wahrnehmungsprozesses) tatsächlich etwas ist, was diesen Reiz auslöst, kannst Du nicht wirklich überprüfen. Deine Wahrnehmung der Welt (auch des Wahrnehmungsprozesses selbst) unterscheidet sich nicht von der Wahrnehmung eines von dir erwähnten Traums. Unsere ganze Erfahrung ist eine Konstruktion des Geistes, eine Form, die im Bewusstsein erscheint. Diese geistigen Formen sind nicht von physischer Substanz, sondern aus Geist geformt. Wir stellen uns vor, dass eine Welt da draußen so wäre, wie die Formen, die im Bewusstsein erscheinen. Was uns dabei als grundlegende Dimensionen und Attribute der physischen Welt erscheint – Raum, Zeit, Materie und Energie – sind nur die grundlegenden Dimensionen und Eigenschaften der Formen, die im Bewusstsein erscheinen. Materie ist also aus Geist gemacht, mehr noch, sie ist Geist. Das Beobachtete, der Vorgang des Beobachtens und wir, der Beobachter, sind eins.

Dem Vorhandensein anderer Menschen und Meinungen, einer Umwelt, von Unfällen oder Messgeräten ist gemeinsam, dass diese und ihre Ergebnisse oder Wirkungen in unserem Bewusstsein entstehen, andernfalls sie nicht vorhanden wären.

Der bloße Gedanke, dass etwas außerhalb des Bewusstseins existieren könnte, enthält in sich einen völlig ungerechtfertigten und gänzlich unmöglichen Einwand, da das, was sich außerhalb des Bewusstseins befindet, auch ein Inhalt des Bewusstseins werden muss. Andernfalls könnte es kein Bewusstsein davon geben, dass da etwas außerhalb des Bewusstseins wäre. Auch ist es nicht möglich, dass etwas, das dem Charakter nach nicht selbst Bewusstsein ist, zu einem Inhalt von Bewusstsein werden kann, da der Bewusstseinsinhalt in Beziehung zu Bewusstsein gebracht werden muss, um überhaupt zu seinem Inhalt werden zu können.

Da es also nichts gibt, außer Deiner Wahrnehmung Deiner inneren Welt, musst Du sie zwangsläufig allein konstruiert (erschaffen) haben. Die gesamte Welt, alle Philosophen, Gurus, alle Mitmenschen sind Deine ureigene Erfindung, eine Projektion in die Leere Deines Seins, inmitten der Finsternis des >Ich-Bin<, der einzig wahren Realität, die Deinem einzigen und alleinigen Bewusstsein zukommt! Nenne Dich Schöpfer, Gott oder Sünder, was spielt das für eine Rolle, wo es nichts außer Dir gibt? Nichts außer Dir und Deiner Halluzination, mit der Du Dich identifizierst, um dem Wahnsinn zu entgehen. Erkenne, dass Du alleine bist: Der >Ich-Bin< in der Leere der Finsternis Deines eigenen Bewusstseins.

(Finsternis und Licht sind übrigens ein- und dasselbe: In einem ~“harmonischen Gleichgewicht”~ findet das Licht nichts, woran es sich reflektieren könnte und ist mithin finster. Schau den Vollmond an: Eine gleich große Fläche neben diesem enthält genauso viel Licht und erscheint doch dunkel!)

Mādhava
Ach ja, das gute alte Advaita. Genau dieses Zeug wird schon ewig erzählt, das macht es aber nicht sinnvoller. Da ich mich in meiner Antwort scheinbar nicht gut ausgedrückt habe, hier noch mal warum diese Denkart sinnlos ist:

  • Wenn ich sage: „alle Dinge entstehen aus Geist, über eine Außenwelt außerhalb des Geistes sind keine Aussagen möglich“ sage ich impliziert, dass es keine Realität gibt. Es gib nur das, was im Bewusstsein auftaucht und das kann Traum, Wachzustand, LSD, Matrix Simulation sein – egal, alles ist im „Feld“ in der Terminologie der Bhagavad Gīta, es gibt keine Hierarchie.
  • Damit ist aber auch die Aussage vom Anfang Teil des Feldes und hat damit ebenfalls keinen Realitätsgehalt. Sie ist gleichbedeutend mit der Aussage: “ich sage dir die Wahrheit: ich sage dir nicht die Wahrheit“.
  • Deswegen sagt den Zen Meister nur „Wuff“. Alle anderen Aussagen, alles philosophieren, ist sinnlos.
  • Ich könnte den Zen Meister dann aber auch einen Fußtritt verpassen und einen Stock hinwerfen, einfach weil er Wuff und nicht Miau gesagt hat und es mir eben so in den Sinn kam. Ist ja alles vollkommen beliebig weil irreal…

Sofern ich also die Existenz eines „Außen“, einer Welt außerhalb des Bewusstseins nicht akzeptiere, bewege ich mich in einer bizarren Welt vollständiger Beliebigkeit, in der selbst die ursprüngliche Verneinung einer Außenwelt keine eindeutig wahre Aussage ist.

Thomas L. Horváth
Ist denn die Aussage aus meinem dritten Absatz nicht zutreffend? Hier nochmal:

Der bloße Gedanke, dass etwas außerhalb des Bewusstseins existieren könnte, enthält in sich einen völlig ungerechtfertigten und gänzlich unmöglichen Einwand, da das, was sich außerhalb des Bewusstseins befindet, auch ein Inhalt des Bewusstseins werden muss. Andernfalls könnte es kein Bewusstsein davon geben, dass da etwas außerhalb des Bewusstseins wäre. Auch ist es nicht möglich, dass etwas, das dem Charakter nach nicht selbst Bewusstsein ist, zu einem Inhalt von Bewusstsein werden kann, da der Bewusstseinsinhalt in Beziehung zu Bewusstsein gebracht werden muss, um überhaupt zu seinem Inhalt werden zu können.

Und ist auch folgende Überlegung ein Holzweg?

Wenn wir Materie heranzoomen,
löst sie sich letztendlich in Leere auf.

Schauen wir weit/tief genug in das Universum,
löst es sich in Leere auf.

Einzig >Ich-Bin< besteht.
Dies ist die von jedermann erfahrbare Wirklichkeit.

Mādhava
In der Tat, das ist nicht zutreffend. Denn wir haben ja, insbesondere mit Mathematik und Logik, Werkzeuge entwickelt, die Rückschlüsse auf Objekte ermöglichen, die sich außerhalb unseres normalen Bewusstseins finden.

Das klassische Beispiel dafür sind Rauch und Feuer. Aus der Beobachtung von Rauch an einem weit entfernten Berg kann ich mit ziemlicher Sicherheit auf die Existenz von Feuer schließen, ohne es direkt gesehen oder gespürt zu haben.

Mit Hilfe der Relativitätstheorie kann man Dinge innerhalb des Ereignishorizonts eines schwarzen Lochs beschreiben – also Sachen, die ich von außen unmöglich messen kann.

In sofern ist das Argument „etwas muss bereits im Bewusstsein sein, sonst kann es nicht wahrgenommen werden“, im Alltag ungültig. Hiergegen gibt es zwei Argumente:

  1. Das zeigt gar nichts, denn Rauch kommt auch ins Bewusstsein, also wird das Feuer faktisch nur anders wahrgenommen. Entgegnung: dieses Gegenargument ist sinnlos, denn natürlich muss etwas ultimativ im Bewusstsein ankommen, um wahrgenommen zu werden. Das Beispiel zeigt, dass man Dinge ins Bewusstsein holen kann, die vorher nicht da waren.
  2. Dies mag zwar in der (eingebildeten?) Außenwelt der Fall sein, in der Innenwelt gilt es nicht. Entgegnung: wir stimmen überein, dass am Ende alles Teil des Feldes wird, dass das Bewusstsein wahrnimmt. Wieso soll dann eine strukturelle Eigenschaft eines Teils dieses Feldes (die Möglichkeit, andere Dinge ins Feld zu holen) innerhalb des Feldes unterschiedlich ausgeprägt sein? Das würde eine Hierarchie in das Feld einführen – was Teil meiner realistischen Position ist, nicht aber die von Advaita / der buddhistischen Leerheitslehre.

Die These, das etwas von seinem Inhalt Bewusstsein sein muss, um im Bewusstsein zu sein ist des Pudels Kern: damit wird das Ergebnis als Axiom in die Argumentation geschmuggelt.

Unsere Manas, die Vorverarbeitung der Sinne, machen genau das, sie machen Dinge für das Bewusstsein wahrnehmbar indem sie filtern, aggregierten und sie dann ins Feld geben.

Schließlich die Leerheit. Die Buddhisten sagen „Leer“, meinen aber „Potenzialität ohne Form“. Brahman, so nennen wir Hindus das. Wenn etwas leer ist, kann es nicht voll sein. Aus Nichts entsteht nur dann etwas, wenn man „Nichts“ in „Etwas“ undefiniert. Kann man tun, Sinn macht es aber nicht…

Thomas L. Horváth
Ich habe lange nachgedacht ohne zu einem überzeugenden Schluss zu kommen. Advaita oder Vishistadvaita Vedanta, letztlich ist die höchste Wirklichkeit jenseits aller Philosophien. Anstatt uns also über Spitzfindigkeiten in der Weltanschauung zu streiten, gilt es, die höchste Wirklichkeit zu erkennen und zu erfahren. Dazu – und weil ohnehin kein bestimmter Weg zur Wahrheit führt und es daher einerlei ist – wähle sich ein jeder die Philosophie aus, die ihm am meisten liegt… 😉 🙂

Mādhava
Nun, das klingt natürlich nett – aus meiner Sicht sind das aber keine Spitzfindigkeiten, sondern fundamentale Fragen, die für meinen Weg, genauer gesagt die Definition des Ziels meines Weges und der Mittel zur Zielerreichung eminent wichtig sind.

Zudem, ohne Philosophie kann ich meine unmittelbaren Erfahrungen des Tattvas nicht einordnen. Ramakrishna ist ein gutes Beispiel dafür: Tattva erfahren, philosophisch wirre Schlussfolgerungen gezogen.

Nun ja, wie auch immer – erst einmal eine gute Zeit und bis demnächst auf Quora

Adiyēn rāmānuja dāsan

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